Bestseller "Der Skandal der Skandale" Manfred Lütz schreibt über Kirchengeschichte

25.03.2018

In seinem neuen Buch erklärt der Psychoterapeut und Theologe beispielsweise, dass die Hexenverbrennung kein Werk der Inquisition war und wie der Borgia-Papst zu seinem Ruf als skrupelloser, machtgieriger Lüstling gelangt ist.

Manfred Lütz zu Gast beim Münchner Kirchenradio.
Manfred Lütz zu Gast beim Münchner Kirchenradio. © SMB/Kerscher

Der Psychotherapeut und Theologe Manfred Lütz hat schon eine Menge erfolgreicher Bücher geschrieben. „Irre – wir behandeln die Falschen“ war wohl sein größter Erfolg. Auch mit seinem neuen Buch steht er wieder ganz weit oben in den Bestsellerlisten. „Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums“ heißt es. In der Sendung „Hauptsache Mensch“ im Münchner Kirchenradio spricht er über die Gründe für seinen Ausflug in die Kirchengeschichte.

Christen in Verteidigungsposition

Ihm ist es so ergangen, wie vielen anderen Christen: Wenn sie in Gesellschaft von Atheisten erzählen, dass sie katholisch sind und das auch noch sinnvoll finden, dann befinden sie sich plötzlich in einer Verteidigungsposition. Denn sie werden mit vielen schlimmen Dingen, die die Kirche gemacht hat, konfrontiert: Nämlich, dass die Christen Hexen verbrannt, auf Kreuzzügen gemordet und überhaupt jede Menge Leichen im Keller haben. Das alles wird mit angeblich gesicherten Fakten belegt. Dabei gibt es schon lange ein Buch des Münsteraner Kirchenhistorikers Arnold Angenendt, das diese Aspekte der Kirchengeschichte genau untersucht: „Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“ heißt es und ist 2012 erschienen. Allerdings hat es 800 Seiten und etwa genauso viele Anmerkungen. Manfred Lütz hat es gelesen und war sich sicher: das muss mal jemand so schreiben, dass es leichter zu lesen ist. Genau das hat er getan.

Opfer der national-italienischen Propaganda

Damit will er die Kirche nicht von ihrer Geschichte reinwaschen. Aber er setzt Ereignisse in den historischen Kontext. Das Beispiel der Borgias illustriert sein Anliegen: In einem Fernseh-Sechsteiler wurde Alexander VI als skrupelloser, machtgieriger Lüstling portraitiert. Lütz sagt: „Man muss eigentlich sagen, Papst Alexander VI ist einer der wirklich großen Renaissance-Päpste gewesen. Aber, das wissen wir heute alle nicht, weil er ein Opfer der national-italienischen Propaganda geworden ist.“ Tatsächlich habe Alexander Kinder, sogenannte Bastarde, gehabt. Das sei aber bei seinem Vorgänger und seinem Nachfolger nicht anders gewesen und überhaupt üblich zu dieser Zeit. Allerdings seien die Italiener gewesen. Alexander hingegen war Spanier. Und er hatte einen Zeremonienmeister, der Tagebuch geführt hat. Johannes Burckard von Strassburg „war ein komischer Mensch“, erklärt Lütz, „der war wegen Urkundenfälschung aus Straßburg weg.“ In dem meist langweilig zu lesenden Tagebuch habe er auch Gerüchte aufgeschrieben, die er in Rom gehört habe. „Er glaubte auch an Hexen und hat aufgeschrieben, dass der Papst mit Hexen Geschlechtsverkehr gehabt habe. Das sind Stories auf der Ebene der Yellow-Press“. Aber sie stehen in einer historischen Quelle und so kamen die Geschichten über die Orgien Alexanders zustande. Dass dieser Papst die Zeile „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes“ zum „Gegrüßet seist du, Maria“ hinzugefügt habe und dass er ein hervorragender Diplomat gewesen sei, der internationale Verträge abgeschlossen habe, die so manchen Krieg verhindert hätten, das finde sich hingegen nicht in den Quellen, erläutert Lütz.

Manfred Lütz war zu Gast im Münchner Kirchenradio. Er sprach mit Brigitte Strauß-Richters über sein neues Buch „Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums" Den Podcast zur Sendung finden Sie hier.

In dem zweistündigen Gespräch gibt er noch einige weitere verblüffende Beispiele. So sei die Hexenverbrennung kein Werk der Inquisition gewesen, sondern von weltlichen Gerichten. Interessanterweise hätten sowohl Nationalsozialisten als auch Frauenrechtler die angeblichen Fakten für ihre Argumentation instrumentalisiert: Die einen, um zu zeigen, dass die Kirche die germanische Rasse systematisch ausrotten wollte, die anderen, um zu beweisen, dass die Kirche das Wissen der Weisen Frauen über die Verhütung vernichten wollte. Auch die Zahlen seien komplett falsch. „Da heißt es dann immer: Neun Millionen Frauen“, empört sich Lütz in seiner temperamentvollen, rheinländischen Art, aber tatsächlich gebe es heute wissenschaftliche Belege, dass etwa 50.000 Frauen als Hexen ermordet wurden. Was natürlich schrecklich sei, aber es seien eben keine neun Millionen.

Internationalität und Toleranz

Aber Lütz hat nicht nur die Skandale beleuchtet, sondern auch die positiven Errungenschaften des Christentums: Internationalität und Toleranz beispielsweise seien christliche Erfindungen, erklärt er. Bei den Stammesreligionen hätten Angehörige anderer Völker nicht einmal als Menschen gegolten. „Die Christen sagten, alle Völker sind vor Gott gleich. Das bedeutet, wenn heute jemand sagt ´Deutschland, Deutschland über alles´ und gleichzeitig das christliche Abendland hochleben lässt, dann ist das keine falsche Meinung, sondern eine falsche Information.“ Und auch der Begriff der Toleranz sei von den Christen neu gedeutet worden: „´Tolerantia´ hieß im klassischen Latein ´Bäume tragen, Lasten tragen´. Und die Christen haben daraus gemacht: Menschen anderer Meinungen ertragen.“

Insgesamt sei ihm daran gelegen, die Fakten klarzustellen, damit man dann vernünftig diskutieren könne. Natürlich gebe es in der Geschichte des Christentums Verbrechen. Aber eben auch Ideen, die die Menschheit weitergebracht hätten.

Die Autorin
Brigitte Strauß-Richters
Radio-Redaktion
b.strauss-richters@st-michaelsbund.de


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