Schönheitsideale Mias Kampf gegen die Magersucht

29.01.2017

In Frauenzeitschriften gibt es am Jahresanfang nur ein Thema: Wunderdiäten, die dem Winterspeck den Kampf ansagen. Das ist für die meisten Menschen harmlos. Doch Mia hat gerade mehrere Jahre erfolgreich gegen ihre Magersucht gekämpft.

Mehr als zehn Prozent alle Magersüchtigen sterben an dieser Krankheit.
Mehr als zehn Prozent alle Magersüchtigen sterben an dieser Krankheit. © fotolia/michaelheim

Für Mia* sind die Bilder von schlanken Frauen, die als Idealbild dargestellt werden, ein bisschen so, wie wenn man einem Junkie Heroin hinhält. Zwei mal war sie erkrankt. Einmal mit 13 und dann noch einmal mit 20 Jahren. Das Ausmaß der Krankheit läßt sich vielleicht am leichtesten verstehen, wenn man sich die Zahlen dazu anschaut: Die Studentin ist 1,68 groß und hat beim ersten Mal nur noch 38 Kilo gewogen, beim zweiten Mal 46 Kilo.

Weil Mia die Symptome schon aus ihrer ersten Erkrankung kannte, ist sie zum Arzt gegangen, als sie gemerkt hat, dass das Essen wieder ihr Leben bestimmt hat. „Doch der hat nur gemeint: Sie sehen doch gut aus, Sie haben doch kein Problem,“ erklärt die junge Frau empört und erzählt weiter, wie sie an der Uni jeden Mann hätte haben können, weil sie als die Hübscheste von allen galt. Denn das Schönheitsideal ist nun mal das einer sehr schlanken Frau. Mia wäre daran fast gestorben.

Hilfesuchende können sich wenden an die Caritas-Fachambulanz für Essstörungen in München.

Allerdings ist dieses Bild nicht die Ursache der Krankheit, sondern einer von mehreren Auslösern. Tatsächlich handelt es sich bei der Anorexie, so der medizinische Name dieser Essstörung, um eine Emotions-Regulationsstörung. Bei Mia waren es unterdrückte Gefühle, die sie quasi mit Hunger übertüncht hat. „Wenn ich traurig war, dann wollte ich das nicht fühlen und habe nichts gegessen. Dann habe ich die Traurigkeit nicht mehr gefühlt,“ versucht sie zu erklären. Weil sie dadurch immer dünner geworden ist, hat sie viele Komplimente bekommen. Diese Aufmerksamkeit hat sie natürlich auch genossen. Deshalb ist es auch so schwierig, aus dieser Sucht herauszukommen. Denn wenn ein Alkohliker nicht mehr trinkt oder ein Junkie nicht mehr spritzt, dann sehen diese Süchtigen eindeutig besser aus. Wenn magersüchtige Frauen zunehmen, fallen die Komplimente von Männern weg und sie haben Angst, aufgrund ihrer Figur abgelehnt zu werden. Da schließt sich dann der Teufelskreis.

Wege aus der Sucht

Mia hat es geschafft, einen Ausweg daraus zu finden. Zuerst hat sie sich in eine Klinik begeben, um zuzunehmen. Danach ist sie noch immer in Therapie, wo sie lernt, ihre Gefühle zu erkennen und auszuleben. „Wut spürt man zum Beispiel im Bauch und dann lernt man, in ein Kissen zu hauen oder zu schreien – also erstmal das Gefühl wahrzunehmen und dann damit umzugehen. Das muss man lernen, wie ein Analphabet schreiben lernt,“ sagt sie. Sie selbst hatte in ihrer Kindheit die Erfahrung gemacht, dass sie weggeschickt wurde, wenn sie ihre Gefühle gezeigt hat. Also hatte sie es sich abgewöhnt.

Heute ist sie wieder im Normalgewicht, wird richtig sauer, wenn Männer sie auf ihr Äußeres reduzieren und überlegt, ihr abgebrochenes Ingenieursstudium wieder aufzunehmen. Während der Krankheit hatte sie umgeschwenkt, um Grundschullehrerin zu werden. „Aber das bin nicht ich,“ stellt sie selbstbewusst fest, „mir machen Zahlen und Logik mehr Spaß als Pädagogik.“

All diese Erkenntnisse waren ein langer Weg. „Man sagt, man braucht genauso lange aus der Sucht raus, wie man reingebraucht hat,“ sagt sie nachdenklich. Und sie gibt allen Mädchen-Eltern einen Rat:

„Bringt Euren Töchtern bei, dass sie auch mal auf den Tisch hauen dürfen, dass sie sich nicht anpassen müssen, dass sie Gefühle zeigen dürfen und bringt ihnen nicht dieses klassische Bild bei: Frau regt sich nicht auf, Frau tritt nicht für sich ein, Frau sagt nichts, wenn sie angegriffen wird. Unterstützt sie dabei, sich selbst zu verteidigen.“ (Brigitte Strauß-Richters)

*Name wurde von der Redaktion geändert

In unserer Sendung "Hauptsache Mensch" war Mia zu Gast. Das ganze Gespräch können Sie hier hören und Downloaden.

Audio

Die Sendung "Hauptsache Mensch" vom 22. Januar


Das könnte Sie auch interessieren

Männer, die unter einem sogenannten Adonis-Komplex leiden, finden bei der Münchner Caritas Hilfe.
© nd3000 - stock.adobe.com

Internationaler Männertag Caritas berät Männer bei Sport- und Muskelsucht

Wenn Männer Geburtstage, Familientreffen, Kinobesuche und Einladungen ausfallen ließen, weil sie trainieren wollten, könnten dies erste Anzeichen einer Sucht sein. Die Münchner Caritas bietet Hilfe...

19.11.2018

Beim Anti-Diät-Konzept gibt es keine Einteilung in erlaubte und verbotene Nahrungsmittel: Alles darf gegessen werden.
© fotolia/Maksymiv Iurii

Das Anti-Diät-Konzept Essen darf nicht das Leben bestimmen

Fünf Kilo in zwei Wochen – solche Überschriften lesen wir derzeit wieder in vielen Zeitschriften. Zwischen all den Diät-Tipps sticht das Angebot der Caritas im Erzbistum München und Freising heraus....

18.05.2017

Stefan Kruip hatte bei seiner Geburt eine Lebenserwartung von drei Jahren.
© Fabian Helmich

Stephan Kruip zu Gast bei "Hauptsache Mensch" Leben mit Mukoviszidose

Stephan Kruip ist 51 Jahre alt und hat Mukoviszidose. Eine Lungenerkrankung, an der viele Patienten sehr früh sterben. Heute ist er verheiratet, Familienvater und Mitglied im Deutschen Ethikrat. Warum...

05.02.2017

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren