Buch über strukturelle Schattenseite der Kirche Missbrauch mit System

05.03.2021

Das neue Buch "Ohnmacht. Macht. Missbrauch" fragt anhand theologischer Analysen nach der strukturellen Seite von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche.

Kreuz auf Lexikon, bei dem die Seite zum Begriff Missbrauch aufgeschlagen ist.
Seit über zehn Jahren ist der Missbrauchsskandal inzwischen Thema in der katholischen Kirche in Deutschland. © imago/Christian Ohde © imago images/Christian Ohde

München - Seit über zehn Jahren ist der Missbrauchsskandal inzwischen Thema in der katholischen Kirche in Deutschland. Mit der Zeit haben sich die Diskussionsschwerpunkte verändert. In der aktuellen Phase steht die Frage nach strukturellen Faktoren im Mittelpunkt, die Missbrauch in der Kirche begünstigen. Zu diesem Thema ist nun ein Buch erschienen, das am Donnerstag in einer digitalen Veranstaltung vorgestellt wurde.

„Ohnmacht. Macht. Missbrauch. Theologische Analysen eines systemischen Problems“, heißt der Band, der von zwei Professoren der Universität Bonn herausgegeben wurde: dem Moraltheologen Jochen Sautermeister und dem Liturgiewissenschaftler Andreas Odenthal. Die Beiträge entstanden im Wintersemester 2019/20 im Rahmen einer Vortragsreihe an ihrer Universität. Darin ist eine theologische Sichtweise ebenso vertreten wie interdisziplinäre Perspektiven. Die Idee dazu kam von Andreas Odenthal. „Es ging uns zum einen darum, das vielschichtige Problem des Missbrauchs so anzugehen, dass die Täter in ihrer Verantwortlichkeit klar zur Sprache kommen. Zum anderen ging es aber darum, systemische Faktoren zu beleuchten: Wie hat es überhaupt zum Missbrauch in der Kirche in einem solchen Ausmaß kommen können? Welche Bedingungen haben dazu beigetragen, dass die Kirche sich nicht sofort und eindeutig auf die Seite der Opfer gestellt hat, sondern die Täter geschützt und den Missbrauch vertuscht hat?“, erklärte er im Rahmen der Buchvorstellung.

Hochaktuell

Aber nicht nur die Institution Kirche tritt in dem Buch in den Fokus, wie Odenthal weiter ausführte: „Welchen Anteil hat denn die Theologie an alledem? Gibt es auch in der Theologie Denkmuster, die dazu beigetragen haben, dass Missbrauch, seine Vertuschung und der Täterschutz überhaupt möglich geworden sind?“

Diese Perspektive macht das Buch für Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, hochaktuell. Bei seiner Würdigung des Sammelbands griff er besonders den Beitrag des emeritierten Münchner Professors für Moraltheologie, Konrad Hilpert, heraus, der auf die vergangenen zehn Jahre der Beschäftigung mit dem Thema zurückblickt. Dabei stellt Hilpert drei Großbaustellen fest: die Rolle der Sexualität, der Reflexionsbedarf über Macht und die konstitutive Bedeutung des Dazulernens für die Theologie. Sternberg zeigte sich ermutigt, dass Hilpert für die Bearbeitung dieser Baustellen den Synodalen Weg positiv einschätzt. Für den Vorsitzenden des Zentralkomitees verdeutlicht dies, dass der Synodale Weg kein Glasperlenspiel sei. Sternberg erinnerte noch einmal an die Entstehung des Reformprozesses durch die Rezeption der sogenannten MHG-Studie. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts über sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz hätten systemische Ursachen für das Missbrauchsgeschehen herausgestellt.

Nicht nur an der Institution abarbeiten

Für Mary Hallay-Witte, Leiterin des Instituts für Prävention und Aufarbeitung sexualisierter Gewalt, zeigt das Buch, dass die Diskussion in den Universitäten angekommen ist. Das Thema werde sprachfähig. Gleichzeitig warnte sie davor, dass die neue Perspektive blinde Flecken generieren könnte. „Momentan liegt der Fokus der Diskussion auf der Verantwortung der Bischöfe. Das ist richtig. Jedoch birgt sie auch die Gefahr, von den eigentlichen Taten der Täter abzulenken“, erläuterte die Religionspädagogin. Die zentrale Herausforderung formulierte sie in Form einer Frage: „Wie kommen all diese unterschiedlichen Aspekte der institutionellen Aufarbeitung zusammen mit den grundlegenden individuellen traumatisierten Gewalterfahrungen einer jeder einzelnen betroffenen Frau, eines jeden einzelnen betroffenen Mannes oder Kindes oder Jugendlichen?“ So paradox es klingt: Wenn die Theologie kritisch fragt, wann in der Vergangenheit die Institution vor dem Individuum stand, muss sie bei ihrem Beitrag zur Aufklärung darauf achten, sich nicht nur an der Institution abzuarbeiten und dabei die Betroffenen aus dem Blick zu verlieren.

Für den weiteren Weg steckte Thomas Sternberg hohe Ziele. Die Aufklärung müsse so wehtun und so intensiv sein, dass auch für andere Bereiche der Gesellschaft – die die Aufarbeitung noch vor sich haben – erkennbar werde, dass das Anspruchsniveau der katholischen Kirche „sehr, sehr hoch gesteckt“ sei. Die neun Aufsätze des neu erschienen Bandes werden hierzu sicher einen Beitrag leisten. (Theresia Kamp)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch

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