Aschermittwoch der Künstler Mitglieder der Weißen Rose sind Zeugen aus dem christlichen Glauben

22.02.2018

Ein einfaches Holzkruzifix steht im Mittelpunkt beim Aschermittwoch der Künstler in München.

Das Kreuz aus der Gedenkstätte in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim.
Das Kreuz aus der Gedenkstätte in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim. © Kiderle

München – Es ist ein einfaches Holzkruzifix, unscheinbar, es könnte überall hängen. Verblichen wirkt das Holz, gefasst, traurig, fast nachdenklich das Gesicht des gekreuzigten Christus. Und dennoch weckt das Kreuz starke Emotionen: Es stammt aus der Justizvollzugsanstalt Stadelheim in München, aus der heutigen Gedenkstätte und früheren „Arme-Sünder-Zelle“, in die zum Tode Verurteilte vor der Hinrichtung geführt wurden. Sophie und Hans Scholl, Willi Graf – viele Mitglieder der NS-Widerstandsgruppe Weiße Rose haben wohl kurz vor ihrer Exekution darauf geblickt. Heute begleitet es beim traditionellen Aschermittwoch der Künstler im Münchner Liebfrauendom den Gottesdienst, der im Gedenken an die vor 75 Jahren ermordeten Mitglieder der Weißen Rose gefeiert wird.

Mitglieder der Weißen Rose sind Vorbild

Zu Beginn erinnert Kardinal Reinhard Marx mit Blick auf das Kreuz, das beim Einzug vom liturgischen Dienst vorangetragen und im Altarraum aufgestellt wird, an „diese großen Zeugen aus dem christlichen Glauben“. Die Mitglieder der Weißen Rose seien „auch heute noch Vorbild für uns, wir wollen sie nicht vergessen“. Wie die Frauen und Männer der Widerstandsgruppe schauten auch wir in jeder Eucharistiefeier auf den Gekreuzigten, auch „im Gesicht aller Gefolterten“ blicke er uns entgegen“. Durch diesen Blick auf Christus könnten wir „Empathie mit dem Elend der Menschen“ lernen, betont der Erzbischof später in seiner Predigt, um uns dagegen stark zu machen mit den Worten: „So nicht!“

Kardinal Marx dankt allen Künstlern

Der Kardinal zitiert eine Gedichtzeile des Lyrikers Peter Rühmkorf: „Bleib erschütterbar und widersteh’!“, die er auch als Auftrag an alle Gläubigen versteht. Gerade die Mitglieder der Weißen Rose hätten uns diesen Zweiklang von „Umkehr und Widerstand“, wie das Motto des Gottesdienstes lautet, vor Augen geführt. Kardinal Marx dankt auch allen Kunstschaffenden, „die sich anrühren, lassen vom Elend, von den Fragen der Menschen“. Sie drückten in ihrer Kunst aus, „was man dagegensetzen kann, was man ahnen kann, wenn man sich auf diesen Weg begibt, sich erschüttern zu lassen und zu widerstehen“. Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler sind an diesem Nachmittag der Einladung in den voll besetzten Dom gefolgt: Literaten, bildende Künstler, Komponisten. Die Schauspieler Norbert Heckner und Adela Florow tragen die Lesungen vor.

Kardinal Marx beim Aschermittwoch der Künstler im Münchner Liebfrauendom.
Kardinal Marx beim Aschermittwoch der Künstler im Münchner Liebfrauendom. © Kiderle

Es bleiben Fragen offen

Als der Kardinal die Asche segnet, ruft er Gott an, uns die 40 Tage der Fastenzeit „in der rechten Gesinnung“ durchleben zu lassen, uns von ihm „erneuern“ zu lassen. Worte, die im Gedenken an die mutigen Mitglieder der Weißen Rose neue Bedeutung erhalten. Als der Kardinal, die Konzelebranten Monsignore Thomas Schlichting und Künstlerpfarrer Rainer Hepler sowie zahlreiche andere Priester das Aschekreuz an die Gläubigen verteilen, erklingt die Doppelfuge „In memoriam: Die Weiße Rose“ von Hans Werner Henze aus dem Jahr 1965. Zwölf Instrumentalisten der Dommusik und des Ensembles „Espresso Espressivo“ bringen das Werk zum Schwingen, das sich suchend, oft von harten Bläserklängen durchzogen bis zu einem energischen Crescendo schraubt. Mit einem offenen, fragenden Akkord endet das Stück. Fragen, die in diesem Gottesdienst offen bleiben: Was dachten die Widerständler wirklich in ihren letzten Stunden? Würden wir uns heute genau wie sie damals erschüttern lassen und widerstehen?

Menschen verharren vor Kruzifix

„Sie sah Blick – Gleißen – Lichtreflex der geschliffenen Klinge – Sie sah Gleißen das meine Augen nicht ertragen“. So formuliert es Bezug nehmend auf Sophie Scholl der Münchner Autor Ludwig Steinherr, der nach der Kommunion sein eigens für den Aschermittwochs-Gottesdienst verfasstes Gedicht zu einer Photographie des historischen Kreuzes aus Stadelheim vorträgt. Steinherrs Zeilen klingen wohl bei den vielen Gottesdienstbesuchern noch nach, die im Anschluss an die Messe vor dem Kruzifix verharren und sich beeindruckt darüber austauschen.

Die Autorin
Karin Basso-Ricci
Münchner Kirchenzeitung
k.basso-ricci@st-michaelsbund.de


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