120 Jahre Michaelsbund Modern, offen und weltläufig

06.07.2021

Vor 120 Jahren wurde mit dem katholischen Preßverein der Vorläufer des Michaelsbundes gegründet. Die Wurzeln und die Geschichte des Verbands seien dabei "hochmodern", so Direktor Stefan Eß zum Jubiläum.

Michaelsbund-Direktor Stefan Eß zeigt das Dokument der Lizenz der Amerikanischen Militärregierung vom 8. August 1945.
Michaelsbund-Direktor Stefan Eß zeigt das Dokument der Lizenz der Amerikanischen Militärregierung vom 8. August 1945. © Kiderle

München - Viel ist es nicht, was der Zweite Weltkrieg an Zeugnissen über den Michaelsbund und seinen Vorläufer, den katholischen Preßverein, an seinem Münchner Stammsitz übriggelassen hat. Gerade einen guten Regalmeter füllt das Archivmaterial im Büro des geschäftsführenden Direktors Stefan Eß. Ein paar Flugschriften, Werbeblätter, vergilbte Bücherlisten, vereinzelte Korrespondenz und aus der Zeit nach 1945 eine Doktor- und eine Magisterarbeit. Ein kostbares Dokument hat sich aber im Haus erhalten und Eß entfaltet es vorsichtig und mit großer Ehrfurcht: Es ist die Lizenz Nummer 6 der Amerikanischen Militärregierung für Bayern, die auf den Namen des Münchner Domkapitulars Simon Irschl ausgestellt ist, der dem Verband schon vor dem Zweiten Weltkrieg eng verbunden war.

„Mit der Lizenz waren auch die kostbaren Papierzuteilungen verbunden“, erklärt der heutige Michaelsbund-Direktor. Ein begehrtes Gut in Zeiten der Mangelwirtschaft. Die Lizenz Nummer 6 galt zudem für sämtliche bayerischen Kirchenblätter. Mit den Diözesen waren vor allem die Abgaben aus dem vom Michaelsbund verwalteten Papierkontingent auszuhandeln. In einem persönlich unterschriebenen Brief beklagt sich Bischof Michael Rackl, dass er mit der zugewiesenen Papiermenge gerade einmal 2.500 Exemplare der Eichstätter Kirchenzeitung drücken könne, es aber 50.000 Bestellungen gebe.

Eingerahmtes Segenswort

Die „Münchner Katholische Kirchenzeitung“ konnte immerhin bereits ab dem 16. September 1945 wieder als Wochenblatt erscheinen. In der Redaktion steht sie gebunden in einem Jahresband, das Papier ist vergilbt. Auf der ersten Seite ein Text des damals bekannten Bühnenautors und späteren ersten Präsidenten des Bayerischen Rundfunkrats, Alois Johannes Lippl. Er teilte sich in der ersten Zeit nach dem Krieg die Schriftleitung des Blattes mit Erich Wewel, der auf Seite 2 einen programmatischen Aufsatz zum Neuanfang schrieb: „Es wird eine Aufgabe der neuen Kirchenzeitung sein, mitzuhelfen, daß wir erkennen, wohin Gott uns durch die Schickungen dieser Zeit führen will“, heißt es dort im letzten Absatz. Ein Segenswort dazu bekamen Redaktion und Leser von Erzbischof Michael Kardinal Faulhaber, das eingerahmt auf der Titelseite prangt.

Wewel war bereits zwischen 1938 und bis zum Verbot der Kirchenzeitung 1941 Hauptschriftleiter, inklusive häufiger Gestapo-Verhöre. Einen von Wewels Vorgängern, Prälat Michael Höck, sperrten die Machthaber vier Jahre lang in verschiedene Konzentrationslager, weil er Kritik am Nationalsozialismus geübt hatte.

Zum Verkauf gezwungen

Der katholische Preßverein war von den Machthabern schon 1934 gezwungen worden, sich in „St. Michaels-Bund zur Pflege des katholischen Schrifttums in Bayern“ umzubenennen. Damit machten sie klar, dass die publizistische Tätigkeit und Medienarbeit der Kirche sich fromm auf den eigenen Bereich zurückzuziehen habe. Gleichzeitig mit der Umbenennung hatten die gleichgeschalteten Behörden den Verband zum Verkauf aller Zeitungen gezwungen, die er in den 20 Jahren zuvor erworben hatte.

Im Hausarchiv ist die 1954 maschinengeschriebene Doktorarbeit von Karola Nüßler zu finden, die das heute fast vergessene kleine Zeitungsimperium des katholischen Preßvereins auflistet. Dazu zählten unter anderem der „Bayerische Kurier“ und später auch das „Neue Münchener Tagblatt“. Vor der nationalsozialistischen Diktatur gehörten dem Preßverein auch zehn Druckereien und 15 Regionalzeitungen, dazu kamen Beteiligungen an zwei Dutzend weiteren Blättern. Keine einzige Ausgabe davon hat sich im Hausarchiv erhalten. Dafür ein schöner Sammelband der „Jugendbeilage“, einer teilweise bebilderten Kinderzeitschrift aus den 1920er Jahren. Der Preßverein wollte auch junge Leser ansprechen und heranbilden – eine immer im Auge behaltene Daueraufgabe.

Visionärer Prälat als Gründer

Wie sehr dem Verband daran gelegen war, in alle Bevölkerungsschichten hineinzuwirken, das sticht aus den Archivstücken immer wieder hervor. „Alle Einrichtungen des Preßvereins sind für die Allgemeinheit, nicht bloß für die Mitglieder da“, zitiert Nüßler aus einer Rede Prälat Georg Trillers. Der tatkräftige Eichstätter Generalvikar war die entscheidende Gründungsfigur für den Verband, der am 15. Juli 1901 offiziell gegründet wurde. Triller war ein Visionär, der sogar überlegte, Lesehallen des Preßvereins in Bahnhöfen einzurichten.

Mit dieser Weltläufigkeit und literarischen Offenheit war es 1933 vorbei. Nicht nur seine politisch konservativ ausgerichteten Zeitungen, mit Ausnahme der Münchner Kirchenzeitung, musste der Preßverein aufgeben. Auch in den Büchereien griffen die Nationalsozialisten hart durch. In einer Klarsichthülle im Hausarchiv liegt ein Manuskript mit Erinnerungen von Josef Haas. Er leitete den Verband von 1930 bis 1955. Bewegt schreibt er, wie ein Ortsgruppenleiter mit Verbindungen zu Münchner Parteigrößen die Bestände der katholischen Volksbücherei in Kraiburg am Inn ohne jede Rechtsgrundlage beschlagnahmte. Eine Willkürmaßnahme gleich nach Adolf Hitlers Regierungsantritt. Haas traute sich, dagegen vor Gericht zu klagen, bekam sogar Recht und wenigstens Teile des Bestands zurück.

Nazis forderten Herausgabe von Büchern

Mit solchen Erfolgen war es aber schnell vorbei. Die Katholischen Volksbüchereien mussten sich in Pfarrbüchereien umbenennen, den Begriff „Volk“ nahm der NS-Staat exklusiv für sich in Anspruch. Das bereitete die 1941 erlassene Verfügung vor, dass die Pfarrbüchereien sich ausschließlich auf religiöse Erbauungsliteratur zu beschränken hatten. Im Archiv sind noch behördliche Schreiben an die Katholischen Pfarrämter im oberfränkischen Fichtelberg und im oberbayerischen Neuötting zu finden, in denen das „deutsche Volksbildungswerk in der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude“ die Herausgabe aller anderen Bücher fordert. In einem beiliegenden Brief an alle Pfarrbüchereien bittet sie Haas, „nach der Weisung der bayerischen Ordinariate“ trotzdem weiterzumachen, „soweit es nur irgend geht“. Vielleicht in der Hoffnung auf eine Zeit nach der menschenverachtenden Diktatur.

Die Folgen ihrer vernichtenden Kulturpolitik spürte der Sankt Michaelsbund noch lange. Bis in die 1960er Jahre sind Unterlagen mit Durchschlägen von Anträgen an den Freistaat Bayern zu finden, die erlittenen Bücherverluste finanziell auszugleichen. Da hatte der Verband, den die Diktatur vernichten wollte, schon einen enormen Aufschwung genommen: mit weit über 1.000 katholischen öffentlichen Büchereien und einer modernen Kirchenzeitung, die in Spitzenzeiten eine Auflage von 150.000 Exemplaren erreichte.

Einstieg in den Privatfunk

„Die Wurzeln und die Geschichte des Michaelsbundes sind eigentlich hochmodern“, sagt Eß und klappt eine Archivmappe zu. „Es geht immer um Bildung, Information und Orientierung für alle, mit den jeweils zeitgenössischen Mitteln.“ Vielleicht finden sich zum 150. Jubiläum 2051 ja auch die Schriftwechsel und Verträge mit Antenne Bayern und anderen Sendern im Archiv, ergänzt durch ein paar Tonbänder. Denn als der Privatfunk aufkam, stieg der Sankt Michaelsbund schnell in die damals umwälzende Medienentwicklung ein. Genauso wie kurz danach ins Internet, in die Sozialen Medien oder in die Online-Bibliotheksleihe. Eventuell bleiben sogar davon analoge Zeugnisse auf Papier übrig, oder die historischen Dokumente sind einmal digitalisiert in einer großen Michaelsbund-Cloud zu finden.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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