Tote begraben Mein Licht und mein Heil

10.11.2016

Im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit führen MK-Mitarbeiter im Selbstversuch die sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit aus. Der stellvertretende MK-Chefredakteur Florian Ertl macht sich bei der Gräbersegnung auf dem Alten Südfriedhof Gedanken über Leben und Tod. Mit dieser Folge endet die Serie.

Monsignore Andreas Simbeck bei der Gräbersegnung am Alten Südfriedhof in München © Ertl

München – Das Glockengeläut des St. Stehphanskircherls verklingt, Bläsermusik wird intoniert, der Zug setzt sich auf dem Hauptweg des Alten Südfriedhofs zur Gräbersegnung in Bewegung. Golden scheint die Sonne an diesem herrlichen Herbsttag durch die bunten Blätter, der Duft von Weihrauch mischt sich mit dem von Laub und feuchtem Gras zwischen den teils stark verwitterten, teils frisch restaurierten Grabdenkmälern. Es ist Münchens berühmtester Gottesacker, 1563 als Pestfriedhof eröffnet, 1788 zum Zentralfriedhof erhoben, Ruhestätte unzähliger Gelehrter, Künstler, Erfinder und bedeutender Persönlichkeiten, nach denen in der Landeshauptstadt zahlreiche Straßen benannt sind. 1944 wurde der Beerdigungsbetrieb eingestellt. Heute ist der Alte Südfriedhof europaweit bekannt. Ich habe mich direkt hinter dem Pfarrklerus von St. Peter um Pfarrer Hans-Georg Platschek und Monsignore Andreas Simbeck, dem Hauptzelebranten an diesem Allerheiligen- Nachmittag, eingereiht. Weihwasser wird ausgesprengt. Jeden Psalm-Kehrvers singe ich mit, bete jedes „Vater unser“ und „Ave Maria“ – wie auf einer echten Beerdigung

Ich habe schon an vielen Beerdigungen teilgenommen. Große mit Orchestermessen und langen Trauerzügen waren darunter, alle Arten von Ehrbezeugungen, Fahnenabordnungen und Grabreden, aber auch ganz kleine. Bei brütender Hitze und klirrender Kälte mit hoher Schneedecke – eine meiner Großmütter starb im Hochsommer, die andere im Winter. Verwandten, Freunden und Bekannten gab ich bereits das letzte Geleit. Manche hochbetagt und satt an Lebensjahren – ein Ordensmann etwa mit fast 104 Jahren oder meine Patentante mit über 90 – andere viel zu früh, tragisch und unendlich erschütternd aus dem Leben gerissen; Kollegen etwa, ein Fotograf, den der Herzinfarkt am Belichtungstisch ereilte, ein Mitarbeiter und Freund kurz vor 50 mit Hirninfarkt, eine Kollegin, zweifache junge Mutter, hochschwanger mit ihrem dritten Kind. Der Bub kam gesund zur Welt, für sie war keine Rettung mehr möglich.
Ich denke in dieser Stunde auch an die Beerdigung meines eigenen Vaters, bis zum letzten Atemzug begleiteten wir ihn im Krankenhaus. Die Totenrede schrieb ich selbst, der Pfarrer hielt sich recht genau daran. In Erinnerung bleiben mir meine beiden Mädchen, damals noch klein, wie sie ins offene Grab schauten und ich insgeheim fürchtete: „Fallt jetzt bloß nicht da hinein!“

An vier Stationen beten die Teilnehmer an diesem Nachmittag für die Verstorbenen. Die Atmosphäre ist ernst und feierlich, stimmungsvoll der Gesang, die Musik und Bläsersätze an diesem historischen und würdigen Ort: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil“, „Meine Seele dürstet allezeit nach Gott.“ Andere Friedhofsbesucher bleiben stehen, Kinder auf den Armen ihrer Eltern machen große Augen. Die Gespräche verstummen, gelegentlich wird mit einem Smartphone ein Foto gemacht.

Mir kommt die Beerdigung der alten Hausmeisterin meiner Kindheit in den Sinn. Sie war immer eine starke Frau gewesen, die es nicht leicht hatte ihn ihrem langen Leben (sie wurde weit über 90). Bekannt im ganzen Viertel, immer emsig, laut, zumeist fröhlich und herzlich, bei all ihren Fehlern und Schwächen. Doch am Ende waren wir nur zu viert: eine Tochter von ihr, meine Mutter, der Pfarrer und ich. Verloren wirkten wir in der großen und kalten Aussegnungshalle. Die Tochter, psychisch aufgewühlt und sehr labil, verlor die Fassung, als der Sarg hereingeschoben wurde. Schluchzend warf sie sich auf ihn. Die livrierten Friedhofsangestellten waren in Hab-Acht-Stellung: Wenig fehlte und sie hätten die Zeremonie abgebrochen. Wir holten die völlig Aufgelöste wieder zurück, redeten ihr gut zu, ebenso der Pfarrer. Gemeinsam beruhigten wir sie, so dass die Aussegnung in der gebotenen Kürze erfolgen konnte. Am offenen Grab sprach ich selbst noch ein paar spontane Worte. Ich wollte die Tochter, die vom Geschehen wohl wenig mitbekommen hatte, nicht ganz allein, mutterseelenallein, stehen lassen. Die Umstände dieser Beerdigung gingen mir noch lange nach.

Wir beten im Verlauf an insgesamt drei Priestergräbern: von Heilig Geist, St. Peter und der Dompfarrei.

An Beerdigungen erkennt man immer ein Stück vom Toten selbst oder den Angehörigen. Bestatter leben davon, die Wünschen ihrer Kunden, so befremdlich sie mitunter erscheinen mögen, angemessen und zufriedenstellend zu erfüllen. Sei es bei der Gestaltung des Sterbebilds, des Blumenschmucks, des Sarges oder der Liedauswahl. Ich kenne viele der gebräuchlichen Lieder bei Aussegnungsfeiern. Gounods „Ave Maria“ wird gern genommen.

Viele rote Grablichter brennen am Sockel des monumentalen Kreuzes im neuen Friedhofsteil. Friedrich Gärtner schuf ihn einst im Stil eines italienischen „Campo Santo“. „Wie in Adam alle sterben, werden in Christo alle lebendig“ lautet eine Inschrift. Viele Ehrengräber sind von der Stadt mit Kränzen geschmückt.

Ich habe es auf kirchlichen Beerdigungen immer als wohltuend empfunden, mit welchen Riten und Symbolen die Kirche dem Verstorbenen die letzte Ehre erweist. Beim Gottesdienst brennt die Osterkerze, Zeichen für den Auferstanden. Der Sarg wird mit Weihwasser besprengt, mit Weihrauch beräuchert – „Dein Leib war Gottes Tempel!“. Es ist diese hohe Wertschätzung, die mich stets berührt, egal, ob der Verstorbene es nach menschlichem Ermessen im Leben „zu etwas gebracht hat“ oder nicht. Im Tod sind hier wirklich alle gleich: „In paradisum deducant te Angeli ...“ „Zum Paradies mögen dich Engel geleiten, die heiligen Märtyrer dich begrüßen und dich führen in die heilige Stadt Jerusalem. Die Chöre der Engel mögen dich empfangen und durch Christus, der für dich gestorben, soll ewiges Leben dich erfreuen.“

Wir gedenken aller Verstorbenen, die seit dem letzten Allerheiligentag von uns gegangen sind. In München sterben jedes Jahr 11.500 Menschen. „Unser Gebet begleite sie und helfe ihnen“, sagt Monsignore Simbeck.

Beim Begräbnis wirft der Seelsorger Erde auf den eingesenkten Sarg: „Von der Erde bist du genommen, und zur Erde kehrst du zurück. Der Herr wird dich auferwecken.“ Dann wird das Kreuz am Grab errichtet, Zeichen des Trostes und der christlichen Auferstehungshoffnung. Ein Gebet am offenen Grab lautet: „Lasst uns in Liebe dessen gedenken, der unter uns gelebt und den Gott zu sich gerufen hat.“ Im Anschluss herrscht meist Stille, in der die Gestalt und die Persönlichkeit des Toten der Trauergemeinde nochmals vor Augen tritt.

„Ewig unvergessen“ steht auf einem von Efeu überwucherten Grab. Am Alten Südfriedhof ruhen Zehntausende, an die sich niemand mehr erinnert.

Was kommt einem in den Sinn, wenn man am offenen Grab steht, Blumen und sein Schäuflein Erde hinabwirft und ebenfalls Weihwasser versprengt? Manchmal denke ich in diesem Moment schlicht: „Mach’s gut!“ oder „Danke, dass du da warst.“ Oft kommt mir die Evangeliumsstelle in den Sinn: „Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen“ oder ein Wort aus Jesu Abschiedsreden: „Noch kurze Zeit, dann seht ihr mich nicht mehr und wieder eine kurze Zeit, dann werdet ihr mich sehen ... dann wird euer Herz sich freuen, und niemand nimmt euch eure Freude.“

Nach einer Stunde ist der Umgang beendet. Am Denkmal für die Gefallenen und Toten der Kriege wird der Segen gespendet. „Christ ist erstanden“ lautet unser Schlusslied.

Trauer, Schmerz und Tränen, all diese existenzielle Schrecken, haben nicht das letzte Wort. Vergessen wir nicht, unser christlicher Glaube nahm nach dem entsetzlichen Kreuzestod Jesu letztlich auf einem Friedhof, an einem leeren Grab, seinen Anfang. Die weinende Maria Magdalena glaubt, der Auferstandene sei der Gärtner. Erst als Jesus sie beim Namen nennt und sie sich ihm zuwendet, erkennt sie ihren „Rabbuni – Meister“. Und sie, die Apostelin der Apostel, läuft zu den Jüngern und überbringt ihnen die Botschaft, die seitdem seit über 2.000 Jahren den Menschen Trost und Hoffnung schenkt: „Das Grab ist leer, Jesus lebt!“

Die Dämmerung bricht langsam herein, zwei Eichhörnchen jagen sich keckernd durch das gelb-braune Laub, unter meinen Schritten knirscht der Kies am Weg. Es wird kühl.

Tote begraben, dieses Werk der Barmherzigkeit, ist mehr als eine bloße Ehrerweisung oder ein symbolischer Abschied. Für uns Christen ist es der signifikante Ausdruck für unseren Glauben an den Übergang in ein neues, ewiges Leben. So wie es der deutsche Dichter Christian Fürchtegott Gellert unnachahmlich ausgedrückt hat: „Jesus lebt! Mit ihm auch ich. Tod, wo sind nun deine Schrecken? Jesus lebt und wird auch mich von den Toten auferwecken. Er verklärt mich in sein Licht; dies ist meine Zuversicht.“

Ich trete aus dem mit wildem Wein umrankten Friedhofstor hinaus auf die Straße, hinaus ins Leben. (Florian Ertl)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Tod und Sterben

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