Büchereifachtagung Schloss Hirschberg Legendäres Treffen

31.07.2017

Ausgebucht bis auf den letzten Platz waren die Jahreskurse des Sankt Michaelsbundes auf Schloss Hirschberg auch heuer wieder. Warum sind diese Tage so legendär? Eine Recherche...

Erfolgreiche Tagung in malerischem Ambiente: Schloss Hirschberg. © SMB/Kreutzkam

Hirschberg – "Schloss Hirschberg ist Legende“. Nicht nur eingefleischte Fans der Jahreskurse für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Büchereien auf Schloss Hirschberg raunen fast schon ehrfürchtig diesen Satz. Auch langjährige Mitarbeiter des Sankt Michaelsbundes (SMB). Was ist dran am Mythos? Ich bin zum ersten Mal dabei auf Schloss Hirschberg, das über Beilngries im malerischen Altmühltal thront. Und, soviel sei jetzt schon verraten: Die Mischung macht’s.

„Hallo“ schallt es hier, „wie geht’s?“, hört man dort in der Eingangshalle. Munteres Gewusel beim Eintreffen der gut 150 Teilnehmer des zweiten Kurses, vorwiegend Damen übrigens. Neulinge wie ich werden nicht nur hier sofort integriert und geduldig eingewiesen, sondern später in der „Einsteigerrunde“ von den beiden Kursleitern Stefan Eß, dem geschäftsführenden Direktor des SMB, sowie Michael Sanetra, dem Leiter der Landesfachstelle, in kleinem Kreis mit einem Sekt willkommen geheißen. Lampenfieber, Schüchternheit, Zurückhaltung werden mehr und mehr überwunden.

Im Hörsaal lauschen derweil alle Teilnehmerinnen schockiert den Zahlen, die Sabine Uehlein, Geschäftsführerin Programme der „Stiftung Lesen“, präsentiert. „7,5 Millionen Menschen in Deutschland, die zwischen 18 bis 65 Jahren sind, können weder lesen noch schreiben“, sagt Uehlein, „das sind 14,5 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland.“ Dagegen will die Stiftung mit ihrer neuen Kampagne „Es fängt mit Lesen an“ steuern. Bei Kindern und Teenies soll die Lust aufs Buch geweckt, ihnen deutlich gemacht werden, was ihnen Lesen alles bringen kann. „Den Vortrag fand ich genial“, freut sich Marina Esterer von der Stadtbücherei Neuötting, und sieht sich bestärkt, noch mehr für Bücher und Lesen zu werben.

Preisträger des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises

Mucksmäuschenstill bleibt es gut eineinhalb Stunden, als Comic-Künstler Reinhard Kleist Ausschnitte seiner aufrüttelnden Graphic Novel „Der Traum von Olympia“ per Beamer an die Wand wirft. „Meine Freunde haben mich gewarnt, das wird ein Flop“, beginnt Kleist seinen Vortrag. Sie hatten Unrecht. Die Graphic Novel wurde im vergangenen Jahr mit dem Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Kleist erzählt auch, wie er mit dem Fernsehsender ARTE und dem Skizzenblock in der Hand in den Nord-Irak gereist ist, um Flüchtlingslager zu besuchen. Marianne Brucker, von der öffentlichen katholischen Bücherei St. Zeno in Isen, ist begeistert. „Ich bin eigentlich kein Comic-Fan“, gibt sie zu, „aber jetzt ist bei mir der Funke übergesprungen, ich werde diese Graphic Novel Schülern der Klassen 1 bis 9 vorstellen.“ Brucker ist, wie ich, zum ersten Mal dabei, „fühlt sich bereits ein bisschen zu Hause“ und ist „überwältigt vom Angebot“. Marisol Sundermann, von der Gemeindebücherei Altes Rathaus Holzkirchen, nickt zustimmend. „Ich bin ein alter Hase hier“, lächelt sie, „für mich ist Hirschberg das Highlight des Jahres. Die Vorträge sind einfach klasse – wo bekommt man sonst Kontakt zu Comic-Zeichnern?“ Beide schwirren weiter, um andere kennenzulernen, Bekannte zu treffen. In der Halle vor dem Speisesaal sind viele Tische schon besetzt, es wird gelacht, geratscht, Ideen werden ausgetauscht.

Zahlreiche Neuerscheinungen wurden auf Schloss Hirschberg vorgestellt. © SMB/Kreutzkam

Kaum Anerkennung für ehrenamtliches Engagement

Dabei erfahre ich, wie viel die Büchereidamen leisten. Zwei bis drei Stunden, so erzählen sie mir, sollten sie für das Ehrenamt wöchentlich aufbringen. „Ich arbeite bis zu 20 Stunden in der Woche ehrenamtlich in der Bücherei“, schüttelt eine Dame den Kopf. „Das ist sonst nicht zu schaffen.“ Besondere Anerkennung für ihr Engagement bekommt sie jedoch nicht. Schwer zu glauben, zumal wir im ersten Vortrag gehört haben, wie wichtig Lesen, ergo wie wichtig ein Bücherei-Angebot vor Ort in den Gemeinden ist. Die Frauen beratschlagen, wie und wo man auf seine Leistung aufmerksam machen könnte. Das ist ein Teil dieses vielbeschworenen Mythos Hirschberg. Die Begegnung, die gegenseitige Unterstützung. Stefan Eß, der geschäftsführende SMB-Direktor ist der gleichen Meinung: „Für uns ist es auch ein Zeichen des Dankes für den Einsatz in den Büchereien vor Ort. Fortbildung, Erfahrungsaustausch und Zeit miteinander verbringen sind enorm wichtig.“ „Stimmt“, pflichtet ihm Bertram Blum bei, stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes Sankt Michaelsbund. „Begegnung ist ein zentraler Bestandteil von Hirschberg, aber auch Erholung, Fortbildung und die gegenseitige Bestärkung – das ‚Wir-Gefühl‘“. Domkapitular Gerhard Auer, Vorsitzender des Landesverbandes Sankt Michaelsbund, nickt. „Hier gibt es eine grundsätzliche Bestärkung in der Arbeit, Solidarität und Unterstützung.“

Beispielsweise in unterschiedlichen Arbeitsgruppen, in denen SMB-Mitarbeiterinnen den Frauen an der Bücherfornt hilfreiche und praktische Tipps geben: Zum Beispiel welche Veranstaltungen sie rund um das religiöse Buch des Monats organisieren, wie sie den Online-Shop zum Aufbau ihres Bestandes nutzen können und wie sie erfolgreich Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Wobei deutlich wird, dass bislang kaum jemand Facebook nutzt, weil einfach die Kapazitäten nicht da sind, dass allerdings literarische Weinproben oder WeinLese-Abende ein Renner sind, während es schwierig ist, an die Zielgruppe Senioren heranzukommen. Vielleicht vermehrt Seniorenzeitschriften anbieten?

Erzählcafé bringt Generationen zusammen

Eine vergleichsweise einfache wie wunderbare Möglichkeit, Generationen ins Gespräch zu bringen: das Erzählcafé. Man stelle einem Pfarrer, Politiker oder Promi eine genaue Frage zu seiner eigenen Biographie – los geht’s. „Hier soll Alltagswissen weitergegeben werden“, erklärt Kursleiterin und SMB-Diözesanstellen-Leiterin Sabine Adolph, „das kann die Kreisbäuerin sein, der ehemalige Schulleiter oder ein Geschäftsmann.“ „Das ist eine sehr gute Idee“, lächelt Marianne Eichhorn von St. Hildegard im Münchner Stadtteil Pasing, „ich werde Geschäftsleute ansprechen.“ Auch Ulrike Hartl aus Hengersberg nimmt Ideen mit aus diesem Kurs. „Umsetzbar wäre ein Erzählcafé mit Django Asül, der ja in Hengersberg lebt.“

Während sich nun einige andere mit mir im Rahmen einer kurzen Schlossführung dem Mythos Hirschberg nähern, bei der wir erfahren, dass Hirschberg im 13. Jahrhundert eine Ritterburg, später eine Bischöfliche Burg und im 20. Jahrhundert ein Begegnungs- und Exerzitienhaus war, stöbern sich andere in verschiedenen Sälen unter wunderschönen Stuckdecken durch Neuerscheinungen bei Sachbüchern, Romanen, Kinder- und Jugendbüchern oder Hörbüchern. Konzentriert blättern sie, lesen, vergleichen. Später werden im Hörsaal besondere Novitäten der SMB-Buchberaterinnen Susanne Steufmehl, Elisabeth Burgis, Angelika Rockenbach sowie der Leiterin der SMB-Buchhandlung Lesetraum, Regina Heinritz, den Büchereimitarbeiterinnen ans Herz gelegt, die eifrig Notizen machen. Diese „so schön vorbereiteten und aufbereiteten Vorträge zur Vorauswahl“ (Marina Esterer) der etwa 100.000 Neuerscheinungen, die pro Jahr herauskommen, schätzen die Teilnehmerinnen sehr. Selbst der Nicht-Literatur-Fachmann (ich) erhält hier den Durchblick.

Christian Brückner zog die Zuhörer auf Schloss Hirschberg in seinen Bann. © SMB/Kreutzkam

Stargast Christian Brückner begeistert die Teilnehmer

Hörbücher von Stargast Christian Brückner liegen ebenfalls aus. „The Voice“ wird er genannt, der sympathische, zurückhaltende Mann, der Hollywoodgrößen wie Robert Redford oder Robert de Niro in Filmen seine Stimme geliehen hat, ist dem Mythos Hirschberg schon erlegen. Normalerweise, so hört man nämlich aus seinem Management, kommt er immer nur gezielt zu seinen Auftritten. Hier auf Hirschberg jedoch bleibt er die ganze Woche für die drei Jahreskurse. Brückner, so viel sei an dieser Stelle gesagt, könnte das Telefonbuch vorlesen, und alle, wirklich alle würden stundenlang zuhören. Auf Hirschberg war es Homers Odyssee. Auch das keine leichte Kost, aber vorgelesen mit dieser Stimme … Das Auditorium ist verzückt. Auch die Eichstätter Theologie-Professorin Sabine Bieberstein fesselt ihre Zuhörerinnen mit ihrem spannenden Vortrag „Maria Magdalena: Jüngerin und Apostelin oder Sünderin und Hure?“ und nimmt die Anwesenden mit auf ihrem Spaziergang durch die Evangelien.

Ella Hausner von der Stadtbücherei Herrieden strahlt, als sie das Schloss verlässt. „Ich bin das fünfte Mal hier, der Hirschberg beflügelt“, schwärmt sie, „die Informationen, die nette Stimmung, das Ambiente, die Begegnungen, also, es ist einfach klasse, man kommt total bereichert, um nicht zu sagen beweihräuchert nach Hause.“ Ja, genau das ist er, der Mythos Hirschberg. Und ja, die Legende lebt.

Die Autorin
Susanne Hornberger
Münchner Kirchenzeitung
s.hornberger@st-michaelsbund.de

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