Magnificat Mariengebet mit politischer Botschaft

07.05.2020

Der Lobgesang Mariens, wird jeden Abend in katholischen Klöstern gebetet, nicht nur im Marienmonat Mai. Er enthält grundlegende Aussagen für das Christentum, erklärt der Münchner Neutestamentler Gerd Häfner im Interview.

Das Magnificat im Stundenbuch des Herzogs von Berry, das um 1415 entstanden ist.
Das Magnificat im Stundenbuch des Herzogs von Berry, das um 1415 entstanden ist. © Wikipedia

mk-online: „Meine Seele preist die Größe des Herrn“, so beginnt das Magnificat. Warum ist dieses Gebet aus dem Lukasevangelium, manche nennen es einen neutestamentlichen Psalm, so wichtig?

Gerd Häfner: Es ist ein grundlegender Text in der Kindheitsgeschichte im Lukasevangelium und eine der wenigen Hymnen, die wir im Neuen Testament haben. Schon allein deshalb ragt das Magnificat heraus. Und dann ist es ein Text, der grundlegende Aussagen über Gott trifft. Das Lob Gottes wird aus seinem Handeln begründet: Er steht auf der Seite der Schwachen und macht sie stark. Er dreht die gewohnten Verhältnisse um und stellt Gerechtigkeit her. Es gehört, wie gesagt, zu den Kindheitserzählungen im Lukasevangelium und teilt dadurch etwas über den Ursprung, die Person und die Bedeutung Jesu von Nazareths mit, auch wenn er selbst im Magnificat gar nicht vorkommt. Aber es erschließt sich im Kontext der Verkündigung an Maria, dass er als Erlöser geboren werden wird.

Welche Wurzeln hat denn dieses Gebet?

Häfner: Es ist durchsetzt von alttestamentlicher Sprache und Anspielungen. Ein Text steht dem Magnificat dabei besonders nahe, das Lied der Hanna im 1. Buch Samuel (1 Sam 2,1–10). Auch dort wird dieser Grundgedanke, dass Gott die Verhältnisse umkehrt, deutlich. Hanna ist kinderlos und ist deshalb gesellschaftlich erniedrigt. Sie bringt dann aber den Propheten Samuel zur Welt. Deshalb meinen auch einige Exegeten, dass das heutige Magnificat ursprünglich von Elisabet gesprochen wurde, die von Marias Besuch bekommt. Denn auch Elisabet ist kinderlos, wird im hohen Alter noch schwanger, erfährt das als Gnade Gottes und ihr Sohn Johannes der Täufer ist ebenfalls ein Prophet. Von daher würde es auch passen, wenn dieser neutestamentliche Lobpreis aus ihrem Mund käme.

Was sagt das Magnificat denn über Maria aus?

Häfner: Sie ist darin im Prinzip die erste Glaubende des Christentums, die auf das Handeln Gottes reagiert. Nicht nur an ihr, sondern ebenso an dem Kind, das sie gebären wird, an Israel und darüber hinaus. Das ist für Lukas das Entscheidende und deshalb schreibt er ihr in seinem Evangelium auch eine besondere Rolle zu. Der erste Teil des Magnificat hat eine besondere Ausrichtung auf ihre Person und ihre Rolle. Aber es weitet sich dann, dass es eben nicht nur um sie allein geht, sondern dass sie die Mutter des Erlösers der Welt ist.

Das klingt aber auch sehr selbstbewusst, etwa in der Zeile „von nun an preisen mich selig alle Geschlechter“.

Häfner: Ich glaube, das Wort ´selbstbewusst´ führt etwas in die Irre, weil das ganze Gebet ja davon durchdrungen ist, von Gott abhängig zu sein und nur von ihm alle Hilfe zu erwarten ist. Maria weiß, dass alles was an ihr passiert nicht in eigener Größe begründet ist, sondern im Handeln Gottes an ihr.


„Er stößt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“, auf diese Zeilen aus dem Magnifcat berufen sich sogar Sozialrevolutionäre. Wie politisch dürfen denn die Leser des Lukasevangeliums dieses Gebet deuten?

Häfner: Ich glaube nicht, dass sich die politische Dimension aus dem Gebet heraushalten lässt, aber nicht in dem Sinn, dass man unmittelbar politische Programme daraus entwerfen könnte. Dafür bietet kein urchristlicher Text einen Anhaltspunkt. Aber die Umkehrung der gegebenen Verhältnisse von reich und arm, von mächtig und schwach gehört zur Botschaft des Lukas-Evangeliums. Vom Magnificat zieht sich bei Lukas eine Linie durch den gesamten Text, gerade bei ihm ist die Kritik am Reichtum stark. Und wenn man sein zweites Werk hinzunimmt, die Apostelgeschichte, dann sieht man schon deutlich, dass er auf einen Ausgleich zwischen Armen und Reichen in der christlichen Gemeinde ausgerichtet ist. Das ist sein Ideal.   

Inwiefern kann denn das Magnificat eine Inspiration in Fragen der sozialen Gerechtigkeit sein?

Häfner: Es kann ein Impuls sein, der aber nicht vorgibt wie soziale Gerechtigkeit zu verwirklichen ist. Das ist die Aufgabe der Realpolitik. Gott wird als Rechtshelfer der Armen gezeichnet und dass soll diese Menschen gerade nicht aufs Jenseits vertrösten. Gott ist Helfer auch in dieser Welt. Dass es zur christlichen Verkündigung dazu gehört, für Gerechtigkeit zu sorgen, das kann man dem Magnificat schon entnehmen.

Magnificat

Lobgesang von Maria (Lk 1,46-55), der nach dem Anfangswort der lateinischen Fassung "Magnificat" heißt: Meine Seele preist die Größe des Herrn,und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.Denn der Mächtige hat Großes an mir getan,und sein Name ist heilig.Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlechtüber alle, die ihn fürchten.Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten:Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind.Er stürzt die Mächtigen vom Thronund erhöht die Niedrigen.Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gabenund lässt die Reichen leer ausgehen.Er nimmt sich seines Knechtes Israel anund denkt an sein Erbarmen,das er unseren Vätern verheißen hat,Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Der Mai und Maria

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