Debatte über Abtreibungen Lebensschutz als Herausforderung

25.09.2020

Zur Unterstützung des bundesweiten Aktionstags „Safe Abortion Day“ soll das Münchner Rathaus lila beleuchtet werden. Medizinier Stephan Pilsinger über die ethische Fragestellung, die medizinischer Fortschritt mit sich bringt.

Münchner Rathaus
Das Münchner Rathaus soll am "Safe Abortion Day" lila beleuchtet werden.

München – Stadträtinnen und Stadträte von SPD und Grünen fordern, dass sich die Landeshauptstadt München am Montag, 28. September, am bundesweiten Aktionstag des „Safe Abortion Day“ für eine Streichung des Paragraphen 218 StGB beteiligt, indem am Aktionstag das Rathaus lila angestrahlt und beflaggt wird (siehe blauer Kasten).

Mit einer ersatzlosen Streichung des Paragraphen 218 StGB wären künftig Abtreibungen ohne jede Einschränkung bis zur Geburt möglich. Die meisten Abtreibungen erfolgen aus persönlichen Gründen. Bei Spätabtreibungen nach der zwölften Schwangerschaftswoche sind zumeist behinderte Kinder betroffen. Der vollständige Wegfall der gesetzlichen Regelung würde unweigerlich dazu führen, dass künftig das Leben jedes ungeborenen Kindes bis zur Geburt zur Disposition steht. Der Staat würde damit die ihm obliegende Schutzfunktion gegenüber dem ungeborenen Leben aufgeben.

Die aktuelle Rechtslage in Bezug auf Schwangerschaftsabbrüche unter Beachtung der Vorgaben des Bundesverfassungsgerichtes ist das Ergebnis jahrzehntelanger intensiver öffentlicher Debatten. Ich bin der Meinung, dass die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes zu einer Befriedung der Gesellschaft geführt hat. Wir sollten diesen in weiten Teilen der Gesellschaft vorherrschenden Konsens nicht gefährden.

Was darf man und was darf man nicht?

Als Arzt habe ich in meinem Alltag einen konkreten Einblick in die unterschiedlichsten Situationen und Probleme meiner Patienten sowie in die medizinischen Möglichkeiten. Was heute medizinisch machbar ist, ist teils faszinierend, teils aber auch gefährlich. Insbesondere in den Bereichen der Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik berührt der medizinische Fortschritt die Grundfragen unserer menschlichen Existenz und führt uns in ethische Fragen hinein. Es geht um das richtige Handeln und damit um die Suche nach Urteilen, was moralisch gut und richtig oder falsch und verwerflich ist. Letztlich betrifft es die Frage: „Was darf man und was darf man nicht?“

Medizinisch ist heute vieles möglich. Die Frage ist, ob wir auch alles dürfen, was medizinisch machbar ist. Uns sind von ethischer Seite her Grenzen gesetzt, über die es im Lichte des medizinischen Fortschritts immer wieder nachzudenken gilt. Als gläubigem Katholiken schenkt mir die christliche Lehre dabei ein festes Fundament.

Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen hält uns den unbedingten Wert und die Würde eines jeden Lebens vor Augen und weist darauf hin, dass es keine graduelle Abstufung des Menschseins geben kann. Der christliche Glaube zeigt uns jedoch auch, dass wir im Letzten nicht Herr über Leben und Tod sein können. Auch wenn sich die Gesellschaft weitgehend von einer bestimmten Religion gelöst hat, bin ich der Überzeugung, dass die auf dem christlichen Menschenbild basierende Lehre der Kirche auch zukünftig wichtige Prinzipien und Aspekte zur Bewertung medizinethischer Fragestellungen beitragen kann. (Stephan Pilsinger, Arzt, CSU-Politiker und Mitglied des Deutschen Bundestags)

CSU-Stadträte im Münchner Rathaus hatten als Reaktion auf den Antrag der Grünen und der SPD, sich am bundesweiten Aktionstag für eine Streichung des Paragraphen 218 StGB zu beteiligen, indem am Aktionstag das Rathaus lila angestrahlt und beflaggt wird, einen Gegenantrag gestellt.

Die CSU argumentiert, dass sich die Landeshauptstadt München in weltanschaulichen Fragen weiterhin neutral verhalten solle. Eine Beleuchtung und Beflaggung des Rathauses widerspreche dem Neutralitätsgebot, dem amtliche Stellen, wie etwa Bundesministerien, Landesregierungen und auch Stadtverwaltungen, unterworfen seien. Gerade „bei hochemotionalen weltanschaulichen Fragen und Themen verbietet es sich für die Landeshauptstadt München, Partei zu ergreifen“, lautet die Ansicht der CSU. Die Stadt solle respektieren, dass es in solchen Fragen in der Münchner Bevölkerung ein breites Meinungsspektrum gebe.

Nichtsdestotrotz genehmigte der entscheidungsberechtigte Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) das Anliegen von Grünen und SPD: „Angesichts der Tatsache, dass die Safe-Abortion-Day-Bewegung 1990, also vor nunmehr 30 Jahren, ihren Ursprung nahm, bin ich jedoch bereit, die Idee der Beleuchtung des Rathauses am 28.9.2020 zu unterstützen. Auch halte ich es für wichtig, auf ein gesellschaftlich kontrovers diskutiertes Thema wie Menschenrechte, Frauenrechte, Gleichbehandlung und Selbstbestimmung am Aktionstag aufmerksam zu machen“, heißt es in seinem Antwortschreiben. (mk)


Das könnte Sie auch interessieren

München bei Nacht
© imago images/Westend61

Münchner Rathaus blieb unbeleuchtet

Nach Kritik von CSU und Kirche wurde die für Montag geplante Aktion zum "Safe Abortion Day" verboten. Ein Sprecher erklärt den Schritt der Regierung von Oberbayern.

29.09.2020

© imago images/Eibner

Erzdiözese kritisiert Beleuchtung des Münchner Rathauses

Eine Streichung des Paragraphens, der Schwangerschaftsabbrüche gesetzlich regelt, fordert der Aktionstag "Safe Abortion Day". Vertreter des Erzbistums München und Freising sehen darin keine Lösung des...

28.09.2020

© AdobeStock_blende11.photo

Propagandabeleuchtung für Abtreibung

Weil das Münchener Rathaus heute Abend lilafarben angestrahlt wird, erzeugt der Safe Abortion Day dieses Mal besonders große Aufregung.

28.09.2020

Ein Mädchen mit Trisomie 21 macht eine Grimasse im Park.
© pololia - stock.adobe.com

Für mehr Mut zu einem Leben mit einem behinderten Kind

Rund 40.000 Menschen haben in Deutschland das Down-Syndrom. Zu dessen Welttag am 21. März wirbt Wolf-Dietrich Trenner, Vorsitzender des Arbeitskreises Down-Syndrom Deutschland, im Interview für mehr...

21.03.2020

Seit nun 20 Jahren berät Donum Vitae Frauen zur Schwangerschaft.
© AdobeStock/Antonioguillem

Schwangerenberatung 20 Jahre Donum Vitae in Bayern

Zum Jubiläum hat der Verein für Schwangerenkonfliktberatung prominente Unterstützung aus der Politik bekommen. Die Geschichte von Donum Vitae zeigt eindrücklich die Macht der Laien.

21.10.2019

Symbolbild
© takasu - stock.adobe.com

Werbeverbot für Abtreibungen Kirche: Änderung von Paragraf 219a "überflüssig"

Nach einem Kompromiss innerhalb der Bundesregierung sollen sich Schwangere zukünftig leichter über Möglichkeiten für eine Abtreibung informieren können. Die katholische Kirche hat dazu über einen...

29.01.2019

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren