Seniorenstudium Lernen für die Seele

15.09.2018

Studenten sind junge Menschen, die sich auf ihr Berufsleben vorbereiten? Meistens ist das so. Aber nicht immer, wie das Zentrum Seniorenstudium an der LMU beweist. Gegründet hat das der Theologe Eugen Biser.

Hörsaal einer Universität
Hörsaal einer Universität © kasto - stock.adobe.com

München – Franz Höcherl genießt sein Studentenleben. Er besucht Vorlesungen an der Ludwig-Maximilians-Universität in München (LMU), trifft Kommilitonen in der Mensa und verbringt seine freie Zeit gerne in einem Studenten-Café in der Adalbertstraße. Seit fünf Jahren studiert er an der LMU – und zwar beim Zentrum Seniorenstudium. Denn Höcherl ist kein junger Student, der sich auf sein Berufsleben vorbereitet. Er ist 68 Jahre alt und schon einige Zeit im Ruhestand. Doch ihm war immer klar, dass er nach seinen 40 Berufsjahren in der Industrie seinen Horizont erweitern möchte. Er ist gelernter Schreiner und hat auf dem zweiten Bildungsweg an der damaligen FHS Rosenheim den Dipl. Ing. für Holz-/Kunststofftechnik gemacht. Damit erlangte er den Allgemeinen Hochschulabschluss und studierte anschließend BWL an der LMU.

Das Thema, das Höcherl am meisten bewegt: die Natur. Schon länger engagiert er sich ehrenamtlich im Bund Naturschutz und beschäftigt sich nun auch wissenschaftlich mit den Fragen, die sich um das Thema drehen. „Es ist aktueller denn je, dass wir die Schöpfung bewahren müssen“, sagt der gläubige Katholik. Er besucht Vorlesungen der Umweltethik, der Philosophie, der Religionswissenschaften und der Politik. Er will ein gesamtgesellschaftlicher Überblick bekommen. Höcherl sagt: „Wir Senioren sind an der LMU Teil vom Ganzen und nicht nur irgendein Zweig.“

Persönliche Auszeit

Auch Elfriede Hanke ist Seniorenstudentin an der LMU. Sie ist 84 Jahre alt und hatte in ihrer Jugend nicht die Möglichkeit zu studieren. Umso glücklicher macht es sie, dass sie seit 2015 Vorlesungen an der LMU besuchen kann. „Ich habe das Gefühl, ich kann fliegen an den Tagen, an denen ich an der Uni bin“, sagt Hanke. Zu Hause pflegt sie ihren Mann. Die Vorlesungen, den Kaffee zwischendurch und die Begegnung mit anderen Menschen genießt sie als ihre persönliche Auszeit.

Zwei Mal in der Woche besucht Hanke in der Vorlesungszeit die LMU. Sie hat für 100 Euro das, wie sie es nennt, „Mindestvorlesungsrecht“ erworben, wer 300 Euro investiert darf unbegrenzt Vorlesungen besuchen. Besonders interessant findet sie das Fach „Immunbiologie“. Dabei geht es um den Aufbau und die Bedeutung von menschlichen Zellen. „Man bekommt einfach einen Einblick in die aktuelle Forschung und was da alles möglich ist.“

Lebenslanges Lernen unterstützen

Elisabeth Weiß hält diese Vorlesung. Darüber hinaus leitet sie das Zentrum Seniorenstudium an der LMU und erklärt, dass es vor allem darum gehe, den Senioren Teilhabe zu bieten. Die Gesellschaft werde immer älter, und es sei wichtig, lebenslanges Lernen zu unterstützen und zu fördern. Im aktuellen Sommersemester sind 1660 Menschen eingeschrieben, im Wintersemester sind es meistens noch einige mehr. Lehrveranstaltungen aus allen Fakultäten sind für die Senioren geöffnet. Besonders beliebt sind Kunst, Geschichte und Philosophie. Aber auch Religionswissenschaften und Theologie spielen eine große Rolle. Schließlich sieht sich das Zentrum Seniorenstudium in der Tradition seines Gründers Eugen Biser. Der 2014 verstorbene Theologe und katholische Priester hat das Seniorenstudium an der LMU 1987 gegründet und 20 Jahre lang geleitet. „Dafür möchte ich mich posthum noch herzlich bei ihm bedanken“, sagt Franz Höcherl.

Austausch mit jungen Menschen

Einen akademischen Abschluss können die Seniorenstudierenden nicht erwerben. Offiziell sind sie Gasthörer. „Es ist schön, wenn man sieht, dass die jungen Kollegen eine Prüfung machen müssen, wir aber nicht“, sagt Franz Höcherl und schmunzelt. Für ihn steht etwas Anderes im Vordergrund, zum Beispiel der Austausch mit jungen Menschen. In der Mensa, im Café, nach den Vorlesungen – er kommt gerne ins Gespräch. „Das Miteinander mit den Jungen ist sehr gut.“ Ähnlich wie Höcherl geht es auch Elfriede Hanke. „Ich diskutiere gerne mit Menschen, die eine andere Meinung haben als ich“, sagt sie. Das halte jung. Und genau das ist der Gedanke des Seniorenstudiums: Ältere Menschen zu begeistern, ihr Interesse für die Wissenschaft zu wecken – und sie mit der jüngeren Generation zusammenzubringen.

Der Autor
Lukas Schöne
Radio-Redaktion
l.schoene@st-michaelsbund.de


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