Europa-Talk in der Holledau Manchmal hitzig, aber immer gesittet

24.07.2019

Die Grundorientierung eines Kontinents will das Bayerische Bündnis für Toleranz mit ihrem Europa-Talk direkt zu den Bürgern bringen.

Pfeffenhausen schaut weit über seinen Kirchturm hinaus nach Europa. © Kiderle

Pfeffenhausen – Die zehnjährige Schülerin aus Pfeffenhausen bringt es auf den Punkt: „Ich find´den Europa-Talk gut, weil da treffen sich viele Leut´ und da kann man miteinander reden.“ In der Schule hat sie an diesem Dienstagvormittag bereits gelernt, wie man in einer Demokratie streitet. Jetzt am Nachmittag hilft sie mit, das Schulgelände für das Abendprogramm vorzubereiten oder zeigt den Podiumsteilnehmern den Weg zu den verschiedenen Veranstaltungsorten. Insgesamt 16 Diskussionspodien mit Politikern, Kirchenleuten und Vertretern von Nichtregierungsorganisationen sind über die ganze Holledauer Marktgemeinde verteilt. Viele Geschäfte und das Rathaus haben für den Europa-Talk mit Europafestival geschlossen. Die Gemeinde kann diesen Tag deshalb begehen, weil sie 2017 mit Vereinen und Verbänden den schönsten „Maibaum für Toleranz“ aufgestellt hat.

Maibaum für Toleranz

Das findet zumindest das „Bayerische Bündnis für Toleranz“, das die Maibaum-Aktion und den Europa-Talk ins Leben gerufen hat. In Pfeffenhausen hören sich allein am Nachmittag 400 Bürger an, was die Gäste zu sagen haben und reden selbst mit. Etwa 140 davon sind in das 30 Grad warme und bis auf den letzten Platz gefüllten Pfarrheim gekommen. Bischof Stefan Oster spricht dort unter anderem mit der bayerischen SPD-Chefin Natascha Kohnen und der ehemaligen grünen Europaabgeordneten Barbara Lochbihler über Fluchtursachen und das Menschenrecht auf Asyl. Die katholische Kirche könne „als Global Player“ dabei zu einem besseren Verständnis beitragen, meint der Passauer Oberhirte gegenüber mk online. „Wir glauben, dass jeder Mensch Würde hat und deswegen Bruder und Schwester ist“, erklärt Bischof Oster. Deswegen müsste sich der Blick mehr auf die Geflüchteten richten „und nicht zuallererst nur auf unsere eigenen Interessen, das ist aber der Blick, der in der Gesellschaft vorherrscht.“ Beim zeitgleichen Podium über Sicherheit und offene Grenzen mit dem früheren Ministerpräsidenten Günther Beckstein geht es inhaltlich etwas hitziger, aber ebenfalls sehr gesittet zu.

Aktuelle Fragen und Erinnerungskultur

Schließlich will der Europa-Talk eine sachliche Auseinandersetzung über die Probleme des Kontinents. Dazu gehört auch die Frage über ausländische Pflegekräfte. Joachim Unterländer, Chef des Landeskomitees der Katholiken, hat sich als früherer CSU-Sozialpolitiker damit gründlich beschäftigt. „Da geht es um faire Bezahlung, Personalgewinnung aus anderen europäischen Ländern oder auch um gemeinsame Pflegestrukturen und -ausbildung.“ Der Europa-Talk in Pfeffenhausen kümmert sich aber nicht nur um aktuelle Probleme. Auch die Europäische Erinnerungskultur ist ein Thema. Kein Wunder: Im 20. Jahrhundert hat der Kontinent die Katastrophen zweier Weltkriege und des Judenmords erlebt. Und erst in jüngerer Vergangenheit den Balkankrieg. Darum ist auch Hildegard Kronawitter, Vorsitzende der Weiße-Rose-Stiftung, dabei, die das Gedenken an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus weiterträgt: „Das gemeinsame Erinnern ist immer die Voraussetzung, dass man einander besser versteht.“ Denn nur so könne Europa das in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaute große Friedens- und Gemeinschaftswerk bleiben.

Volles Haus bei 30 Grad. Podiumsdiskussion im Pfeffenhausener Pfarrheim. © Kiderle

Mit dem Bürger im Gespräch

Rund 40 Gesprächspartner aus Politik, Kirche und Nichtregierungsorganisationen sind der Einladung des Bayerischen Bündnisses für Toleranz gefolgt, um dafür direkt bei den Menschen in Pfeffenhausen zu werben und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Nicht dabei waren Vertreter der AfD. Der evangelische Landesbischof und Sprecher des Bündnisses, Heinrich Bedford-Strohm, will das aber nicht als Ausschluss verstanden wissen: „Wir machen keine Eingangskontrollen und fragen nach der Parteizugehörigkeit, sondern fragen danach, wie sich Menschen engagieren für die Grundorientierung Europas.“ Dazu gehörten Toleranz, Gleichheit aller und die Anerkennung der Menschenwürde: „Alle, die sich auf dieser Grundlage zusammenfinden wollen, sind herzlich willkommen.“ Bei der AfD sieht das Bayerische Bündnis für Toleranz da offenbar Defizite und geht nicht aktiv auf sie zu. Das Fehlen schriller Rechtstöne hat den Podiumsdiskussionen aber nicht geschadet. Jedenfalls loben viele Teilnehmer die „Gespräche auf Augenhöhe“ oder dass sie viele Hintergründe erfahren haben, „die man so nicht in der Zeitung liest.“ Den Leuten brenne das Thema Europa „auf den Nägeln“, sagt eine Pfeffenhausener Bürgerin, „und wir müssen alle schauen, dass wir alle miteinander ins Gespräch kommen. Die kleine Holledauer Marktgemeinde hat das beim Europa-Talk des Bayerischen Bündnisses für Toleranz erfolgreich ausprobiert. Und die Diskussionen können jetzt nachwirken.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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