Neue Kirche in Poing Menschen machen Kirche zur Heimat

11.06.2018

Weiß, groß und schillernd wie ein Kristall. Über den neuen modernen Kirchenbau in Poing scheiden sich die Geister. Doch wie muss eine Kirche denn eigentlich aussehen?

Der Kirchenneubau in Poing
Der Kirchenneubau in Poing © Kiderle

Eine bayrische Idylle: Hügeliges Voralpenland, Kühe auf der Weide, schmucke Dörfer. In deren Mitte ein Wirtshaus und - natürlich - ein Kirchlein. Mit Zwiebelturm, knarzenden Kirchenbänken und goldgelockten, barocken Putten - das sind diese speckigen Engelchen mit Harfe. Wunderschön, zum Träumen. So muss Kirche aussehen, oder? Nicht so in Poing. In der Gemeinde östlich von München wurde am Wochenende eine neue Kirche geweiht – die Pfarrkirche „Seliger Pater Rupert Mayer“. Poing ist in der Vergangenheit stark gewachsen und die alte Kirche war zu klein geworden.

Kontroverse Diskussionen auf Facebook

Ja, Sie haben richtig gehört. Eine neu gebaute Kirche, die übrigens jetzt schon einen Spitznamen hat: Gottes Sprungschanze. Dieser Name bezieht sich auf die Architektur. Das Bauwerk ist modern: kein hoher Glockenturm, keine sichtbaren Fenster von außen. Stattdessen eine Fassade aus 15.000 Kacheln, die die Kirche wie ein Kristall wirken lassen. Das gefällt nicht jedem. Auf der Facebook-Seite mk-online.de wird seit Tagen heftig und kontrovers diskutiert. Ein paar Zitate daraus: Betonbunker, gefällt mir überhaupt nicht, für sowas hat man Geld, Mehrzweckhalle mit Altar, uneinladend. Ein User bezweifelt sogar, dass man in dieser „nackten Betonhalle“ überhaupt beten kann. Natürlich gibt es auch positive Stimmen. Ansprechend, wunderschön, großartig.

Aktive Teilnahme an den Gottesdiensten

Tja, über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Aber wie darf eine Kirche im Jahr 2018 aussehen? Was soll ein Kirchenbau überhaupt bezwecken. Eine kleine Zeitreise: In früheren Jahren, also vor dem vatikanischen Konzil, durften die Gläubigen den Handhabungen des Priesters andächtig beiwohnen. Der predigte erhöht, wie auf einer Bühne, meist mit dem Rücken zu den Menschen, auf Latein. Das hat sich geändert. Bei den Gottesdiensten, die die meisten von uns kennen, nehmen wir aktiv teil – Christus ist in uns gegenwärtig. Diese für damalige Zeiten revolutionäre Neuerung wirkte sich auch auf die Architektur aus. Gebäude sollten für die „Verwirklichung der tätigen Teilnahme der Gläubigen geeignet sein.“ Eine Folge: In modernen Kirchen – auch in Poing – sitzen die Menschen um den Altar herum.

Modern und doch traditionell

Ein Kirchenneubau muss wie ich finde beides leisten: modern sein, aber auch Jahrhunderte alte Traditionen nicht außer Acht lassen. Das ist in Poing gelungen. Im Eingangsbereich öffnet sich ein zum Himmel strebender Raum ans Licht – wie im Barock, wenn auch nüchterner. Tradition gewahrt. Auf moderne Weise. Statt dem hohen sichtbaren Kirchturm funkelt das neue Gotteshaus von außen wie ein Kristall, ist 34 Meter hoch und wirkt wie eine überdimensionale Skulptur. Sie zeigt sich deutlich und wird Teil eines neuen, modernen Ortszentrums sein. Mit Bürgerhaus und evangelischer Kirche in direkter Nachbarschaft. So muss Kirche heute sein.

Menschen machen Kirche zur Heimat

Wenn über Architektur kontrovers diskutiert wird, ist das gut. Aber zurück zum Anfangs beschriebenen barocken Kirchlein? Nein danke. Schließlich kann ich vor kunstvollen Heiligenfiguren genauso oder genauso wenig im Gebet mit Gott verbunden sein wie vor einer weißen Wand. Das kann nur ich leisten – und nicht der Architekt. Kirche – so hat es Kardinal Marx bei der Einweihung gesagt – sei zuallererst ein Ort der Versammlung der Gemeinde, in der Gott gegenwärtig sei. Wir Menschen machen sie zur Heimat, füllen sie mit Leben. Ohne uns ist die moderne Poinger „Sprungschanze“ genauso tot wie das barocke Dorfkirchlein.

Tanja Bergold ist für den Bereich Programmentwicklung beim Münchner Kirchenradio verantwortlich. Außerdem moderiert sie dort einmal im Monat die Sendung „Die Bergold und der Pater“.


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