Assistierter Suizid Liebe bis zum letzten Atemzug

19.06.2018

Eine Mutter steht vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens: Soll sie ihre schwerkranke Tochter in die Schweiz begleiten - zum Sterben?

„Jetzt werden wir uns erst einmal Bern ansehen“, sagt Hildegard (links), die zusammen mit ihrer 89-jährigen Mutter hierher gekommen ist, um in dieser Stadt ihrem Leben ein Ende zu setzen.
„Jetzt werden wir uns erst einmal Bern ansehen“, sagt Hildegard (links), die zusammen mit ihrer 89-jährigen Mutter hierher gekommen ist, um in dieser Stadt ihrem Leben ein Ende zu setzen. © Kronawitter

München – Als ich sie kennenlernte, war die Entscheidung längst gefallen. Sie wollte ihrem Dasein ein Ende setzen und eine Schweizer Sterbehilfeorganisation sollte ihr dabei helfen. Eine langjährige Lebererkrankung hatte ihr das Leben verleidet. Deshalb hatte sie beschlossen, ihren Schmerzen ein für alle Mal ein Ende zu setzen. Auf meine Einwände und Bedenken reagierte sie nur mit einem Lächeln: „Wenn ich mir unsicher wäre, hätte ich Sie gar nicht eingeladen“, gab sie mir zu verstehen.

Aufmerksam geworden war ich auf die 66-jährige Hildegard bei der Recherche für mein Filmprojekt „Selbstbestimmt sterben“. Eigentlich wollte ich darin zeigen, wie Menschen auf der Palliativstation der Barmherzigen Brüder ihren letzten Weg in Würde gehen dürfen. Allerdings äußerte die Redaktion den Wunsch, als Kontrast auch eine andere Wirklichkeit einzufangen: Was bewegt Menschen, ihrem Leid durch Suizid ein Ende zu setzen? Lange habe ich mit mir gehadert, ob ich etwas begleiten kann, was ich doch ablehne. Schließlich aber überwog die Überzeugung, dass man sich mit dem Sterbetourismus in der Schweiz auseinandersetzen muss, statt ihn zu verschweigen.

Drei Tage Schweigen, dann stimmte sie zu

Nun saß ich in Hildegards Wohnung, die in wenigen Wochen aufgelöst werden sollte, weil die Mieterin nicht mehr leben würde. Ein beklemmendes Gefühl, das nur von meiner journalistischen Neugierde überspielt wurde. Bereitwillig erzählte sie mir von den Modalitäten ihres geplanten Suizids. Alles hatte sie akribisch vorbereitet, nur eines fehlte noch. Jemand musste sie auf ihrem Weg in den Tod begleiten, um sie nach getaner Tat behördlich zu identifizieren. Diese Aufgabe hatte sie ihrer Mutter zugedacht. Doch immer noch zögerte sie, die in einem Seniorenheim lebende Frau zu fragen.

Als ich Hildegard 14 Tage später erneut besuchte, war auch das geschehen: „Erst hat sie getobt!“, gestand sie mir. „Wie kannst du nur?“, hatte die Mutter immer wieder flehend gefragt. Auf keinen Fall, so ihre Reaktion, möchte sie mit diesem Selbstmord etwas zu tun haben. Drei Tage hüllte sie sich in Schweigen. Dann kam der Anruf. Sie stimmte zu. Als ihr klar geworden war, wie ernst es der Tochter mit ihren Plänen war, traf sie eine Entscheidung, die – wie sie mir später erzählte – die schwerste ihres Lebens war: Sie wollte dabei sein, wenn ihre Tochter ihrem Leben ein Ende setzt. Warum?

"Ich muss doch wissen, wie sie gegangen ist"

Auf dem Flug in die Schweiz hatte ich viel Zeit, um mich mit der alten Dame zu unterhalten. Offenbar war sie froh, dass jemand neben ihr saß, der ihre ablehnende Einstellung teilte. Gefragt, warum sie schließlich doch zugestimmt hatte, meinte sie: „Wie könnte ich als Mutter meine Tochter im Sterben allein lassen? Ich muss doch wissen, wie sie gegangen ist?“ Die beiden Sätze brannten sich bei mir ein, auch wenn keine Kamera dabei lief. Wie groß muss eine Liebe sein, dachte ich, der es gelingt, jemandem bei einer Tat beizustehen, die er zutiefst verabscheut? Das Bedürfnis, die Tochter in ihrer wohl einsamsten Stunde zu begleiten, hat sie gedrängt, sich das Unzumutbare zuzumuten.

Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie es wohl sein muss, wenn die Mutter mit ihrem Kind ein Zimmer betritt, das sie wenige Augenblicke später mit einer Toten teilen wird? Allein die Tatsache, dass ein Kind vor den Eltern stirbt, stellt den gewohnten Lauf der Dinge auf den Kopf. Das hier war noch brutaler. Der Motor war kein unbarmherziges Schicksal, sondern der freie Wille eines Menschen. Vielleicht hat die Mutter während des Fluges an eine dieser unzähligen Situationen gedacht, die jede Kindheit prägen: Der starke, mütterliche Arm hält das Mädchen zurück, bewahrt es davor, auf die Straße zu laufen oder in ein Gleis zu fallen. Nun, da nicht irgendeine Gefahr lauerte, sondern der sichere Tod, reichte der Arm der 89-Jährigen nicht mehr aus. Welch qualvolle Minuten der Ohnmacht.

Sie war bereit, das Letzte zu geben

Mag der Schmerz bei einer Geburt noch so groß sein, er mündet doch in einen Glücksmoment: Das Neugeborene wird in die Arme der Mutter gelegt. Hier sollte der Schmerz zu noch größeren seelischen Qualen führen: Zwischen Mutter und Tochter schiebt sich eine unüberwindbare Wand, der Tod. Zu all dem hatte sich die 89-Jährige bereit erklärt. Sie hat nicht gedroht, „wenn du das tust, dann will ich nicht mehr deine Mutter sein“, um sich dem Dilemma zu entziehen. Sie war bereit, das Letzte zu geben, das ihr in diesem Leben geblieben war: die einzige Tochter. Auch für mich waren das schwere, zermürbende Stunden.

Nach der Landung in Zürich bestiegen wir den Zug nach Bern. Unentwegt habe ich die beiden Frauen beobachtet. Wie versteinert blickte die Mutter oft aus dem Fenster, während die Tochter intensiv den Inhalt ihre Tasche sortierte. Auch dieses Utensil wollte sie offenbar in bester Ordnung hinterlassen. Als sie mir einen kleinen, entleerten Geldbeutel als Geschenk überreichte, zitterten meine Hände.

"Ich werde müde"

Als ich mich von den beiden Damen vor einem Schweizer Hotel verabschiedet habe, meinte Hildegard: „Jetzt werden wir uns erst einmal Bern ansehen.“ Noch zwei Tage verbrachten die beiden in der Stadt, besuchten Museen, gingen Essen, flanierten durch die Straßen, bevor ihnen von der Sterbehilfeorganisation der Ort ihres Abschieds mitgeteilt wurde. Wie ein Wohnzimmer hätte der Raum gewirkt, erzählte mir die Mutter, als ich sie Wochen später noch einmal besuchte. „Alles war friedlich und es war für mich ein Trost, dass sie nun keine Schmerzen mehr hat,“ erzählte sie mit tränenden Augen. Und dann schilderte sie mir den Abschied: „Ich hab sie noch einmal fest gedrückt und gesagt: Grüß Vati und beide Omas und Opas von mir, wenn du oben ankommst. Die letzten Worte von ihr waren: ,Ich werde müde! Tschüss Mutti!‘“ Dann starb sie.

An ein Weiterleben nach dem Tod konnte die Tochter, wie sie mir mehrmals beteuerte, nicht glauben. Ihrer Mutter war diese Hoffnung offenbar in der Stunde des Abschieds durchaus ein Beistand. Der Gedanke, dass ihr Kind den vor Jahren verstorbenen Vater wiedersehen würde, gab ihr Trost. Vielleicht, so habe ich mir auf der Heimfahrt gedacht, war das der Schlüssel zu ihrer außergewöhnlichen Liebestat: Wer sein Tun eingebunden weiß in eine alles tragende Wirklichkeit, der vermag womöglich zu tun, was die eigenen Kräfte übersteigt. (Max Kronawitter)


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