Widerspruchslösung bei der Organspende Mensch darf nicht Mittel zum Zweck werden

07.09.2018

Jeder Deutsche soll automatisch ein Organspender sein, so lange er oder seine Angehörigen nicht ausdrücklich widersprechen. Das ist ein Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Der Rosenheimer Krankenhausseelsorger Josef Klinger sieht das kritisch.

Im Portmonee der Organspendeausweis.
Im Portmonee der Organspendeausweis. © Alexander Raths - stock.adobe.com

Berlin/Rosenheim – Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte vorgeschlagen, künftig solle jeder Bürger automatisch Organspender sein, solange er oder die Angehörigen dem nicht ausdrücklich widersprechen. Nur so könne Organspende zum Normalfall werden. Josef Klinger ist Seelsorger des RoMed Klinikums Rosenheim. Er sieht den Vorstoß von Spahn sehr kritisch. Das Anliegen, das dahintersteht, sehe er zwar positiv, aber es würde ein Paradigmenwechsel stattfinden, den er ethisch nicht vertreten könne, so Klinger im Interview mit mk online. Denn der Mensch würde damit grundsätzlich der Gesellschaft als Jemand zu Verfügung stehen, dem man nach seinem Tod seine Organe entnehmen kann.

Organspende ist Liebestat

Das widerspricht, nach Klinger, dem Artikel 1 des Grundgesetzes, auf das sich die deutsche Ethik beruft. Da heißt es: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Für Klinger bedeutet das, dass der Mensch als Ganzes, aber auch nicht in Teilen, zu keinem Zeitpunkt in seinem Leben zum Mittel zum Zweck für etwas Anderes verwendet werden darf. Außer er stimme selber zu und mache das in einem bewussten Akt, in einer freien Liebestat. Das sei bei dem Vorschlag Spahns aber nicht der Fall.

Man sollte schauen, dass möglichst alle Menschen eine Entscheidung treffen und diese auch dokumentieren, schlägt Klinger stattdessen vor. In Deutschland sei das noch nicht der Fall. Durch die Erklärung würde deutlich werden, dass es ein bewusstes Geschenk ist, um jemandem mehr Lebenszeit oder Lebensqualität zu ermöglichen.

Freie Entscheidung der Angehörigen

Dies würde auch Angehörigen helfen, die vor der Entscheidung stehen, ob sie die Organe eines geliebten Angehörigen freigeben oder nicht. Auch wenn der Wunsch des potenziellen Spenders bekannt ist, ist der Sprecher des ethischen Klinikkomitees der Überzeugung, dass Angehörige auch die Wahl haben sollten, sich gegen dessen Willen zu entscheiden. Denn letztlich seien sie es, die mit dieser Entscheidung leben müssten. Für sie sei es eine sehr belastende Situation, da sie nicht nur einen geliebten Menschen verlieren, sondern sich auch noch mit dieser Frage auseinandersetzen müssten. Als Seelsorger achtet Klinger deshalb darauf, dass die Angehörigen nicht unter Druck gesetzt werden. Weder zeitlich noch in einer anderen Form. Sie sollen in der Situation genügend Freiraum für ihre Entscheidung bekommen.

Derzeit dürfen Organe in Deutschland nur entnommen werden, wenn der Spender zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat. Möglich ist auch, dass Angehörige in seinem Sinn entscheiden. In Bayern ist im vergangenen Jahr die Zahl postmortaler Organspender entgegen dem bundesweiten Trend gestiegen. Sie ging von 121 im Jahr 2016 auf 143 hoch, so das Gesundheitsministerium. Im Freistaat warten derzeit mehr als 1.400 Menschen auf ein Spenderorgan. (kna/kas)

Die Autorin
Katharina Sichla
Teamleiterin mk online
k.sichla@st-michaelsbund.de


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