Schule und Corona Lernen und Gaudi in den Pfingstferien

07.06.2021

Büffeln in den Ferien – und das auch noch freiwillig! Rund 75 Kinder und Jugendliche haben an der „FerienLernGaudi“ der Erzdiözese München und Freising teilgenommen. Doch das war nur ein kleiner Schritt, die Lücken zu füllen, die durch die Pandemie entstanden sind.

Jugendliche und Kind schreiben Briefe
Eva und Marwa schreiben sich Briefe. © SMB/Kelpe

München – Am liebsten schreibt Marwa Briefe. An die anderen Kinder oder die „Großen“, die ihr beim Lernen helfen. Dann formuliert sie immer ein kleines Lob, ein paar nette Worte oder einen Dank auf den kleinen bunten Zettelchen. Die kommen dann in den Postkasten und am Ende des Tages werden alle Briefe ausgeteilt und vorgelesen. Gerade hat die zweite Pfingstferienwoche begonnen und die zehnjährige Marwa kommt gerne zur „FerienLernGaudi“ der Gemeinschaft Sant’Egidio im Münchner Norden. Dort bekommt sie Hilfe bei den Hausaufgaben und kann endlich wieder mit anderen Kindern spielen. Außerdem ist noch ein gemeinsames Picknick im Olympiapark geplant, worauf sie sich sehr freut. Die Gemeinschaft Sant’Egidio ist eine von vielen Einrichtungen in München, die an der „FerienLernGaudi“ der Erzdiözese München und Freising teilnehmen. Kinder und Jugendlichen können im Rahmen des Ferienprogramms Lerndefizite, die durch die Corona-Pandemie entstanden sind, aufholen. Für die „Gaudi“ sorgt dann ein buntes Freizeitprogramm. Koordiniert wird das Programm von dem Projekt „Flucht, Asyl, Migration und Integration“ (FAMI) der Erzdiözese.

Nicht alle haben die gleichen Voraussetzungen

An Marwas Seite sitzt Eva. Beide schreiben konzentriert an ihren Briefen. Eva geht in die elfte Klasse und ist einigermaßen gut durch den Lockdown gekommen. Mit einem eigenen Zimmer und eigenem Computer konnte sie beim Online-Unterricht ohne große Probleme mitmachen. Bei der zehnjährigen Marwa aus Syrien ist das anders. Sie teilt ihr Zimmer mit drei Geschwistern und konnte sich nur schwer konzentrieren. „Die meisten Aufgaben habe ich nicht verstanden“, erzählt sie. Nun hilft Eva Marwa beim Lernen. Bei Sant’Egidio hat jedes Kind einen oder eine „Große“ an ihrer Seite. Das sind in erster Linie Schüler und Studenten, die freiwillig helfen. „Viele der Kinder leben mit großen Familien in kleinen Wohnungen und können dadurch nicht richtig lernen. Einige haben auch nicht die Mittel dazu“, erklärt Eva. Viele von den Kindern haben einen Fluchthintergrund, kommen aus einer anderen Kultur und haben teilweise noch Sprachschwierigkeiten. Durch die intensive Betreuung, die über Monate hinausgeht, baut sich ein enger Kontakt auf. „Das ist uns besonders wichtig, dass niemand in der Pandemie verloren geht. Und man spürt auch wie Freundschaften zwischen den Kindern und Helfern entstehen und sie auch voneinander lernen“, erklärt Ursula Kalb, die Leiterin von Sant’Egidio.

Ohne Computer im Homeschooling

Auch im Münchner Osten gibt es in den Pfingstferien eine LernGaudi. Auf dem Schulhof spielen Jugendliche Basketball oder sitzen quatschend im Schatten. Es ist so warm, dass das Wassereis in ihren Händen auf den Boden tropft. Nach mehr als einem Jahr Pandemie ist das ein ungewohntes Bild. Noch dazu in den Ferien. Doch die Jugendlichen kommen auch hier freiwillig. „Wir wollten ihnen die Möglichkeit geben, aus dem Homeschooling zu kommen, und die Gaudi zu erleben, die sie seit mehr als einem Jahr nicht erleben konnten“, erzählt Mohamed El-Sayed vom kirchlichen Jugendzentrum Neuperlach, der das Ferienprogramm leitet. In Lerngruppen büffeln sie für den Quali oder wiederholen Mathe und Englisch. Auch diejenigen, die Deutsch nicht als Muttersprache haben, bekommen Unterstützung. Doch es zeigt sich auch hier, dass Corona vor allem diejenigen getroffen hat, die weniger haben. Die 14-Jährige Ichane ist im Homeschooling an Dingen gescheitert, die für andere ganz selbstverständlich sind: „Ich habe kein Handy und kein Gerät, mit dem ich online gehen kann. Dadurch konnte ich die Aufgaben nicht machen und meine Noten sind extrem runter gegangen.“ Im nächsten Jahr möchte sie ihren Abschluss machen und konnte bei der LernGaudi zum Glück einiges aufholen.

„Die Folgen werden erst in Jahren sichtbar werden“

In der FerienLernGaudi der Pfingstferien konnten rund 75 Kinder und Jugendliche ein bisschen Normalität erleben. Doch was in dem Jahr Pandemie für Lücken entstanden sind und was die Situation langfristig mit ihnen gemacht hat, ist noch nicht absehbar. Die Auswirkungen von Corona machen aber deutlich, dass die gesellschaftliche Teilhabe noch ungleicher geworden ist. Viele sind weiter an den Rand gerückt.  „Die Folgen werden erst in Jahren sichtbar werden“, meint Monsignore Rainer Boeck, der das Projekt „Flucht, Asyl, Migration und Integration“ (FAMI) der Erzdiözese leitet. „Das, was wir mit dem LernGaudi-Projekt aufgesetzt haben, muss sich weit in die Breite fortsetzen.“ Dafür stellt die Erzdiözese in diesem Jahr auch 200.000 Euro bereit.

Dass es in den einzelnen Einrichtungen weitergeht, ist für alle Beteiligten klar. Und dass es auch für die Sommerferien eine LernGaudi geben wird, daran wird schon geplant. Die Pfingstferien waren ein voller Erfolg. Bei Sant’Egidio werden am Ende des Tages noch die Briefe verteilt. Marwa bekommt heute einen Brief von Eva. Eva schreibt ihr, wie schön der Tag mit ihr war. (Eileen Kelpe, Volontärin beim Sankt Michaelsbund)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

Das könnte Sie auch interessieren

Schulklasse
© Vasyl - stock.adobe.com

Religionslehrkräfte positionieren sich zum Synodalen Weg

Religionslehrkräfte sind das Gesicht der Kirche im Klassenzimmer. Sie haben eine Mittlerrolle zwischen der Institution Kirche und dem katholischen Nachwuchs. Wie steht die Berufsgruppe zum Synodalen...

29.05.2021

Jugendlicher sinkt mit gesenktem Kopf vor jemandem
© motortion - stock.adobe.com

Salesianer: Not junger Menschen wächst

Jungen Menschen am Rand muss besser geholfen werden: Darauf weist die Ordensgemeinschaft hin. Sie ist Träger von Einrichtungen der Kinder-und Jugendhilfe.

19.05.2021

zwei Personen sitzen an einem Tisch mit Unterlagen und Stiften
© Freedomz - stock.adobe.com

Ein Kickstart für benachteiligte Schüler

Seit über einem Jahr ist der Schulalltag von der Corona-Pandemie geprägt. Viele Schüler leiden unter der Situation. Die Münchner Caritas reagiert darauf mit einem Angebot.

30.04.2021

Stoffe an einem Seil
© Kiderle

Ein Fahnenmeer der Hoffnung

Masken, Kontaktbeschränkungen, Ausgangssperren: Seit über einem Jahr ist der Alltag von der Pandemie geprägt. Da fällt es manchmal schwer, optimistisch zu bleiben. Das "Netzwerk Junge Erwachsene" in...

27.04.2021

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren