Münchner Priesterseminar Mehr Zeit für Prävention und Persönlichkeitsbildung

22.02.2019

Die Missbrauchsskandale der Kirche haben Auswirkungen auf nahezu alle kirchlichen Institutionen. Das Münchner Priesterseminar habe seit 2010 mehr Ausbildungszeit für die Themen Prävention, Sexualität und Persönlichkeitsbildung eingerichtet, wie Regens Wolfgang Lehner im Interview erklärt.

Regens Wolfgang Lehner
Regens Wolfgang Lehner © SMB/Fleischmann

mk online: Herr Regens Lehner, ab wann beginnt man denn in der Priesterausbildung, über diese Themen zu sprechen?

Regens Wolfgang Lehner: Das Thema der menschlichen Reife wird schon in der Bewerbungsphase in den Blick genommen, seit 2010 ist das noch einmal verstärkt worden. In diesem Zusammenhang reden wir auch über das Thema Sexualität – natürlich in einem angemessenen Rahmen.

mk online: Wieso wird beim Thema Prävention so viel Wert auf die Persönlichkeitsbildung gelegt?

Lehner: Der Seelsorger arbeitet vor allem mit seiner Persönlichkeit. Bevor ich daher in die Seelsorge gehe, ist es wichtig, dass ich mich selbst kennenlerne und selbst reflektiere. Also auch, welche Verhaltensmuster und biografische Themen ich mitbringe, die problematisch werden könnten. Das wird vor allem im Fach „Pastoralpsychologie“ abgedeckt. Im Krankenhausseelsorgepraktikum etwa gibt es Übungen und Reflexionen zur eigenen Seelsorgepersönlicheit. Die Auseinandersetzung damit taucht aber an mehreren Punkten in der Ausbildung immer wieder auf.

mk online: Junge Männer entscheiden sich dafür, ein Leben ohne gelebte Sexualität zu führen. Da kommt doch bestimmt Redebedarf auf. Welche Möglichkeiten haben die Seminaristen?

Lehner: Unsere Ausbildung kennt das so genannte Forum internum und das Forum externum. Das Forum internum, zu dem etwa der Spiritual gehört, ist ein geschützter Raum für den Seminaristen, in dem nicht jede Aussage, die er äußert, an den Ausbildungsleiter herangetragen wird. Alle Gespräche, die hier geführt werden, fallen praktisch unter das Beichtgeheimnis. Beim Forum externum, zu dem ich als Regens gehöre, ist das anders. Hier ist jede Aussage offiziell und kann dementsprechend gewertet werden. Ich denke, dass diese Kombination aus beiden Foren eine gute Mischung ist, um dem Thema der Sexualität den jeweils passenden Raum zu geben.

mk online: Hat sich bei den Seminaristen eine neue Sensibilität bezüglich dieses Themas entwickelt?

Lehner: Ja, die hat aber ganz unterschiedliche Konsequenzen. Bei den einen führt sie dazu, dass sie sehr bereitwillig und offen die Themen ansprechen. Bei den anderen führt es eher zu Verunsicherung, da sie oft nicht wissen wie und mit wem sie über diese Themen sprechen können. Da ist es gut, dass wir eine längere Ausbildung mit viel Begleitungszeit haben und Dinge nicht von heute auf morgen entscheiden müssen.

mk online: Im fünften Studiensemester gibt es ein Blockseminar an der LMU München für die Prävention sexuellen Missbrauchs. Wie genau läuft das ab?

Lehner: Die Methode ist zunächst psychologisch: Welche Täter-Opfer Schemata gibt es, welche Wege zum Missbrauch gibt es, was bedeutet eigentlich Missbrauch in seiner ganzen Bandbreite? Dazu kommen biographische Ansätze: Was habe ich erlebt, was bringe ich mit? Das Seminar, in dem natürlich Ergebnisse der Forschung einfließen, versucht, die beiden Stränge zusammenzuführen.

mk online: Im letzten Abschnitt der Ausbildung – der so genannten Pastoralausbildung – gibt es nochmal einen einwöchigen Kurs zur Biografiearbeit. Wieso muss das am Ende nochmal Gegenstand sein?

Lehner: Es ist wichtig, immer wieder auf die eigene Persönlichkeit zu schauen, auch gegen Ende der Ausbildung. Im Kurs zur Biographiearbeit geht es etwa um Elternbindung: Aus der Vater- und Mutterbindung ergeben sich oft Verhaltensmuster, die uns vielleicht gar nicht so bewusst sind, die sich aber im Handeln auswirken können, beispielsweise in der Frage von Nähe und Distanz. Deshalb ist es wichtig zu überprüfen, welche Mechanismen vorliegen und wo bei mir Konflikte entstehen können. Gibt es Gewalterfahrung bei mir – egal welcher Art – und bin ich gefährdet, das in der Seelsorge weiterzugeben – und ähnliches. Wichtig ist aber noch eines: die Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit darf auch nach der Priesterweihe nie aufhören.

Die vollständige Übersicht zu den Präventionsmaßnahmen des Münchner Priesterseminars finden Sie hier.

Der Autor
Lukas Fleischman
Radio-Redaktion
l.fleischmann@st-michaelsbund.de


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