Kultserie Lindenstraße im Pfarrhaus

26.03.2020

Von den 1758 Lindenstraße-Folgen hat er rund 1500 gesehen, schätzt Herbert Aneder. Der Priester hat durch die Serie auch viel für die Seelsorge gelernt.

Treuer Zuschauer einer Kultserie: Pfarrer Herbert Aneder.
Treuer Zuschauer einer Kultserie: Pfarrer Herbert Aneder. © Moser/Bauer/SMB

Buchbach - Gabi Zenker hätte Herbert Aneder gerne in seinem Pfarrgemeinderat. Die Figur aus der Lindenstraße hat schwerste Schicksalsschläge erlitten, vom Aids-Tod ihres ersten Mannes bis zur Entführung und Ermordung ihres Sohnes, und bleibt trotzdem oder gerade deswegen eine gläubige Christin. „Ich glaube so ein Mensch kann in einer Gemeinde wirklich ein tiefes Zeugnis geben“, sagt Herbert Aneder nachdenklich. Er ist Pfarrer in Buchbach bei Erding und Lindenstraßen-Kenner. Von den 1758 Folgen hat er schätzungsweise 1500 seit seiner Jugendzeit gesehen. „Die Serie spiegelte das Leben und zwar nicht von den oberen Zehntausend, sondern von Menschen wie du und ich.“ Deshalb ist er über die Jahrzehnte ein treuer und oft sogar begeisterter Zuschauer gewesen.

Treu trotz überdrehter Plots

Er erinnert sich sogar daran, dass ab Folge 64 ein katholischer Pfarrer als Charakter eingeführt wurde: Matthias Steinbrück. Der verliebte sich allerdings und kehrte der Kirche den Rücken. Es endete schlimm. Als er ein junges Mädchen mit Gewalt vor einer fatalen Verbindung retten will, wird er mit einer Bratpfanne erschlagen. Herbert Aneder gesteht ein, dass ihn derlei überdrehte Plots und Entwicklungen „dann nicht mehr überzeugt haben“, und er hat die  Lindenstraße eine Zeit lang links liegen lassen.

„Aber die Macher haben immer wieder einen neuen Pep hineingebracht, wo ich mir gesagt habe, das musst du jetzt doch wieder verfolgen.“ Er hat auch immer wieder über die eine oder andere Folge gepredigt. Und die Serie hat ihn als Seelsorger immer wieder inspiriert, etwa wie ein gutes Zusammenleben zwischen den Religionen gelingen kann. Besonders stark war er immer beeindruckt, wenn es in der Lindenstraße ans Sterben ging.

Manche Folge 15 Mal angeschaut

„Als eine leukämiekranke Mutter ganz natürlich und christlich Abschied genommen hat, ist mir das wirklich zu Herzen gegangen.“ Mindestens 15 Mal habe er die Folge angeschaut und viel für seine eigene Begleitung von Sterbenden und ihren Angehörigen mitgenommen: „Du brauchst in einem solchen Moment für die Fragen und die Verzweiflung keine Antworten zu haben.“ Es genüge, einfach nur da zu sein, „und auszuhalten: die Wut, die Trauer, manchmal sogar das Lachen, was da eben alles kommen kann.“

In vielen Szenen hat er sich auch gefragt, wie er als Pfarrer auf manche Figuren reagiert hätte. Etwa wenn die geschiedene Mutter Beimer zu ihm zur Kommunion gekommen wäre: „Ich glaube, ich hätte ihr die Hostie nicht verweigert, aber schon ein Gespräch mit ihr verlangt.“ Früher hat er sich die Folgen oft mit dem Videorecorder aufgezeichnet oder versucht noch eine Wiederholung anzuschauen, weil sich der Sendetermin oft mit einem Gottesdienst am Sonntagabend überschnitten hat. Seitdem es Mediatheken gibt, kann er seine Lieblingsserie leichter verfolgen.

Wehmütiges Dankeschön

Als er noch im Priesterseminar war, reagierten manche Kollegen immer wieder „verständnislos“, dass er Folge für Folge dran blieb: „Für die einen ist halt die Oper Kult und für mich war´s eben die Lindenstraße.“ Dass nun nach 35 Jahren Schluss ist, kann Herbert Aneder aber auch verstehen, besonders wenn er an das nachwachsende Publikum denkt, „das vielleicht nicht mehr so viel Interesse am realen Leben hat und auch nicht die Geduld, die  Entwicklung von Figuren über Jahre zu verfolgen.“ Ihm geht es ja selbst so, dass er die Serie seit einiger Zeit nur noch sporadisch anschaut.

„Aber die letzte Folge werde ich mir doch reinziehen und wahrscheinlich denken: schad´, dass es vorbei ist.“ Schließlich gehe damit auch ein „Stück  Fernsehfamilie“ verloren. „Ich werde den Bildschirm wohl mit einem wehmütigen „Dankeschön“ ausschalten: Lindenstraße, du hast mich so lange begleitet und mich immer wieder emotional berührt.“

Audio

Zum Nachhören: Beitrag über die Lindenstraße im Münchner Kirchenradio

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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