Palliativmediziner Borasio in Rosenheim Medizin, die zuhört

24.10.2018

Der international bekannte Palliativmediziner Gian Domenico Borasio war zu Gast im Bildungswerk Rosenheim. Dort hat er über seine Erfahrungen mit Leben und Tod gesprochen.

Wenn Gian Domenico Borasio einen Vortrag hält, geht es um ein Lebensende in Würde. © Feichtner/SMB

Rosenheim – Mit der Hoffnung, dass die Palliativmedizin am Lebensende so praktiziert wird, wie sie sich Professor Gian Domenico Borasio vorstellt, verlassen wohl an diesem Nachmittag viele den Saal des Bildungszentrums St. Nikolaus in Rosenheim. In dem kurzweiligen und interessanten Vortrag „Palliative Care: Die Medizin der Zukunft?“referierte der international bekannte Palliativmediziner und Inhaber des Lehrstuhls für Palliativmedizin an der Universität Lausanne über das, was Palliativ Care sein muss, um denen zu dienen, die im Mittelpunkt stehen: Den Patienten.

Neue Grundsätze

Wichtig sei, dass sich der Ansatz von Grund auf ändert, so Borasio. So sollte Palliative Care parallel zu heilenden und lebensverlängernden Maßnahmen praktiziert werden und nicht erst quasi als Sterbebegleitung stattfinden. Das Ziel müsse sein, dass die Verbesserung der Lebensqualität der Patienten und ihrer Familien bereits bei der Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit einsetze und die Gesamtheit - Schmerzen und Probleme physischer, psychosozialer und spiritueller Natur – in die Behandlung mit einbeziehe. Dazu seien multiprofessionelle Teams von Nöten, die aus Psychologen, Seelsorgern, Sozialarbeitern, Pflegenden und Ärzten bestehen. Dringend erforderlich sei eine Akademisierung der Pflege. Aber auch die ökonomischen Fehlanreize im Gesundheitssystem, in dem vor allem in den letzten zwei bis drei Lebensjahren etwa ein Drittel der gesamten Ausgaben für die Gesundheit eines Menschen verbraucht werden, müssen beseitigt werden. Essentiell sieht Borasio auch eine verbesserte Kommunikation mit den Patienten, vor allem durch die Ärzte. Dabei muss das aktive Zuhören, das sich selbst Zurücknehmen in Vorstellungen, beispielsweise rund um Definitionen, was ein guter Tod oder auch Lebensqualität ist, sowie das Begeben auf Augenhöhe im Mittelpunkt stehen. „Die Medizin der Zukunft wird eine hörende sein, oder sie wird nicht mehr sein“, ist die Überzeugung des Palliativmediziners.

Politische Frage

Borasio kämpft seit Jahren für seine Sache. So war er Mitbegründer des Interdisziplinären Zentrums für Palliativmedizin in München. Er hat es geschafft, dass die Palliativmedizin als Pflichtfach in das deutsche Medizin-Studium aufgenommen wurde. Er hat viele Studien durchgeführt, angestoßen und zusammengetragen, die die Palliative Care wissenschaftlich untermauern und ihr so dienen. Ergebnisse sind beispielsweise, dass individuelle Lebensqualität nicht gesundheitsbezogen ist oder auch dass Palliative Care bezüglich Lebensverlängerung die gleichen Ergebnisse erzielt wie viele der teuren Krebstherapien, doch bei besserer Lebensqualität und enormer Kostenersparnis. Dass das „hoch politisch“ ist und nicht jedem Akteur im Gesundheitssystem passt, weiß der Palliativmediziner sehr genau. Doch er ist überzeugt und kann überzeugen – das zeigen Reaktionen und Wortmeldungen an diesem Nachmittag in Rosenheim. (Yvonne Feichtner)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Tod und Sterben

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