Prälat Scheipers ist tot Letzter überlebender Priester aus KZ Dachau verstorben

10.06.2016

Prälat Hermann Scheipers wurde 102 Jahre alt. Er war der letzte Überlebende aus dem Pfarrerblock des nationalsozialistischen Konzentrationslagers Dachau. Kaum einer ist dem Tod so oft entkommen wie er.

Der letzte Überlebende aus dem Priesterblock des Konzentrationslagers Dachau,Prälat Hermann Scheipers, ist verstorben. (Bild: imago) (Bild: imago) © imago

Kaum einer ist dem Tod so oft von der Schippe gesprungen wie Hermann Scheipers. Über vier Jahre war er im Priesterblock des KZ Dachau inhaftiert. Als ihm auf dem Todesmarsch Richtung Alpen bei Starnberg die Flucht gelingt, bringt er sich zunächst in einem Pfarrhaus in Sicherheit. Doch statt sich dort zu verstecken, um die Befreiung durch die Amerikaner zu erwarten, verkleidet er sich als alte Frau, stopft sich Lebensmittel in die Taschen und stellt sich nachts an den Wegrand, um seinen vorbeiziehenden Kameraden ein Stück Brot zuzustecken. Solidarität ist ihm wichtiger, als das eigene Leben zu retten. „Der liebe Gott hat mich vergessen“, scherzte er vor drei Jahren bei seinem 100. Geburtstag. Nun hat ihn der Herrgott in sein himmlisches Reich heimgeholt, dorthin wo ihm schon so viele seiner einstigen Leidensgefährten vorausgegangen sind.

Haft im "größten Kloster der Welt"

Der 1913 im Münsterland geborene Scheipers kommt bereits als junger Priester der Diözese Meißen in Konflikt mit dem NS Staat. Weil er seine Kirche auch für polnische Zwangsarbeiter öffnet, wird er verhaftet. Als er betont, dass Polen für ihn genauso Menschen sind wie Deutsche, bringt man ihn nach einem Gefängnisaufenthalt nach Dachau. Zusammen mit 3000 weiteren Priestern, darunter fast 1000 aus Polen, wird er im sogenannten Pfaffenblock interniert. Die Haft im „größten Kloster der Welt“ wird für ihn zur prägendsten Erfahrung seines Lebens. Erlebnisse, wie etwa die geheime Priesterweihe von Karl Leisner sind für ihn der Beweis, dass Gott die Inhaftierten auch in der Hölle von Dachau nicht vergessen hat. „Noch nie war ich Gott so nah, wie im KZ“ kommentiert er die Jahre hinter Stacheldraht.

Geschätzer Zeitzeuge

Nach seiner Flucht fährt er mit dem Fahrrad zunächst in seine Heimat Münster. 1946 kehrt er in sein Bistum Meißen zurück, um weiter als Seelsorger zu arbeiten. Mit der Gründung der DDR gerät Scheipers erneut in Konflikt mit einem politischen System. Weil er sich den Mund nicht verbieten lässt, entgeht er nur knapp der Verhaftung. Als er als Ruheständler 1983 ins Münsterland zurückkehrt, wird er zu einem geschätzten Zeitzeugen. Unermüdlich reist er durch das Land, hält Vorträge, besucht Schulklassen, um ihnen zu vermitteln, wie sehr Priester unter Hitler als Staatsfeinde galten. Für sein Engagement wird er mit zahlreichen Auszeichnung geehrt, darunter das Bundesverdienstkreuz und der polnischen Kavaliersorden. Gestern Abend verstarb er in einem Altenheim im westfälischen Ochtrup. Am Sonntag, 12. Juni, findet um 11 Uhr in der evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau ein ökumenischer Trauergottesdienst für Scheipers sowie die ebenso kürzlich verstorbene jüdische Zeitzeugin Mirjam Ohringer statt. (Max Kronawitter)

Der Autor des Textes, Max Kronawitter, war Hermann Scheipers eng verbunden. Fast zehn Jahre hat der Filmemacher den Pfarrer begleitet und mit ihm gedreht. Die daraus entstandene Dokumentation "Zwischen Heiligen und Verbrechern" schildert seine Zeit im Konzentrationslager Dachau und seine Flucht während eines der sogenannten Todesmärsche.


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