Seniorenseelsorge in der Pandemie Mehr Zuwendung, weniger Management

05.02.2021

Ein Jahr Corona hat auch das Leben der Senioren in den Heimen stark verändert: wir haben zwei Seelsorgerinnen gefragt, mit welchen Herausforderungen sie sich konfrontiert sehen.

Service für Angehörige: Beate Reimann informiert, wie die Seelsorger erreichbar sind. © Privat

Rosenheim/Fürstenfeldbruck - Als im Frühjahr 2020 die Seniorenheime wegen Corona von der Außenwelt abgeschottet wurden, war klar - für manche Bewohner beginnt damit nicht nur eine Phase des Alleinseins im eigenen Zimmer: keine Beschäftigungsangebote mehr, keine Besuche mehr von Verwandten und Freunden. Aus dem Alleinsein wurde für viele Heimbewohner bittere Einsamkeit. Im Prinzip hat sich seitdem nicht viel geändert: nur mit großen Einschränkungen dürfen Angehörige wieder zu Besuch kommen und auch Senioren-Seelsorgerinnen wie Beate Reimann (Pfarrverband Fürstenfeldbruck) und Adelheid Lappy (Stadtteilkirche Am Zug, Rosenheim) können die Heimbewohner nur an vereinbarten Terminen treffen.

Beide nehmen wahr, dass manchen Senioren in erster Linie die Aktionen in den Heimen (Musiktreff, Gymnastik, Spiele etc.) fehlen. Aber sehr viele Menschen hätten in den vergangenen zehn Monaten seit dem ersten Lockdown vor allem stark darunter gelitten, dass der Kontakt zu ihren Familien auf ein Minimum zurückgefahren wurde. Und die Schließung der Heime im Frühjahr hat Spuren hinterlassen: „Als ich nach der Öffnung wieder in die Heime kam, war ich erschüttert. Viele Bewohner mussten erst einige Minuten vergehen lassen, bis sie wieder sprechen konnten. Sie haben sich sehr gefreut, dass ich gekommen bin, als Bindeglied zur Welt „da draußen“, das hat ihnen wieder Hoffnung gegeben“, erzählt Beate Reimann. Die Fürstenfeldbrucker Pastoralreferentin ist seit Jahren für die Seniorenseelsorge in mehreren Heimen zuständig.

„Grausames Gefühl des Alleinseins“

Die beiden Theologinnen haben schon vor der Corona-Pandemie ihr Bestes getan, dass Alleinsein und Einsamkeit alten Menschen nicht ihren Lebensmut rauben. Den Satz „Wer glaubt, ist nie allein!“ sehen Lappy und Reimann mit gemischten Gefühlen. Es ist eine zentrale Aussage der Enzyklika "Lumen fidei", die der emeritierte Papst Benedikt XVI. zusammen mit seinem Nachfolger Papst Franziskus veröffentlicht hat. Natürlich könne dieser Satz bei gläubigen Menschen im Kopf eine Rolle spielen, erklärt Adelheid Lappy. Aber dieses grausame Gefühl des Alleinseins werde durch den Glauben nicht einfach weggenommen. Besonders dann, wenn bei einem Corona-Ausbruch auf der Station eine Zimmerquarantäne nötig sei, und selbst der Kontakt zum Pflegepersonal sich auf das Bringen des Essens und rasche Körperpflege beschränke. Und Beate Reimann ergänzt, ganz für sich allein sei das Leben nicht zu stemmen – und auch der Glaube nicht.

Die Rosenheimer Seniorin Elfriede Höfler gibt den beiden recht: „Glauben allein - das reicht nicht. Wir brauchen auch Menschen um uns. Eigentlich finden wir Gott nur über den Menschen.“ Die 89- jährige lebt seit 18 Jahren im Altenheim. Sie sitzt seit langem im Rollstuhl. Mit dem Elektrogefährt mache sie ihre Runden, erklärt Elfriede Höfler und halte so Kontakt zu ihren Kindern und Enkeln. Aber ohne sie wäre es furchtbar.

Etwas anders empfindet es die 81-jährige Christa Seidl, die alleine in ihrer Wohnung lebt. Sie fühlt sich nicht einsam, hält telefonisch Kontakt zu Kindern und Enkelkindern. Sie habe viele Reisen gemacht und manches Fotoalbum angelegt. „Die schaue ich mir immer wieder an. Und es ist, als würde ich da nochmal auf Reisen gehen.“ Der Glaube sei immer wie eine feste Burg gewesen, in der sie Halt gefunden habe und Sicherheit. Adelheid Lappy vermutet stark, dass Christa Seidl sich in Zeiten von Kontaktbeschränkungen in ihre Wohnung wie in eine Burg zurückgezogen habe.

Nicht nur Marienbilder, der Rosenkranz oder die Heiligenstatue - auch die erwähnten Fotoalben, die Perlenkette, die der verstorbene Mann geschenkt hat oder das berühmte Kuscheltier: zu „religiösen“ Symbolen könne vieles werden, was Halt und Kraft schenke, hat Seelsorgerin Adelheid Lappy beobachtet. Dinge wie das Foto der Familie auf dem Nachttisch oder der Brief eines geliebten Menschen in der Handtasche.

Solche Verbindungsglieder zum Leben der Senioren vor dem Einzug ins Heim, zur Familie „da draußen“ waren für die Pastoralreferentinnen Lappy und Reimann sozusagen Ideengeber für Aktionen, die sie in Corona-Zeiten gestartet haben: Beate Reimann hat vor Ostern über die Medien die Fürstenfeldbrucker aufgerufen, Briefe und Osterkarten in die Heime zu schicken - unter dem Motto „P.S. Ich denk´ an Dich“. Ein ganzer Waschkorb kam damals zusammen. Die Post öffneten die Senioren in Gruppen, und hätten so viel länger etwas davon gehabt, als wenn jedem Heimbewohner ein Brief in die Hand gedrückt worden wäre, erklärt Beate Reimann mit einem Lächeln. Sie bedachte auch die Pflegenden in den Abteilungen mit kleinen Aufmerksamkeiten und hängte öffentlich alle Kontaktdaten der Seelsorgerinnen und Seelsorger aus.

Geistliche Impulse über Whatsapp

Die Tatsache, im Frühjahr von einem Tag auf den andern nicht mehr in die Seniorenheime gehen zu können, brachte auch Adelheid Lappy dazu, mehr zu telefonieren und Impulse mit Bildern, Liedern und (biblischen) Texten bei den Heimen vorbei zu bringen. Kein Ersatz, aber eine gern angenommene Möglichkeit, in Zeiten ohne gemeinsame Gottesdienste dem Glauben auch im Alltag einen Stellenwert zu geben. Bei den Telefongesprächen habe sie mit den Senioren auch immer wieder ein Gebet gesprochen oder ein Lied gesungen, so Lappy. Teilweise schickte die Seelsorgerin die Impulse über WhatsApp sogar an einen Betreuenden, der das Smartphone dem Heimbewohner ans Ohr hielt. Die Betreuer erzählten der Seelsorgerin später, dass die Senioren andächtig zugehört hätten.

Kontakte sind jetzt wieder, wenn auch eingeschränkt, möglich. Und so hat Beate Reimann für den gemeinsamen Gottesdienst an den Formen gearbeitet: weg vom Schema des Wortgottesdienstes, hin zum sinnlichen Erleben von Musik und Stille. Vor kurzem hat die Seelsorgerin zum Fest „Taufe des Herrn“ das Stück „Aquarium“ von Camille Saint-Saëns gleich zweimal in den Gottesdienst eingebaut – die Schwerelosigkeit und beruhigende Wirkung der Musik erfasste nicht nur die Heimbewohner. Auch sie selbst und die Pflegenden seien in dieses Stück hineingetaucht, erzählt die Seelsorgerin.

Beispiele wie dieses zeigen, wie sich die Seniorenseelsorger in Corona-Zeiten auf die Heimbewohner und ihren Alltag einstellen – eine Bewährungsprobe, ein Ausnahmezustand. Und eine Chance, sagt Adelheid Lappy: „Vorher hat man mehr organisiert, mehr Veranstaltungen, mehr Gruppenevents, vor allem in den Pfarreien. Was da jetzt in den Heimen passiert ist, war wieder mehr Zuwendung, mehr Zeit zum Zuhören – mehr Seelsorge, weniger Veranstaltungsmanagement.“ Natürlich dürfe man Gottesdienste und Pfarreiveranstaltungen und die Einzelseelsorge nicht gegeneinander ausspielen. Aber für die Pastoralreferentin hat die Seelsorge in den Heimen während der vergangenen Monate durchaus Signalcharakter, nicht nur für die Seniorenseelsorge.

Der Autor
Willi Witte
Radio-Redaktion
w.witte@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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