Papstenzyklika gegen den NS-Staat „Mit brennender Sorge“ vor 80 Jahren veröffentlicht

21.03.2017

21. März 1937: Die Katholiken in Deutschland sind aufgerüttelt und die nationalsozialistischen Behörden schäumen vor Wut. Der Anlass: ein päpstliches Lehrschreiben.

Eugenio Pacelli, später Pius XI., hat den Entwurf von Kardinal Michael Faulhaber überarbeitet.
Pius XI. setzte seine Unterschrift unter die Enzyklika, die das totalitäre Regime scharf angriff © wikipedia

München – Der rotumrandete „Schnellbrief“ des NS-Ministeriums für kirchliche Angelegenheiten liegt heute noch im Archiv des Erzbistums München und Freising. Darin verbieten die braunen Machthaber den deutschen Bischöfen „Druck, Vervielfältigung und Verbreitung“ der Enzyklika „Mit brennender Sorge“. Zwei Tage zuvor, am 21. März 1937 war das päpstliche Rundschreiben erschienen. Der Kirchenhistoriker Franz Xaver Bischof von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität nennt es „die schärfste Antwort, die der Heilige Stuhl auf die Herausforderung des Nationalsozialismus erlassen hat“. Schließlich stelle sie die „Unvereinbarkeit“ der katholischen Glaubenslehre mit der Hitler-Ideologie fest.

Erst in deutsch, dann in latein

Wie brennend die Sorge der Kirche um Deutschland war, ist auch daran zu erkennen, dass es keine andere Enzyklika gibt, die zuerst in deutscher und erst danach in lateinischer Sprache verfasst wurde. Der Entwurf stammte von Kardinal Michael Faulhaber. Der Münchner Erzbischof erstellte ihn nur handschriftlich, damit auch keine Sekretärin und kein Sekretär durch eine Maschinenabschrift davon Kenntnis bekommen konnte. In Rom überarbeitete der später als Pius XII. zum Papst gewählte Eugenio Pacelli das Papier, erweiterte dessen Umfang erheblich und verschärfte den Tonfall. Rassismus, das neu belebte germanische Heidentum, das bedingungslose Führerprinzip und den absoluten Nationalismus lehnt die Enzyklika entschieden ab. Sie stellt stattdessen die Gottesgebote und das für alle geltende Naturrecht auf Leben heraus: „Sie gelten unabhängig von Zeit und Raum, von Land und Rasse“, heißt es darin. Unter strengster Geheimhaltung gelingt es, 300 000 Exemplare der Enzyklika in Deutschland zu drucken.

Den Text der Enzyklika "Mit brennender Sorge" können Sie hier vollständig nachlesen.

Zwölf Betriebe, die das wagten, mussten dafür einen hohen Preis zahlen. Der NS-Staat enteignete die Inhaber entschädigungslos. Darunter war auch die Firma Höfling in München. Ein offizieller Brief, in dem Kardinal Faulhaber die moralische Verantwortung für den Auftrag übernahm, half dem Eigentümer nicht. Der Münchner Erzbischof sowie die anderen deutschen Oberhirten blieben unbehelligt. „Sie waren aufgrund ihrer Stellung unangreifbar, aber man versuchte die Mitarbeiter zu treffen“, erklärt der Kirchenhistoriker Bischof. Das Regime habe die Enzyklika „sehr wohl als Kampfansage verstanden“ und reagierte scharf. Katholische Verbände wurden endgültig verboten, die konfessionelle Bekenntnisschulen in Gemeinschaftsschulen umgewandelt und eine Reihe von Prozessen gegen Priester publikumswirksam inszeniert, meistens lautete die Anklage auf Sittlichkeits- und Devisenvergehen. Wenige Monate später verhaftete die Gestapo in München einen der wortmächtigsten Gegner des Regimes, den Jesuitenpater Rupert Mayer.

Moralische Autorität

Dennoch stärkte die Enzyklika die „Katholiken in ihrer religiösen und moralischen Haltung“, sagt Bischof. Ebenso hob sie unter vielen deutschen Protestanten und im nichtfaschistischen Ausland das Ansehen der Kirche. Das Rundschreiben hemmte aber weder die Judenverfolgung, für die sich der Vatikan in den 1930er Jahren nicht zuständig glaubte, noch die nationalsozialistischen Kriegspläne. Kritiker werfen Papst Pius XI., der die Enzyklika unterzeichnete, der römischen Kurie aber auch den deutschen Bischöfen vor, dass sie lediglich die eigenen kirchlichen Interessen verteidigen und sich gegen Verstöße des Konkordats, dem Vertrag zwischen Staat und Kirche, zur Wehr setzen wollten. „Aber immerhin wurde dieses klare Wort gesagt“, so Bischof, „auch wenn wir heute denken, es hätte schärfer ausfallen können.“ Weder wurde das nationalsozialistische Herrschaftssystem als solches verurteilt, noch die deutsche Regierung oder Hitler namentlich genannt. Diese Probleme hat „Mit Brennender Sorge“ aber mit vielen anderen offiziellen Dokumenten aus jener Zeit gemeinsam, die sich gegen den Nationalsozialismus richteten. Die Unberechenbarkeit und Brutalität der braunen Machthaber zwangen zur Vorsicht, um nicht diejenigen zu gefährden, die man schützen wollte. Die Repressionen gegen die Kirche zeigte, dass das Regime den Papst und die Bischöfe als moralische Autorität wahrnahm und sie fürchtete. (Alois Bierl)

Audio

Prof. Bischof im Interview

Ein Beitrag des Münchner Kirchenradios

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