Interreligiöser Dialog Mit Wissen gegen Vorurteile

16.07.2021

Kopftuch und fünf Mal am Tag beten – im Alltag ist der Islam hierzulande oft an bestimmte Merkmale geknüpft. In einem Seminar haben Christen genauer hingeschaut. Insbesondere auf die Zahlen und Fakten.

Referentin Gönül Yerli sitzt mit den Teilnehmenden des Seminars auf dem Boden im Gebetsraum und geht auf alle Fragen ein.
Referentin Gönül Yerli sitzt mit den Teilnehmenden des Seminars im Gebetsraum und geht auf alle Fragen ein. © SMB/Kelpe

München – Die Fenster sind gekippt und man hört draußen ein paar Kinder lachen. Auch ein Auto hupt ab und an. Es ist 13.27 Uhr und Zeit für das islamische Mittagsgebet. Das lebendige Treiben in der kleinen Hotterstraße im Münchner Zentrum dringt in den Gebetsraum des Forums für Islam und mischt sich mit einer vibrierenden Stille, in der nun die Stimme des Imams erklingt. Belmin Mehic rezitiert Koran-Suren und ein paar Gläubige schließen sich dem Gebet an. Der Raum ist karg, nur an der Stirnseite zieren goldene Ornamente die Wand. Im hinteren Teil des Raumes sitzen rund 20 Besucherinnen und Besucher auf dem weichen, blauen Teppich und beobachten das rund 15-minütige Ritualgebet.

 „Wir müssen uns auf Augenhöhe treffen“

„Nicht, dass Sie sich wundern, dass ich nicht mitgebetet habe“, beginnt Referentin Gönül Yerli im Anschluss das Gespräch mit der Gruppe. „Da ich aus Penzberg angereist bin, habe ich meine Tagesgebete bereits vorgebetet. Für Reisende ist das ok.“ Sie lächelt und zwinkert dem Imam zu. Das Wort „Reise“ sei dabei ein bisschen Auslegungssache. Die stellvertretende Vorsitzende des Forums für Islam referiert gemeinsam mit Andreas Renz, Fachbereichsleiter für Dialog der Religionen im Erzbischöflichen Ordinariat München, den Seminartag „Geschwisterlichkeit leben – Christen und Muslime im Dialog“. Sie wollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die Vielschichtigkeit des Islams sensibilisieren. Einige in der Gruppe arbeiten mit Geflüchteten oder haben muslimische Schüler, einige sind einfach neugierig, andere möchten ihr Wissen vertiefen. Viele arbeiten als Gemeindereferenten oder Religionslehrer. Auch Stefanie Bierl hat in ihrer alltäglichen Arbeit bei der Caritas mit Muslimen tun. Ihr ist der Dialog wichtig: „Wir müssen uns auf Augenhöhe treffen. Es muss ein gegenseitiges Interesse da sein.“ Dieser Tag bietet vor allem Raum für Fragen – jeglicher Art.

Mit Wissen und Empathie in den Dialog treten

Was bedeuten die Bewegungen während des Gebets? Warum müssen die Besucherinnen kein Kopftuch tragen? Warum wird auf ausschließlich auf Arabisch gebetet? – Es gibt so einiges zu klären und schon während des regen Austausches betont Yerli: „Es gibt nicht den Islam.“ Dabei wird immer wieder die Theologie gestreift, denn was wirklich im Koran steht variiert in der Auslebung, in der Kultur, in den Herkunftsländern und in der individuellen Person. „Es gibt zwei Säulen, in den interreligiösen Dialog zu treten: Das Wissen über die Religion des Gegenübers und die persönliche Ebene“, betont Andreas Renz. Für den Ausbau der Wissenssäule soll der Seminartag dienen. Die Vielschichtigkeit, die den Islam in Deutschland ausmacht, und die Entwicklungen der letzten Jahre präsentiert er dann in Schaubildern und Statistiken. Denn auch Zahlen können überraschen und die eigene Wahrnehmung widerlegen.

Es ist nicht so eindeutig, wie es scheint

„Wie viele muslimische Frauen tragen kein Kopftuch in Deutschland?“, fragt Renz. Verschiedene Zahlen schwirren durch den Raum. 30 Prozent? 50 Prozent?  Zehn Prozent? Nach einer Studie des Bundesamts für Migration Flüchtlinge von 2020 seien es rund 70 Prozent der Musliminnen, die kein Kopftuch tragen. Doch es ist nur ein kleiner Aspekt, in einem Diskurs, der sich auf unterschiedlichen Ebenen bewegt und keinesfalls einheitlich und starr ist. Yerli betont die Chance, die sich aus den interreligiösen Dialog ergibt: „Ich sehe keine Gefahr, dass man in der Begegnung von Christen und Muslimen vereinnahmt wird, sondern dass man sich im Spiegel des Anderen wiederentdeckt.“

Geschwisterlichkeit leben

Es ist ein kurzweiliger Vortrag. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nippen an ihrem schwarzen Tee, der in tulpenförmigen Gläsern ausgeschenkt wird. Natürlich bleiben am Ende des Tages noch viele Fragen unbeantwortet. Doch ein erweitertes Gefühl für die Vielfältigkeit des Islams nimmt wohl jeder mit. Und für die Geschwisterlichkeit der Religionen, die schon Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Fratelli tutti“ bekräftigt hat. Es ist nun 17.32 Uhr - die Zeit für das Nachmittagsgebet. Der Imam Belmin Mehic zieht seine Schuhe aus und betritt den Gebetsraum. Einige aus dem Seminar folgen ihm, um dem Gebet beizuwohnen. (Eileen Kelpe, Volontärin beim Michaelsbund)


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