„Der fliegende Holländer“ in Oberammergau Meereswogen am Alpenrand

03.07.2017

Eine der populärsten Opern von Richard Wagner ist im Passionsspieltheater von Oberammergau mit einer begeisternden Premiere vor Anker gegangen.

Zum ersten Mal darf "Der fliegende Holländer" seine Irrfahrt in den Ammertaler Alpen beenden.
Zum ersten Mal darf "Der fliegende Holländer" seine Irrfahrt in den Ammertaler Alpen beenden. © Passionstheater Oberammergau/Andy Stückl

Oberammergau – Christian Stückl bearbeitet nervös seinen Kaugummi. Noch bei der Premiere gibt er über ein Walkie-Talkie und mit deutlichen Gesten Regieanweisungen für die Akteure hinter und teilweise sogar auf der Bühne. Der Passionsspielleiter und Chef des Münchner Volkstheaters hat zwar schon an verschiedenen Häusern Opern inszeniert – doch ein Werk von Wagner war bisher nicht darunter. Mit dem „Fliegenden Holländer“ ist ihm auf Anhieb eine starke Aneignung gelungen. Dabei ist deutlich zu sehen, dass Stückl vom Schauspiel kommt. Er lässt seine Akteure nicht einfach singend und verloren an die Rampe stehen. Er führt sie so, dass schon allein in ihren Bewegungen Beziehungen und Gefühle deutlich werden. Und wenn er die 180 Chorsängerinnen- und Sänger besonders nach der Pause hin- und herwogen lässt, nutzt er die ganze Breite der riesigen Passionsspielbühne und spielt seine ganze Erfahrung mit ihr aus.

Mächtige Chorpartien

Es sind diese Szenen, für die Stückl und das ganze Ensemble begeisterte Bravorufe ernten. Natürlich hat der Regisseur bewusst eine Oper mit mächtigen Chorpartien ausgesucht, die er in Oberammergau am besten in Szene setzen kann und sie sind hier auch musikalisch grandios. Der lettische Dirigent Ainars Rubikis kann dabei seine ganze Qualität beweisen, die ihm zuletzt die Berufung als Generalmusikdirektor an die Komische Oper in Berlin eingetragen hat. An anderen Stellen sind die akustischen Tücken im Passionstheater unüberhörbar. Die Stimmen der Solisten werden mit Kopfmikrofonen und riesigen Deckenlautsprechern verstärkt. Da kommt es zu Halleffekten und bei manchen Bewegungen der Solisten geht der Ton am Mikrofon vorbei. Und der Dirigent „hat irren Stress“ erzählen die Orchestermusiker während der Pause. Denn im Graben vor der Bühne hören sie einander kaum und sind völlig auf die Koordination durch Ainars Rubikis angewiesen. Schon allein, dass ihm der Laden nie auseinanderfällt, ist eine große Leistung, bei der ihm die aufmerksamen jungen Musiker und Sänger, herausragend Gabor Bretz in der Titelrolle und Liene Kinca als Senta, und natürlich der mächtige Chor zur Seite stehen.

Sturm auf der Drehbühne

Schon nach der Pause ist Christian Stückl deutlich weniger nervös. Denn auch die Konzeption des Bühnenbildes von Stefan Hageneier geht voll auf. Er nutzt dabei vor allem die Drehbühne in der Mitte. Auf der ist eine Art Trommel aufgebaut, schätzungsweise drei Meter hoch, an deren Außenseite Meereswogen abgebildet sind. Diese Trommel wird dann auf der Drehbühne im Kreis bewegt und sorgt für einen veritablen Theatersturm. Die Seitenwand der Trommel lässt sich an einigen Stellen öffnen und für die späteren Szenen sind darin eine dreimastige Galeere und eine Brücke mit Takelage eingebaut. Aus dem offenen Schiffsbauch wanken später die ebenfalls fluchbeladenen Matrosen des Holländers mit zottigen langen Haaren heraus. An die beiden Seiten der Drehbühne hat Hageneier Wände mit einigen Durchlässen gestellt, durch die der Chor auf und abtritt. Die Farben auf der Bühne sind grau und gedeckt. So dass sich schon darin die traurige Geschichte des Schiffs und seiner Besatzung ausdrückt, die nicht zur Ruhe kommen.

Oper und Oberammergau - das passt

Das alles ergibt einen stimmigen Opernabend, für den etliche Besucher sogar aus anderen Bundesländern angereist sind: Eine Berlinerin schwärmt von den Massenszenen des Chors, ein Mann mit schwäbischem Akzent lobt die kluge Regie. Und sogar ideell passt „Der fliegende Holländer“ auf die Oberammergauer Passionsbühne, die ja auch eine gewisse religiöse Würde besitzt. Denn das Kernthema des Stücks könnte christlicher kaum sein: Da leidet jemand an einer Sünde, an einer schweren Last, von der er nur durch die selbstlose Liebe und das Opfer eines anderen Menschen erlöst werden kann. Wenn diese Oper mit einer solchen Kraft und so überzeugend aufgeführt wird, dann ist das Passionstheater dafür der richtige Ort. Die 2800 Premierengäste waren jedenfalls begeistert.

Die nächsten Vorstellungen sind am 14. 16. 21. und 23. Juli. Karten gibt es hier.


"Der fliegende Holländer" ist eine frühe Oper von Richard Wagner, uraufgeführt 1843. Im Mittelpunkt steht ein reicher Kapitän, der beim Teufel geschworen hat, in Ewigkeit das Kap der guten Hoffnung zu umsegeln. Die Gotteslästerung ist ihm zum Fluch geworden. Nur alle sieben Jahre darf er an Land. Nur die treue Liebe und das Opfer einer Frau kann ihn erlösen. Er überzeugt Kapitän Daland durch ein reiches Geschenk ihn seiner Tochter Senta vorzustellen. Sie erkennt in dem Holländer die Verkörperung eines geheimnisvollen Bildes, von dem sie in Bann geschlagen ist. Sie liebt den unglücklichen und verdammten Mann wirklich und geht mit ihm auf das Gespensterschiff. Dafür verzichtet sie auf Erik, der sie liebt und in den sie verliebt war. Doch auch er kann sie nicht zurückhalten.

Audio

Zum Nachhören

"Der Fliegende Holländer" in Oberammergau - die Premierenkritik im Münchner Kirchenradio

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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