Erzbistum München und Freising Missbrauchsvorwurf gegen verstorbenen Weihbischof

10.06.2020

Der verstorbene Münchner Weihbischof Engelbert Siebler soll einen Schüler des kirchlichen Internats Studienseminar Sankt Michael in Traunstein misshandelt haben. Das Erzbistum München und Freising zeigt sich beschämt.

Weihbischof em. Engelbert Siebler
Weihbischof em. Engelbert Siebler © SMB/Schmid

München –  Der verstorbene Münchner Weihbischof Engelbert Siebler wird beschuldigt, Schüler eines kirchlichen Internats in Oberbayern misshandelt zu haben. Das berichtet die "Süddeutsche Zeitung" (Mittwoch). Ein Ex-Schüler werfe ihm auch sexuellen Missbrauch vor. Siebler war von 1976 bis 1985 Direktor des Studienseminars Sankt Michael in Traunstein. In dieser Zeit sollen die Taten geschehen sein.

Siebler ist der ranghöchste katholische Geistliche in Bayern, gegen den ein mutmaßliches Opfer einen solchen Vorwurf erhebt. Träger des Traunsteiner Internats ist die Erzdiözese München und Freising. Es wurde seit 1939 auch von Joseph Ratzinger besucht, dem späteren Münchner Erzbischof und Papst.

Studienseminar Sankt Michael

Das Studienseminar Sankt Michael in Traunstein wurde 1929 vom Münchner Kardinal Michael von Faulhaber gegründet. Das Ziel war, "jungen Menschen Bildungs- und Lebenschancen zu eröffnen durch eine von christlicher Wertehaltung geprägte Persönlichkeits- und Schulbildung". Jungen aus dem Chiemgau sollten dabei auch für den Priesterberuf gewonnen werden. Bis heute sind die Plätze im Studienseminar, die Jungen vorbehalten sind, sehr gefragt. Im Schuljahr 2014/2015 wurde ein neues Konzept mit dem Schwerpunkt Jungenpädagogik eingeführt. Auch die Brüder Georg und Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., besuchten in den 1930er Jahren die Einrichtung. Seit November 2019 plant das Erzbistum München und Freising eine innovative Weiterentwicklung des Areals. Der künftige "Campus Sankt Michael" soll ein ganzheitlicher Bildungsstandort werden und sich mit seinen Angeboten an Kinder, Jugendliche und Familien richten. In Anlehnung an die Geschichte des Ortes und die Umwelt-Enzyklika "Laudato si" von Papst Franziskus lägen die Schwerpunkte auf Persönlichkeitsbildung, Nachhaltigkeit und Schöpfungsspiritualität, heißt es. Vorgesehen ist bis Ende 2023 der Neubau mehrerer Gebäude, darunter ein zentrales Forum in Lehmbauweise. (kna)

Ein Sprecher der Erzdiözese bestätigte der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), das mutmaßliche Opfer habe sich 2016 an den Missbrauchsbeauftragten der Erzdiözese mit Vorwürfen körperlicher und psychischer Gewalt gegen Siebler gewandt. Dabei habe der Mann laut Gesprächsprotokoll auch von "komischen körperlichen Annäherungsversuchen" berichtet: "Konkret sei allerdings nichts geschehen." Weitere Kontakte zu dem einstigen Schüler und seinen Anwälten habe es auf dessen eigenen Wunsch ab Herbst 2016 nicht mehr gegeben.

Der geschilderte Sachverhalt war laut Darstellung des Ordinariats lückenhaft. Es seien zu viele Fragen offen geblieben, um die Plausibilität der Vorwürfe einschätzen zu können, weshalb der Weihbischof nicht damit konfrontiert worden sei. Dies sei den Anwälten damals auch mitgeteilt worden, zusammen mit dem Angebot weiterer Gespräche. Darauf sei der Betroffene nicht eingegangen. Die SZ zitiert seine Anwältin jetzt mit den Worten, ihr Mandant sei "kaum in der Lage, über die Geschehnisse zu sprechen".

Ein Sprecher des Erzbistums sagte auf Anfrage, die Erzdiözese bedauere zutiefst und sei beschämt, wenn Minderjährige und erwachsene Schutzbefohlene durch kirchliche Mitarbeiter zu Betroffenen psychischer, körperlicher oder sexueller Gewalt würden. Jeder Hinweis darauf werde ernstgenommen. Der Erzdiözese sei an einer "vollumfänglichen Aufarbeitung im Sinne der Betroffenen sehr gelegen". Betroffene seien aufgerufen, sich an die unabhängigen Missbrauchsbeauftragten des Erzbistums zu wenden. Anfang des Jahres hat das Erzbistum ein neues Gutachten zur Aufarbeitung der Fälle sexuellen Missbrauchs und körperlicher Gewalt in Auftrag gegeben.

"Klima der Angst"

In dem SZ-Beitrag gibt der ehemalige Seminarist an, Siebler habe ihn im Internat "konsequent bloßgestellt, sadistisch gequält und massiv geschlagen". Sieblers "Spezialität" sei es gewesen, "mit massiver Kraft an den Koteletten zu ziehen". Nach Angaben seiner Anwältin seien auch damalige Präfekten Täter gewesen. Ein Treffen mit Kirchenvertretern habe der Mann mit der Begründung abgelehnt, ihm fehle die Kraft dazu.

Die SZ hat nach eigenen Angaben mit weiteren ehemaligen Traunsteiner Internatszöglingen gesprochen. Einen Vorwurf von sexuellem Missbrauch habe niemand geäußert. Allerdings habe unter Direktor Siebler ein "Klima der Angst" geherrscht, hieß es.

Siebler wurde 1937 in Jarzt bei Freising geboren und 1963 zum Priester geweiht. Im Traunsteiner Studienseminar war er schon von 1966 bis 1971 Präfekt, danach für mehrere Jahre Religionslehrer an verschiedenen Orten. Unter Kardinal Friedrich Wetter wurde er zunächst zum diözesanen Schulreferenten befördert und 1986 zum Weihbischof ernannt. Von 2001 bis 2006 leitete er die Schulkommission der Deutschen Bischofskonferenz. Siebler starb im Jahr 2018. (kna/kas)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch

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