75 Jahre „Weiße Rose" Leben mit einem Geköpften im Haus

11.07.2018

Der Widerstandskämpfers Kurt Huber wurde am 13. Juli 1943 von den Nazis hingerichtet. Sein Sohn war damals vier Jahre alt.

Professor Wolfgang Huber, der Sohn von Kurt Huber, konnte erst im Alter von 50 Jahren über seinen Vater sprechen.
Professor Wolfgang Huber, der Sohn von Kurt Huber, konnte erst im Alter von 50 Jahren über seinen Vater sprechen. © privat

München – Vor ziemlich genau 75 Jahren flogen die Flugblätter der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ von der Galerie hinunter in den Lichthof der Münchner Universität. Wenn heute daran erinnert wird, dann denken Viele zuerst an die Geschwister Scholl. Wolfgang Huber denkt wohl zuallererst an seinen Vater: Kurt Huber. Er war der Professor der Geschwister Scholl, der geistige Mentor und Mitautor des fünften und sechsten Flugblatts. Am 13. Juli 1943 wurde er hingerichtet. Sein Sohn war damals vier Jahre alt. Ein bisschen kann Wolfgang Huber sich noch an seinen Vater erinnern, an sein Gesicht, daran, dass er gelegentlich geraucht hat, dass er eher streng, aber liebevoll war. Aber es sind die vagen Erinnerungen eines Vierjährigen. Woran er sich allerdings noch sehr gut erinnern kann, ist, wie seine Mutter sich nach dem Tod des Vaters mit zwei kleinen Kindern alleine durchschlagen musste. Geholfen haben ihnen die Geschwister der Mutter und auch viele andere Menschen: „Wir fanden gelegentlich Geld im Briefkasten, anonym abgegeben, und wir wissen bis heute nicht, wer es war.“

Vater war großes Vorbild

Daheim wurde über den Vater nicht geredet, erzählt Huber und ergänzt, das sei nicht nur bei ihnen so gewesen: „Ich habe immer wieder gehört, dass Familien von Widerstandskämpfern über den eigentlichen Widerstand so gut wie nicht gesprochen haben. Also, wenn man mit einem geköpften Vater im Haus lebt, spricht man darüber nicht.“ Dabei sei ihm klar gewesen, dass sein Vater nichts Falsches getan hatte. „Man hat das Gefühl, mit dem Vater ist irgendetwas passiert und das möchte man nicht immer wieder aussprechen.“ Im Nachkriegsdeutschland gab es außerdem noch viele Menschen, deren Denkweise sich nicht mit Kriegsende geändert hatte. „Meiner Schwester hat mal einer gesagt, er hätte unseren Vater nicht nur geköpft, sondern auch noch gevierteilt“.

Auch über die politischen Motive wurde daheim nicht gesprochen. Der Vater war immer das unerreichte, große Vorbild, der Gescheiteste. Manchmal hat Huber auch mit seinem Vater gehadert. Denn, wenn der in der Verhandlung gesagt hätte, das letzte Flugblatt sei nicht von ihm gewesen, sondern von den Geschwistern Scholl, dann hätte er ihnen damit nicht mehr geschadet. Denn sie waren zu diesem Zeitpunkt längst tot. „Aber andererseits muss man sagen, er ist wirklich zu der Sache gestanden,“ erklärt er.

Erst nach 50 Jahren hat der Huber angefangen, über seinen Vater zu sprechen. „Den Ausschlag gab meine Frau. Die hat nicht locker gelassen. Sie wollte wissen, was da passiert ist, wollte mitfühlen.“ Zuerst sprach das Ehepaar über die politischen Beweggründe. „Da konnte ich über den Vater reden, ohne allzu persönliche Sachen preiszugeben“. Und erst dann konnte Wolfgang Huber auch über sich und seine Gefühle reden.

Wissenschaftlich hat er, der selbst Professor für Deutsche Sprachwissenschaft ist, sich dem Vater über die Verteidigungsrede vor dem Volksgericht genähert. Die sei oft zitiert, aber selten im Zusammenhang gesehen worden. Dabei herausgekommen ist das Buch „Kurt Huber vor dem Volksgerichtshof: Zum zweiten Prozess gegen die Weiße Rose“, eine sorgfältig kommentierte, historisch-kritische Edition der originalgetreuen Notizen seines Vaters. Im Juli ist ein weiteres Buch erschienen: „Die Weiße Rose – Kurt Hubers letzte Tage“. Darin verarbeitet Huber die Briefe, die sein Vater aus dem Gefängnis an die Familie geschrieben hat – und die er lange nicht lesen wollte.

Podcast

7§§Brigitte Strauß-Richters hat in "Hauptsache Mensch", einer Talksendung des Münchner Kirchenradios, mit Wolfgang Huber gesprochen.§§ Den Podcast zu Sendung finden Sie hier.

Die Autorin
Brigitte Strauß-Richters
Radio-Redaktion
b.strauss-richters@st-michaelsbund.de

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