Umgang mit Trauer Meditieren mit der Stimme

20.11.2018

Der Verlust eines geliebten Menschen schnürt die Kehle zu und die Stimme versagt, wenn die Gefühle sich ausdrücken wollen. Ein Sing-Kreis in München versucht Trauernden aus dieser Erstarrung heraus zu helfen.

Trauer darf besungen werden. Ein Kreis in München hilft dabei.
Trauer darf besungen werden. Ein Kreis in München hilft dabei. © SMB/Bierl

München - Elf Frauen sitzen im Kreis und singen, weil sie traurig sind. Dagmar Aigner begleitet die Gruppe auf ihrer Gitarre. Sie ist ausgebildete Gesangspädagogin und lädt einmal in der Woche in den großen Saal eines Münchner Bestattungsinstituts ein. Sie ist eine halbe Stunde früher gekommen und hat den Raum sorgfältig vorbereitet, ein gelbes Tuch in der Mitte des Stuhlkreises ausgebreitet, auf das sie eine große weiße Kerze in Form einer Blüte und Teelichter in farbigen Gläsern stellt.

Die Frauen, sie sind etwa zwischen 50 und 70 Jahre alt, schauen in die kleinen Flammen und beginnen das Treffen mit einem gemeinsamen afrikanischen Begrüßungslied. Es heißt „Sali bonani“, „Guten Tag“, und klingt ganz unbeschwert. Dabei darf jede Frau einen Namen nennen, der in die Strophe eingesetzt und von allen gesungen wird: Rainer, Armin oder Josef. Es sind die Namen von Menschen, die sie schrecklich vermissen, mit denen sie gerne fröhlich wären und die sie so gerne wieder an ihrer Seite hätten.

Trauerwellen nicht nur im November

Dagmar Bender schließt während des Liedes die Augen. Dann spürt sie ihren verstorbenen Mann ganz nah bei sich. Aber auch die anderen Toten, an die im Kreis gedacht wird. „Ich empfinde, dass sie dann hier sind. Als Energie. Und das ist tröstlich“, sagt sie. Besonders im November, wenn die Tage grau und die Bäume kahl sind. Dann hört das Ziehen in der Seele nicht auf, wenn Dagmar Bender auf dem Friedhof vor dem Grab ihres Mannes steht. Vor eineinhalb Jahren ist er unvermittelt an einem stillen Herzinfarkt gestorben. Sie kommt aber auch im Sommer bei vollem Sonnenschein in den Singkreis. „Es gibt ja auch an schönen Tagen plötzlich so eine Welle, wo man merkt – das Leben ist schwer.“ Schwer, weil der geliebte Mensch nie wieder zurückkommt, wenigstens nicht so wie früher.

Diese Trauer-Wellen kennen alle, die im Singkreis dabei sind. Auch Andrea Schnepf. Sie kommt seit einigen Jahren regelmäßig vorbei. Auch sie kämpft mit einem Verlust. Allerdings hat hier nicht das Leben eines Menschen, sondern die Liebe aufgehört: „Ich habe meine Beziehung beenden müssen und das hat mich ziemlich umgeworfen.“ Die schlechten Gefühle und der Schmerz darüber behindern auch ihre neue Partnerschaft, erzählt sie.

Wenn ihr Trauer und Sorgen die Luft abdrücken, kommt Andrea Schnepf in den Singkreis und vereint ihre Stimme mit denen der anderen Frauen, die alle einen engen Angehörigen verloren haben. Sie will nicht in einem Chor für Auftritte proben und sich unter Leistungsdruck setzen, sondern mit den Stimmbändern meditieren: „Das bringt mich runter, wenn ich innerlich unruhig hierher komme, es gibt mir Kraft und Stabilität.“ Die Trauer löse sich dann in ihr. Am meisten bei den einfachen Liedern aus der christlichen Gemeinschaft von Taizé.

Kurz tröstlich und wiederholbar

Die Gesangsstücke wählt Dagmar Aigner „sehr bewusst“ aus. Afrikanische Melodien, jüdische Kanons, indische Mantras oder christliche Andachtsstrophen. Eine tröstliche Botschaft mit einem kurzen Text sollen die Stücke haben, gefühlvoll, einfach und eingängig sein. Fast alles wird ohne Noten- und Textblatt gesungen: „Wenn ich eine Seite mit 13 Strophen austeile, dann ist mehr das Kognitive, der Kopf zugange“, sagt Aigner. Auch das häufige Wiederholen der kurzen Strophen sei sehr wichtig. Diese gemeinsamen und gleichbleibenden Gesänge hätten auch eine körperliche Wirkung, erläutert die Gesangspädagogin. Medizinische Studien belegten, dass die wiederkehrenden Melodien Glückshormone freisetzten, das Herz ruhiger schlagen ließen und das Immunsystem stärkten.

Das spüren offenbar auch die Frauen in Aigners Singkreis, wenn sie sich im Takt wiegen, die Augen schließen und einander ein Taschentuch zustecken, wenn Tränen fließen. Niemand muss seine Trauer rechtfertigen, diskutieren und in Worte fassen, sondern darf einfach singen. Männer nehmen nur selten teil. Vielleicht, weil hier nichts geleistet werden muss und man nicht einfach zupacken kann, um ein Problem zu lösen, vermutet Dagmar Aigner. Männern fällt es nach ihrer Beobachtung schwer, sich einfach in den Gesang und „ins Gefühl fallen zu lassen“.

Audio

Zum Nachhören

Trauern und singen - Beitrag im Münchner Kirchenradio

Dagmer Aigner, seit acht Jahren leitet sie den Singkreis für Trauernde.
Dagmer Aigner, seit acht Jahren leitet sie den Singkreis für Trauernde. © SMB/Bierl

Zugefrorene Seele

Vor acht Jahren hat das Bestattungsinstitut Aigner auf die Idee gebracht, mit Trauernden zu singen. Seelisch schwer getroffene Menschen könnten so wieder anfangen, „sich zu spüren und lebendig zu fühlen“. Der Tod eines nahen Menschen schnürt vielen Hinterbliebenen die Kehle zu, es fehlen die Worte, um die verwirrenden Gefühle und den Verlust auszudrücken, die so wehtun. „Das Singen ist natürlich keine Party“, sagt Aigner. Aber es bringe Bewegung in die Trauernden, die oft „wie festgefroren sind“. Die Teilnehmerinnen bleiben in der Regel rund zwei Jahre in dem Singkreis. Dann sind bei den meisten Gefühle und Gedanken wieder geordnet, der Kummer hat seinen Platz und würgt nicht mehr das Leben ab.

Bei Dagmar Bender ist es noch nicht ganz so weit. Aber wenn der Abend zu Ende geht und sie an ihren Mann denkt, ist ihr das Herz leichter geworden. „Die Dinge kommen ins Fließen“, sagt sie. Dann macht sie eine lange Pause: „Ich gehe anders weg, als ich komme. Mit der Zuversicht, dass das Leben weitergeht.“ Und Dagmar Bender lächelt, auch wenn sie Tränen in den Augen hat.

Kontakt mit Dagmar Aigner und dem Singkreis für Trauernde können Sie hier aufnehmen. Für jeden Abend wird eine Teilnahmegebühr von zwölf Euro erhoben.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Monat der Spiritualität

Das könnte Sie auch interessieren

© SMB

Vorweihnachtszeit mit Trauernden Miteinander reden und feiern

In Bruckmühl laden eine Pfarrei und eine Trauerbegleiterin zu einer Feier vor dem Heiligen Abend ein.

13.12.2018

Ausstellung Halt finden

Ausstellung mit Interviews zu Lebensbrüchen

06.12.2018

© Imago-Niehoff

München am Mittag Adventskalender selber machen

Wer heuer einen eigenen Adventskalender basteln möchte, der sollte jetzt beginnen. Wir geben Ihnen Tipps, wie Sie Ihren ganz persönlichen Kalender mit einfachen Mitteln gestalten können.

20.11.2018

Tiere sind unsere Mitgeschöpfe
© olehslepchenko – stock.adobe.com

Kommen Tiere in den Himmel? Gottes geliebte Geschöpfe

Ob Tiere in den Himmel kommen? Wohin denn sonst, sagt Rainer Hagencord, katholischer Priester und Zoologe. Er leitet das Institut für Theologische Zoologie in Münster.

27.08.2018

Der Verein begleitet die Eltern in den ersten Tagen nach dem Tod des Kindes.
© Verein der Verwaisten Eltern e.V.

Verein der Verwaisten Eltern Hilfe nach dem Tod des eigenen Kindes

Gabriele Zandler verlor vor vier Jahren ihren Sohn bei einem Skiunfall. Für die Familie war es ein unvorstellbarer Schicksalsschlag. Hilfe und Trost fand sie bei dem Verein der Verwaisten Eltern.

16.07.2018

Wenn die Ehe zerbricht, ist dies mit vielen Enttäuschungen und Problemen verbunden.
© imago/blickwinkel

Liebe und Partnerschaft Wenn die Ehe scheitert

In der Seelsorge ist die Begegnung mit einem Menschen, dessen Ehe zerbrochen ist, eine Aufgabe, die eine hohe Professionalität erfordert, sagt Pater Alfons Friedrich.

06.05.2018

© Fotolia.com-Photograhee.eu

20 Jahre Malteser Hospizdienst Es wird viel gelacht

Susanne Sickinger betreut in ihrer Freizeit Menschen, die nicht mehr lange zu leben haben. Wie der Hospizdienst ihr Leben verändert hat, lesen Sie hier.

06.11.2017

Allerheiligen und Allerseelen: Gedenken an die Verstorbenen.
© Fotolia.com/mbanaszk

Allerheiligen und Allerseelen Heilige, Verstorbene und Hefebrezen

Allerheiligen am 1. November und Allerseelen, einen Tag später, sind Gedenktage, die sich in vielen Regionen immer mehr vermischen. Was die Unterschiede sind, erfahren Sie hier.

31.10.2017

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren