Serie: Auf eine Fastensuppe mit... Mehr Lebensfülle für alle

08.03.2019

Die Münchner Pastoralreferentin Schwester Sara Thiel will in der Fastenzeit weniger Auto fahren. Bei einer Fastensuppe hat sie Redakteurin Karin Hammermaier erzählt, wie sie und ihre Mitschwestern sich außerdem auf Ostern vorbereiten.

Schwester Sara Thiel und Redakteurin Karin Hammermaier haben bei einem Teller Suppe über das Fasten gesprochen.
Schwester Sara Thiel und Redakteurin Karin Hammermaier haben bei einem Teller Suppe über das Fasten gesprochen. © Kiderle

Das Auto möchte Schwester Sara Thiel von der Kongregation der Schwestern vom Göttlichen Erlöser heuer in der Fastenzeit so oft wie möglich stehen lassen. Denn meist ist sie als Hausoberin es, die den alten Peugeot der kleinen Gemeinschaft von vier Niederbronner Schwestern im Münchner Stadtteil Neuhausen fährt – einfach, weil es gerade bequem oder praktisch ist, wie die humorvolle junge Frau im schwarzen Ordenskleid unumwunden zugibt. In den Wochen bis Ostern will sie nun verstärkt öffentliche Verkehrsmittel und das Fahrrad nutzen – nicht nur, um die Umwelt zu schonen. „Fasten holt mich aus meiner Komfortzone heraus“, ist die gebürtige Westfälin überzeugt.

„Unser Lebensstil geht ganz massiv auf Kosten anderer“, betont die 37-Jährige. Deshalb müsse sich jeder überlegen, wie er sein Verhalten ändern und sich solidarisch zeigen könne. Die vier Schwestern vom Göttlichen Erlöser, so der offizielle Name ihrer Gemeinschaft, versuchen zum Beispiel, so gut wie keine Lebensmittel wegzuwerfen. Lieber gibt es an zwei Tagen hintereinander dasselbe zu essen. Oder Reste werden eingefroren und kommen zu einem späteren Zeitpunkt erneut auf den Tisch. So ist auch die Leberspätzle-Suppe, die Schwester Sara in der einfach eingerichteten Küche ihrer Hausgemeinschaft serviert, von einem Sonntagsmenü übriggeblieben.

Nur eine Mahlzeit am Tag

In der Fastenzeit lassen die Schwestern, die abwechselnd füreinander kochen – Schwester Sara nimmt wie zum Beweis den Wochenplan aus dem Küchenschrank – Suppe und Nachspeise weg. Auch die Hauptgerichte werden schlichter zubereitet als sonst, allerdings nicht völlig fleischlos. Am Aschermittwoch und am Karfreitag gibt es sogar jeweils nur eine einzige Mahlzeit.

Das Fasten geht für die vier Ordensfrauen aber weit über das Essen hinaus. So halten sie zu Beginn jeder Fastenzeit einen Einkehrtag im Schweigen, an dem sie sich über das Sonntagsevangelium austauschen und zur Anbetung in der kleinen Hauskapelle versammeln.

Platz für Gott schaffen

Eine besonders intensive Form des Fastens hat Schwester Sara 2014 vor ihrer Ewigen Profess praktiziert. Damals ernährte sie sich knapp vier Wochen lang zunächst nur von Obst und Gemüse, später nahm sie auch Milchprodukte zu sich. Dabei wurde ihr nicht nur bewusst, „mit wie wenig ich gut leben kann“. Sie bemerkte auch eine große Wachheit „für sämtliche Fingerzeige Gottes“. Eines Nachts etwa träumte sie, dass ihr die Zulassung zur Profess verweigert worden sei, obwohl ihr die Ordensleitung diese längst erteilt hatte. Dieser Traum beschäftigte sie lange. Erst als sie wenige Tage vor dem großen Fest einen strahlenden Sonnenaufgang beobachtete – sie malt beim Erzählen mit den Händen einen Bogen in die Luft – verspürte sie die Gewissheit: „In diesem Naturschauspiel steckt deine Zulassung.“

„Wenn ich wirklich eine Gotteserfahrung machen will, muss ich Platz schaffen, mir zum Beispiel eine persönliche Gebetszeit nehmen und darauf verzichten, in dieser Zeit etwas anderes zu tun. Nur da, wo Leere ist, ist Platz für Gott“, meint die Ordensfrau. „Das hat auch etwas mit Fasten zu tun.“ Deshalb hat sie Jugendliche in der Münchner Pfarrei St. Benno, in der sie als Pastoralreferentin arbeitet, eingeladen, stundenweise das Handy auszuschalten, denn die Niederbronner Schwester weiß aus eigener Erfahrung: „Ich kann Zwischenzeiten auch anders füllen – mit Leerraum. Nur, wo es einen Leerraum gibt, bin ich offen für Überraschungen.“ Zum Beispiel für einen Wortwechsel an der Trambahn-Haltestelle oder das Genießen der Sonnenstrahlen, die sich zwischen grauen Winterwolken hindurchschieben. Selbst wird Schwester Sara in der Fastenzeit allerdings nicht auf ihr Smartphone verzichten – sie muss aus beruflichen Gründen erreichbar bleiben.

"Wenn ich es nicht selbst praktiziere, ist es unglaubwürdig"

Überhaupt sei die Fastenzeit für sie als Seelsorgerin eine sehr „volle“ Zeit, berichtet sie. Zur üblichen Arbeit kommen etliche zusätzliche Termine, etwa die Aschenauflegung im Kindergarten, Informations-Veranstaltungen über die Misereor-Fastenaktion für Schul- und Hortkinder, gemeinsames Palmbuschenbinden, Proben mit den Ministranten für die besonderen Gottesdienste, außerdem die Exerzitien im Alltag, die Schwester Sara begleitet. Sie nimmt sich auch selbst täglich mindestens 30 Minuten Zeit zur Betrachtung der ausgewählten Schrifttexte, die sich heuer dem Thema „…?Jesuskontakt“ widmen. Dazu steht die Pastoralreferentin morgens eine halbe Stunde früher auf – um 5.30 Uhr. „Das ist tatsächlich ein echter Verzicht für mich, weil ich wirklich gerne lange schlafe“, verrät Schwester Sara und lacht. Doch sie ist sich sicher: „Wenn ich das nicht auch selbst praktiziere, wird es völlig unglaubwürdig.“ Letztlich diene das Weglassen und Verzichten in der Fastenzeit nämlich einer größeren Lebensfreude und -fülle für alle sowie dazu zu erleben, „dass ein Weniger ein Mehr sein kann“.

Wie dieses Mehr beim Autofasten aussehen kann, davon hat Schwester Sara bereits eine Vorstellung. Als sie einmal mit dem Zug unterwegs war, entwickelte sich ein tiefgehender Gedankenaustausch mit einem anderen Fahrgast. „Mit diesem Gespräch bin ich beschenkt worden“, erzählt die Ordensfrau lächelnd. „Es hätte nie stattgefunden, wenn ich damals mit dem Auto gefahren wäre.“

Die Autorin
Karin Hammermaier
Münchner Kirchenzeitung
k.hammermaier@st-michaelsbund.de


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