Die katholische Soziallehre Leitplanken des sozialen Lebens

13.05.2020

Die katholische Soziallehre bildet das Fundament der Bundesrepublik und wird gerade in Zeiten von Corona wieder relevant. Aber sie verlangt dem Einzelnen auch viel ab.

Ein obdachloser Mann liegt auf der Straße
Die katholische Soziallehre beschäftigt sich mit der Frage, wieviel Leid die Gesellschafft aushalten sollte. © paul prescott - stock.adobe.com

München – Wer Monsignore Christoph Huber, Diözesanpräses des Kolping Bildungswerks München, dabei zuhört, wie er die katholische Soziallehre erklärt, der fühlt sich unweigerlich an die soziale Marktwirtschaft erinnert. Und dem stimmt Huber auch sofort zu: „Es ist kein Wunder, dass Leute wie Konrad Adenauer und später der kürzlich verstorbene Arbeitsminister Norbert Blüm rheinische Katholiken waren.“

In der Corona-Krise werden nicht nur die Rufe lauter Pflegekräfte und andere systemrelevante Arbeiter besser, angemessener zu bezahlen, sondern oft geht es weiter: Das bedingungslose Grundeinkommen erlebt eine Renaissance, auch Verstaatlichungen von Unternehmen werden gefordert und auch außerhalb von Kirchenkreisen ist mehr und mehr von der Rückkehr der katholischen Soziallehre zu hören.

75 Jahre praktische Erfahrung

Dabei ist die Bundesrepublik Deutschland eigentlich ohne katholische Soziallehre gar nicht denkbar. Denn nach dem Horror des Zweiten Weltkriegs und zwischen den beiden Extremen, dem neo-amerikanischen Kapitalismus und der sowjetischen Planwirtschaft, suchte die junge Bundesrepublik einen eigenen Weg. Auch weil die Geschichte gelehrt hatte, wie wichtig sozialer Frieden für eine Gesellschaft ist, entwarfen Bundeskanzler Konrad Adenauer und der Bankier Hermann Josef Abs die soziale Marktwirtschaft. 

Ihnen und den anderen Architekten, natürlich genau wie Alfred Müller-Armack, dem Urheber des Begriffes soziale Marktwirtschaft, waren die Grundprinzipien der katholischen Soziallehre, Solidarität, Subsidiarität und Personalität, gut vertraut. Diese wurden nämlich auch schon weit vor 1949 gelebt: Die Katholische Arbeitnehmer Bewegung (KAB), die Caritas und natürlich das Kolpingwerk orientieren sich an den Ideen der katholischen Soziallehre.

Die Prinzipien der katholischen Soziallehre

Mit Personalität ist gemeint, dass jeder als Geschöpf Gottes eine unantastbare Würde besitzt, die sich nicht aus Besitz oder Eigenschaften resultiert. Daraus entwächst aber auch der Anspruch auf Hilfe, sollte eine Person mit den eigenen Fähigkeiten und Begabungen sein eigenes Leben nicht gestalten können – also etwa verarmen.Bei Solidarität geht es nicht um Gnade und Barmherzigkeit oder einen Almosen von dem, was ich eh übrig habe, sondern sowohl das Recht auf Solidarität als auch die Pflicht dazu. Mit Subsidarität ist gemeint, dass jede einzelne Einheit der gesellschaftlichen Ordnung – angefangen beim einzelnen Menschen über die Familie, Dorf, Landkreis und so weiter – grundsätzlich selbst am besten weiß, was es braucht. Eine übergeordnete Instanz sollte nur einspringen, wenn eine kleinere Einheit Hilfe benötigt.Aber auch im Kleinen ist auch nicht alles gut, sondern es gilt das Prinzip des Gemeinwohls, d.h. das was allen dient, hat Vorrang vor Einzelinteressen. Also mein vielleicht sogar berechtigtes Bedürfnis darf hinter das Gemeinwohl zurückgestellt werden. Das Prinzip des Gemeinwohls ist erst später hinzugestoßen und wird oft als übergeordnete Grundlage verstanden.Auch wenn Nachhaltigkeit natürlich schon länger ein Thema ist, hat vor allem Papst Franziskus das Prinzip der Ökologie zur Soziallehre hinzugefügt. Es schließt die Bedürfnisse des Planeten mit ein.

Corona hat nicht alles verändert

In der Corona-Krise zeigen sich eigentlich genau die Stärken sozialen Marktwirtschaft:Wir brauchen ja nur nach Amerika zu schauen, wo es keinen Sozialstaat gibt“, stellt Huber einfach fest. Denn auch wenn die Situation für viele ausgesprochen schwierig ist – auch für das Kolpingbildungswerk selbst – so wird doch viel abgefedert. Soforthilfen und Rettungspakete greifen genauso wie die konventionellen Sozialhilfen. Dass jetzt Pleitewellen und Massenentlassungen drohen, ist nicht dem Staat geschuldet – im Gegenteil: Die soziale Marktwirtschaft ist der Grund, warum der Schaden im Vergleich zu anderen Ländern eher klein sein wird.

Aber auch vor Corona war nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Denn spätestens seit den 1980er-Jahren verlor der soziale Friede an Wertschätzung.Das andere ist eine wahnsinnig starke Wirtschaft, die uns vorgegaukelt hat, der freie Markt regelt alles“, sagt Huber. Erst mit der Bankenkrise hätten wir gemerkt, dass das so wohl nicht stimme. Wir waren uns ja alle einig, dass wir zu viel zahlen, weil wir in Deutschland ja eh schon die höchsten Sozialabgaben haben und die Politik hat ja schon gemacht: Hier ein halbes Prozent weniger und da auch. Das US-amerikanische Kapitalismus-Modell gewann in Deutschland vermehrt an Einfluss.

Geschichte der katholischen Soziallehre

Eigentlich stammt die Soziallehre aus der Endphase der Industrialisierung. In Zeiten von zunehmendem Pauperismus wurde die Kirche mehr in die Pflicht genommen, sich um die Armen zu kümmern. Und die Armen hieß nicht ein paar Menschen, sondern Großteile der Bevölkerung. Deshalb erließ der „Arbeiterpapst“ Leo XII. 1891 die erste explizite Sozialenzyklika „Rerum Novarum”: Darin argumentierte einerseits gegen den aufkommenden Sozialismus und gegen die Umwandlung von Privatgut in Gemeingut. Die beraube die Arbeiter nämlich der Erträge ihrer Arbeit und missachte den Eigentumsanspruch, der „dem Menschen von Natur zukommt“. Andererseits sprach er sich auch für eine gerechtere Entlohnung aus. Leo XIII. bezeichnet den Verstoß gegen die für ihn „allerwichtigste Pflicht der Arbeitgeber“ als „großes Verbrechen, das um Rache zum Himmel schreit“. Aus heutiger Perspektive erscheint besonders bemerkenswert, dass er die Kräfte des freien Marktes als Regulativ ablehnt und daraus schließt der Staat müsse klare Regelungen in den Arbeitsverhältnissen schaffen. Im Laufe der Zeit ist die Soziallehre immer wieder den Verhältnissen angepasst worden ohne dabei ihren Charakter zu verändern. Pius XI. und vor allem seit dem zweiten Vatikanischen Konzil hat fast jeder Papst seine Spuren hinterlassen. Zuletzt hat Franziskus mit seiner Enzyklika „Laudato Si“ den Aspekt der Ökologie verstärkt.

Eine einfache, zentrale Frage

Das hat auch zu astronomischen Gehältern geführt. Zum Beispiel im Profifußball. Aber ein Thomas Müller verdient aus einem einfachen Grund so viel Geld: Er leistet einen immensen Beitrag zum Bruttosozialprodukt. Seine Arbeit mag keinen hohen gesellschaftlichen Wert haben – im Gegensatz zu etwa einem Altenpfleger –, aber so entstehen Gehälter. Gehalt wird am Beitrag zum Bruttosozialprodukt gemessen, auch nach der Soziallehre. Denn: „Der Mensch muss die Möglichkeit haben, mehr zu leisten und auch zu verdienen.

Am Ende, sagt Huber, laufe alles auf eine zentrale Frage hinaus: „Was sind wir bereit zu zahlen? Und erläutert das an einem einfachen Beispiel: „Wir kaufen die beste Kaffeemaschine für 1.500 Euro, aber der Kaffee selbst soll möglichst billig sein. Damit bestimmt der Markt nicht nur den Preis, sondern eben auch Gehälter und Löhne: Die Produktion der Kaffeemaschine ist uns Geld wert, damit steigen dort auch die Löhne, die Kaffeebauern bekommen dagegen sehr wenig. Oder um beim Fußball zu bleiben: Wir zahlen Eintrittskarten, Trikots und andere Fanartikel und schauen Spiele im Bezahlfernsehen. Alles für teures Geld. Wären wir nicht bereit dazu, würden Profifußballer auch nicht so viel verdienen.

Das Beispiel lässt sich auf fast alle Dinge übertragen: Was ist uns etwa Kunst wert? Wenn man sich den ökonomisch oktroyierten Lebensstandard vieler Künstler anschaut, offenbar sehr wenig. Oder gerade aktuell: Wieviel soll der Spargel kosten? Die Bedingungen für die Arbeiter aus Osteuropa sind prekär, aber diese zu verbessern, würde den Preis für das beliebteste, deutsche Saisongemüse gewaltig in die Höhe schrauben.

Welchen Standard wollen wir als Gesellschaft haben?

Letztendlich sind es diese Fragen, die unsere Gesellschaft bestimmen. Und sie greifen sehr viel tiefer als Gemüse und Kaffee: Was ist uns unsere Gesundheit wert? Eine Krankenschwester generiert einen verschwindend geringen Anteil am Bruttosozialprodukt und wird dementsprechend schlecht bezahlt. Das liegt aber nicht an ihrer Arbeit, sondern daran, dass unsere Gesellschaft nicht bereit zu sein scheint, mehr für ein Gesundheitssystem zu bezahlen. 

„Welchen sozialen Standard wollen wir halten?, fragt Monsignore Huber. Was er damit meint, ist die Frage, wieviel Armut wir aushalten wollen. Wieder strebt er den Blick über den großen Teich an: „In Amerika haben die auch kein Problem damit, an vielen Obdachlosen vorbeizugehen. Wir sagen – Gott sei Dank –, dass jeder untergebracht werden sollte. Das empfinden wir als unseren sozialen Standard. Die Frage wird sich aber in Zukunft verstärkt stellen, denn unser gesellschaftlicher Wohlstand hat und wird durch die Corona-Pandemie leiden und die Frage wird sein: Reicht unser Standard unseren Ansprüchen noch?

Der genaue monetäre Wert dieses Anspruches lässt sich an jeder Gehaltsabrechnung in der Sparte Sozialabgaben ablesen. „Wenn ich jeden Monat auf meinem eigenen Lohnzettel die Sozialabgaben sehe, denke ich auch, das ist ja eigentlich viel zu viel, gibt Huber lachend zu. „Aber wir müssen uns immer wieder unseren sozialen Frieden vor Augen führen, den es nur gibt, weil wir dieses soziale Netz haben. Wichtig sei, erklärt er weiter, dass das Geld an der richtigen Stelle ankommt, dann gäbe es auch mehr Verständnis für die Höhe unserer Abgaben.

Eine Verhandlungsbasis

Aus der Corona-Krise ergeben sich keine neuen sozialen Fragen, die alten sind nur wieder aktueller geworden. Auch weil Armut sichtbarer geworden ist: Wer spätabends durch die Münchner Innenstadt läuft, sieht keine Partygänger mehr, sondern vor allem Obdachlose, Wanderarbeiter, die auf der Straße schlafen, Drogen- und Alkoholabhängige. Die waren alle schon vorher da, jetzt sind sie aber allein auf der Straße und deswegen sichtbarer. 

Die katholische Soziallehre gibt für diese Fragen Leitplanken vor, einen Rahmen innerhalb dessen verhandelt werden kann. Eine Welt nach katholischer Soziallehre wäre nicht gleich. Menschen wären immer noch arm oder reich, aber es könnte deutlich weniger Leid geben. „Unsere Gesellschaft kennt den Preis von allem und den Wert von gar nichts, sagt Monsignore Christoph Huber. Jetzt muss sie sich fragen, welchen Preis die Linderung von menschlichem Leid hat.

Der Autor
Thomas Stöppler
Volontär
t.stoeppler@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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