Die Kraft der Natur Mit dem Segelflugzeug in den Chiemgauer Himmel

15.06.2019

In ein paar Sekunden zieht die Winde der Segelflugschule in Unterwössen die Flugzeuge in den Himmel. Dort angekommen, warten Ruhe, ein himmlischer Ausblick und eine andere Sicht auf die Welt.

Im Segelflugzeug über Unterwössen.
Im Segelflugzeug über Unterwössen. © SMB/Fleischmann

Unterwössen – Mit sonnengebräunter Haut und einem weißen Fischerhut kommt Ralf Paech auf mich zu. Seine Begrüßung ist ein klassisch norddeutsches „Tach“. Der Hamburger arbeitet derzeit für zwei Monate als Fluglehrer in der Deutschen Alpensegelflugschule in Unterwössen im Chiemgau. Heute will er mit mir fliegen. „Seitdem ich 13 bin, sitze ich im Segelflieger“, sagt Paech, „Und wenn einen die Leidenschaft mal packt, wird man die sein ganzes Leben nicht mehr los.“

Bevor ich in die Lüfte steige, bekomme ich noch einen Fallschirm umgelegt. „Ich habe den zwar noch nie benutzen müssen, aber sicher ist sicher“, sagt er. Wir setzen uns in den Flieger und warten darauf, dass ein Auto zur Winde fährt, die ein paar hundert Meter vor uns steht. Dort haken Mitarbeiter der Schule vier Seile in einen Metallrahmen und fahren in Richtung Startplatz. Vier Flugzeuge sind startbereit – wir sind als letztes dran.

„Die Winde beschleunigt von 0 auf 100 in unter drei Sekunden“, sagt Paech und ein klein wenig geht der Ingenieur mit ihm durch. Eigentlich arbeitet er in der Luftfahrt in Norddeutschland. Für zwei Monate Auszeit ist er aber dieses Jahr in den Süden gekommen. „Klar, es ist zwar Arbeit, aber es ist doch ganz anders, als das, was ich sonst immer mache. Für mich ist es Erholung pur.“

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Die Reportage aus dem Cockpit

Mit Fluglehrer Ralph Peech über den Wolken.

Ralf Paech und Lukas Fleischmann im Cockpit.
Ralf Paech und Lukas Fleischmann im Cockpit. © SMB/Fleischmann

Schneller als ein Supersportwagen

Das erste Flugzeug wird in die Luft gerissen, kurz darauf das zweite, dann das dritte. Schon nach wenigen Metern heben die Leichtgewichte ab. Wir sind dran. Die Winde beginnt zu ziehen und binnen kürzester Zeit sind wir schon auf fünfzig Metern Höhe angelangt. Ich sehe keinen Boden mehr, denn der Winkel ist dermaßen steil, dass man ohne Höhenmeter keine Ahnung hätte, wie weit man die Startbahn schon hinter sich gelassen hat. Während ich ein kleines Stoßgebet spreche, kommentiert Ralf Paech unbeeindruckt fachmännisch Höhe und Geschwindigkeit. Dann macht es klack und das Seil ist ausgeklinkt. Die Nase neigt sich nach vorne und ein traumhaftes Panorama öffnet sich vor uns. Am Horizont schimmert der Chiemsee, hinter uns liegen die Alpen. „Das Tolle am Segelfliegen ist, dass man mit der Natur fliegt. Man fühlt sich hier dem Himmel ein bisschen näher“, sagt Paech. Dann wird er ein wenig ernster und sagt, „außerdem liegt der ganze Flug ein wenig in Gottes Hand. Man gewinnt einen anderen Fokus und einen anderen Blick.“

Es ist relativ leise im Cockpit. Außer dem Wind, der an uns vorbeizischt, höre ich nichts. Ich kann mich mit Ralf Paech ganz normal unterhalten. Ob er denn schon mal einen brenzligen Moment im Flieger hatte, frage ich ihn. „Nein, das ist mir noch nie passiert. Klar musste ich auch mal auf einem Feld landen, aber das geht, wenn man gut vorbereitet ist“, sagt er in norddeutscher Nüchternheit.

Er sieht sich um und sucht nach einer Stelle, um an Höhe zu gewinnen. „Heute ist tatsächlich nicht der beste Tag zum Fliegen, wir haben wenig Thermik, weil wir konstantes Hochdruckwetter hatten“, sagt er. Wir fliegen an einem Hang entlang - nur ein paar Meter über den Bäumen. Dann beginnen wir zu kreisen. „Damit gewinnen wir an Höhe. Ich orientiere mich immer an Greifvögeln, denn die sind super Thermikflieger.“

Kurz vor der spektakulären Rechtskurve.
Kurz vor der spektakulären Rechtskurve. © SMB/Fleischmann

Dreifache Erdanziehungskraft

100 Meter weiter oben fragt mich Paech, ob ich Lust auf eine rasante Aktion habe. Ich sage natürlich ja. Dann neigt sich das Flugzeug nach rechts und wir rasen in Richtung Tal. Paech zieht das Flugzeug dann plötzlich nach oben und wir fliegen auf der gegenüber liegenden Talseite wieder bergaufwärts. Ich lache währenddessen vor Adrenalin. „So, wir sind jetzt bei 230 km/h“, kommentiert der Fluglehrer. „Noch‚ ne Aktion?“, fragt er im Anschluss. „Unbedingt“, sage ich. Wir vollführen eine steile 180-Grad-Wende, ich werde stark in den Sitz gedrückt. Reden könnte ich jetzt nicht mehr, Ralf Paech sagt lässig: „Ja, da wirken jetzt ungefähr 3 G (entspricht dem dreifachen Körpergewicht, Anmerkung d. Red.) auf dich. Das spürt man dann schon.“

Wir fliegen wieder zur Landebahn zurück und setzen ganz sanft auf. Schade. Ich wäre gerne noch länger in der Luft geblieben. Aber die Schüler von Ralf Paech warten auf ihre Stunden. Er frägt mich noch, wie es mir gefallen hat. Ich sage, dass ich am liebsten oben geblieben wäre. Er lächelt und sagt: „Dann solltest du wohl deine Segelfluglizenz machen.“

Der Autor
Lukas Fleischman
Radio-Redaktion
l.fleischmann@st-michaelsbund.de


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