Aufklärungsbericht Mehr Missbrauchsfälle bei Domspatzen als bisher bekannt

08.01.2016

Jeder dritte Domspatz soll zwischen dem Zweiten Weltkrieg und den frühen Neunzigern Opfer von Gewalt geworden sein. Das geht aus einem Zwischenbericht hervor. Der mit der Untersuchung betraute Anwalt Ulrich Weber hat sich auch zu Georg Ratzinger geäußert, der Papst-Bruder war langjähriger Leiter des Knabenchors.

Es soll mehr Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen geben als bisher angenommen. (Bild: imago)

Regensburg - Bei den Regensburger Domspatzen gab es offenbar deutlich mehr Misshandlungen und sexuell motivierte Gewalt als bisher angenommen. Der mit einer entsprechenden Untersuchung betraute Anwalt Ulrich Weber schätzt die Zahl der Betroffenen auf 600 bis 700, wie er am Freitag in Regensburg sagte. Die meisten Taten ereigneten sich zwischen 1953 und 1992. Nach Webers Worten wusste auch Georg Ratzinger, Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI. und langjähriger Leiter des Knabenchors, von den Misshandlungen.

System der Gewalt

<b/>Der Jurist sprach von einem "System der Angst", das über Jahrzehnte hinweg in der Vorschule der Domspatzen in Etterzhausen und Pielenhofen sowie im Internat in Regensburg geherrscht habe. Schüler seien mit Rohrstöcken und Siegelringen geschlagen worden, zudem mussten sie unter Zwang essen oder hätten keine Nahrung erhalten. Bei den sexuellen Handlungen reichte die Bandbreite den Angaben zufolge vom Streicheln bis zur Vergewaltigung. Nach Webers Worten dürfte etwa ein Drittel der im betreffenden Zeitraum rund 2.100 Schüler Opfer körperlicher Gewalt geworden sein. Der Regensburger Anwalt prüft seit Mai 2015 auf Initiative des Bistums Regensburg die Vorkommnisse bei dem weltberühmten Chor. Er hat inzwischen mit 70 Opfern gesprochen. Die Zahl der bisher bekannten Fälle von körperlicher Gewalt gibt er mit 231 an, davon 216 in der Vorschule. Über sexuelle Handlungen hätten in Etterzhausen und Pielenhofen zwölf Betroffene berichtet, im Regensburger Internat liegt die Zahl mit 50 deutlich darüber. Nur ein Teil der Fälle weise allerdings eine hohe Plausibilität auf, sagte Weber weiter.

Georg Ratzinger hat davon gewusst

<b/>Die überwiegende Zahl der Beschuldigungen richtet sich nach seinen Angaben lediglich gegen einen kleinen Kreis von Priestern, Lehrern und weiteren Mitarbeitern. So betreffen die 216 Misshandlungsfälle in Etterzhausen und Pielenhofen zumeist nur fünf Personen. Nach 1992 lägen nur noch "vereinzelte Meldungen" über körperliche Gewalt und sexuellen Missbrauch vor, erläuterte der Rechtsanwalt, der vom Opferhilfeverein Weißer Ring benannt worden war. Die Vorschule wurde von 1953 bis 1992 von Johann Meier geleitet.

Zu den Folgen für die Betroffenen sagte Weber, es gebe Opfer, "die ihr Schicksal gut aufgearbeitet haben und an Aufklärung interessiert sind". Andere wollten dagegen nicht, dass das, was sie ihm offenbarten, an das Bistum weitergegeben oder gar öffentlich werde. Viele hätten den Wunsch, "anerkannt zu werden" und jemanden zu treffen, der ihnen zuhöre. - Über Georg Ratzinger, der auch dem Domspatzen-Stiftungsvorstand angehörte sagte der Rechtsanwalt: "Er hat davon gewusst. Davon muss ich ausgehen." Der langjährige Chorleiter habe zumindest 1987 von körperlicher Gewalt in Etterzhausen erfahren.

Der Anwalt kündigte an, ein von ihm einberufenes Kuratorium zur Aufarbeitung der Vergehen werde am 1. Februar zusammentreten. Ihm gehören sechs Opfervertreter, zwei Mediatoren, vier Mitglieder des Stiftungsvorstands der Domspatzen, der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer sowie Generalvikar Michael Fuchs an. Voderholzer hatte sich im vergangenen Jahr seitens der Diözese für die Vergehen entschuldigt. Die bisher bekannten Betroffenen erhielten als "symbolische Anerkennung des Leids" je 2.500 Euro. Zudem werden die Kosten für Therapien übernommen. (kna)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch

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