Christlicher Fundamentalismus im Netz Moderne Ästhetik, konservative Inhalte

13.09.2021

Auf Instagram streiten sich junge Christen über Glaubensinhalte – dabei fällt immer wieder der Begriff "Fundamentalismus". Ein Beitrag über unterschiedliche Wahrheitsansprüche in der katholischen Welt.

Frau vor Laptop mit christlichen Symbolen auf dem Bildschirm
In ihren Postings positionieren sich Vertreter verschiedener christlicher Strömungen zu kontroversen kirchenpolitischen Themen. Ihre Haltungen prallen ungefiltert aufeinander, was nicht selten zu öffentlichen Auseinandersetzungen insbesondere in den Kommentarspalten führt. © stock.adobe.com/Rawpixel.com

München - Dass das Internet für junge Menschen mittlerweile der Raum schlechthin für Vernetzung, Orientierung und Informationskonsum geworden ist, dürfte allgemein bekannt sein. Gerade soziale Netzwerke bieten die Möglichkeit, sich intensiv mit speziellen Themen auseinanderzusetzen und sich unkompliziert und ortsunabhängig mit Gleichgesinnten auszutauschen. Seit einigen Jahren besonders beliebt ist Instagram, eine Plattform, auf der es jeder und jedem ganz einfach möglich ist, eigene Inhalte zu veröffentlichen und auf die der anderen zu reagieren. Personen mit einer großen Reichweite, auch Influencer genannt, können großen Einfluss darauf nehmen, welche Themen in der breiten Öffentlichkeit gerade auf der Agenda stehen.

In dem buntem Potpourri aus Mode und Beauty, Sport, Politik und Reisen präsentieren auch Bistümer und katholische Verbände sich und ihre Arbeit, Privatpersonen teilen ihre Meinungen und Erfahrungen rund um ihren christlichen Glauben. Ein Beispiel: Kira Beer. Die heute 21-jährige Theologiestudentin hat 2018 ihren Instagram-Kanal erstellt, mittlerweile sehen knapp 4.000 Menschen regelmäßig ihre Beiträge. Beer spricht über ihre Gotteserfahrungen, ihr Studium und Entwicklungen in der katholischen Kirche, gestaltet digitale Andachten mit und lässt ihre Follower an ihrem privaten Alltag als gläubige Christin teilhaben. Ein besonderes Anliegen ist es der Katholikin, sich für diskriminierte Gruppen einzusetzen und sich beispielsweise für eine gleichwertige Behandlung aller Lebensund Liebesformen zu positionieren. Mit dieser liberalkatholischen Grundhaltung stößt Beer nicht nur auf Zuspruch – von konservativeren Christinnen und Christen wird sie für ihre Überzeugung teilweise scharf kritisiert: „Mir wird dann beispielsweise vorgeworfen, an der Spaltung der Kirche mitzuwirken oder sündiges Verhalten zu unterstützen.”

Haltungen prallen aufeinander 

Genauso, wie soziale Medien Raum für Vernetzung bieten, sind hier auch gegensätzliche Meinungen miteinander konfrontiert: In ihren Postings positionieren sich Vertreter verschiedener christlicher Strömungen zu kontroversen kirchenpolitischen Themen. Ihre Haltungen prallen ungefiltert aufeinander, was nicht selten zu öffentlichen Auseinandersetzungen insbesondere in den Kommentarspalten führt.

Diese Erfahrung macht auch Clara Steinbrecher. Die 23-Jährige ist Leiterin der Initiative Maria 1.0, die sich nach eigenen Angaben für die Einheit der Weltkirche und die Treue zum päpstlichen Lehramt einsetzt. Auf Instagram informiert die konservative Gegenbewegung zu Maria 2.0 seit 2019 über ihre Arbeit, erinnert beispielsweise an Heilige oder empfiehlt Beiträge katholischer Publizisten. Mittlerweile erreichen ihre täglichen Beiträge knapp 2.000 Menschen. Wenn Katholikinnen und Katholiken im Netz Meinungen äußern, die für Steinbrecher der Lehre der Kirche widersprechen, ist es ihr und ihrem Team ein Anliegen, Stellung zu beziehen: „Wir versuchen freundlich und respektvoll, aber unmissverständlich klarzustellen, was die Lehre der Kirche ist, weil es nicht einfach unsere Privatmeinung ist, sondern die Lehre der Kirche, die sich in vielen Punkten nicht ändern kann.”

Wesentlich mehr Follower als Maria 1.0 und Beer, zum Teil über 30.000, verzeichnen freikirchliche „Christfluencer”. Dass es katholischen Accounts bislang nicht gelungen ist, eine ähnlich große Reichweite zu erzielen, hängt wohl nicht zuletzt mit dem Imageverlust der Kirche in den vergangenen Jahren zusammen. Mit einer modernen Ästhetik, die im Gegensatz zu den teils sehr konservativen Inhalten steht, präsentieren sich vor allem junge Frauen, die sich selbst als bibeltreu bezeichnen, zu Glaubensthemen. In ihren Beiträgen geht es beispielsweise um den Klimawandel als Strafe Gottes, um Sex vor der Ehe oder um die Frage, wie sich Mädchen und junge Frauen kleiden sollen: „Du weißt doch, dass enge körperbetonte Klamotten und viel Haut bei Männern bestimmte Dinge hervorrufen? Wieso versuchen wir das Ganze noch zu provozieren?”, schreibt etwa eine junge Influencerin, der mehr als 34.000 Menschen auf Instagram folgen.

Absoluter Geltungsanspruch

Beer beobachtet den großen Zuspruch für solche Inhalte mit Sorge: „Einige Accounts halte ich für besonders gefährlich, weil sie jegliche Erkenntnisse der Wissenschaft, sowohl der Theologie als auch anderer, ignorieren und ihre „Wahrheit“ mit einem absoluten Geltungsanspruch – weil ja göttlich – an tausende Menschen verbreiten.” Sie sehe es als ihre Verantwortung als Christin und angehende Theologin, auf ihrer Ansicht nach gefährliche Inhalte aufmerksam zu machen, sich begründet davon zu distanzieren und alternative Sichtweisen aufzuzeigen. Aus diesem Grund veröffentlichte Beer vor einigen Wochen ein Video, in dem sie erklärt, woran man ihrer Meinung nach christlichen Fundamentalismus im Netz erkennen kann. Als Kennzeichen beschreibt die Studentin beispielsweise einen Wahrheitsanspruch oder ein wörtliches Bibelverständnis sowie die Verwendung von teils aus dem Zusammenhang gerissenen Bibelzitaten.

Auch Anna-Sophia Birzele, systemische Beraterin im Fachbereich Weltanschauung der Erzdiözese München und Freising, kennt die typischen Argumentationslinien christlicher Fundamentalisten. Die Psychologin warnt jedoch davor, konservative Positionen voreilig als „fundamentalistisch“ abzustempeln. „Christliche Fundamentalisten vertreten oft sehr spezielle religiöse, gesellschaftliche und politische Positionen, wie etwa die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift oder sehr restriktive Werte und Normen. Kleinste Abweichungen werden mit Verweis auf göttliche Gebote geahndet. Im Vergleich zu anderen Ländern, etwa Polen oder Ungarn, vor allem aber im Vergleich zu den USA sind fundamentalistische Christen in Deutschland eher eine Minderheit.”

Doch wie kann es sein, dass eine nicht unerhebliche Anzahl an Jugendlichen sich von sehr konservativen Haltungen, wie etwa der Forderung nach züchtiger Kleidung, angesprochen fühlt? „Fundamentalistische Positionen geben eine Wahrheit vor und ihre Antworten scheinen dabei meist klar und einfach zu sein. Das kann gerade für junge Menschen attraktiv wirken, wenn zentrale Lebensfragen wie ,Wer bin ich?’, ,Wie wirke ich auf andere?’, ,Wer will ich sein?’ und die Suche nach Identität oder Orientierung im Vordergrund stehen”, erklärt Birzele. Die sozialen Netzwerke eröffnen dabei neue Räume, um diese Bedürfnisse anzusprechen – gleichzeitig bergen sie aber auch die Gefahr, sich ausschließlich mit Gleichgesinnten zu umgeben. Laut Birzele merke man in so einer Situation gar nicht mehr, „wie man immer mehr abschweift in eine Art christliche Sonderwelt. Wird diese christliche Sonderwelt dann zudem immer radikaler und eigensinniger, sind Konflikte unvermeidlich.”

Wahrheitsanspruch der Kirche

Beers Video zum Fundamentalismus hat innerhalb der christlichen Instagram-Szene Aufsehen erregt. 235 Kommentare finden sich unter dem Beitrag, der auch von unterschiedlichen katholischen Accounts kritisch wie zustimmend aufgegriffen wurde. Maria 1.0 reagierte mit einem Instagrampost, in dem die Initiative die Frage stellt: „Denkt ihr, christlicher Fundamentalismus ist ein Problem in unserem Land oder kann er gar eine Lösung sein für die Herausforderungen der Zeit?“ Leiterin Steinbrecher würde diese Frage selbst mit einem Ja beantworten. Die 23-Jährige empfindet den Begriff „Fundamentalismus” keineswegs nur als negativ – im Gegenteil: Sie bezeichnet sich sogar selbst als katholische Fundamentalistin, „in dem Sinne, dass Fundamentalismus die radikale Nachfolge Christi umfasst, das Bauen des gesamten Lebens nach den Maßstäben Christi. Mein Fundament ist Christus und mit ihm auch die Kirche, die seine Botschaft bis heute treu bewahrt hat”, erläutert Steinbrecher und distanziert sich damit von der evangelikalen Bibeltreue einiger christlicher Accounts. Ein kompromissloser Wahrheitsanspruch gehört für die angehende Gymnasiallehrerin ganz selbstverständlich zum Katholischsein dazu: „Wenn unter Klerikern und Laien einzelne Mitglieder diesen Anspruch ablehnen, muss man das letztendlich als Häresie bezeichnen. Diese kann aber nichts an dem Wahrheitsanspruch der Kirche ändern. Mich verletzt es, wenn jemand so eingestellt ist, der es eigentlich besser wissen müsste.”

Gefährlich sei diese radikale Nachfolge Christi ihrer Ansicht nach nicht, da das Christentum auch in radikaler Praxis nicht in Gewalt münde: „Das Besondere am Christentum ist, dass es nie mit Gewalt oder unter Zwang geschehen kann. Wenn jemand die Wahrheit, die ich in Christus erkenne und entsprechend verkünde, annimmt, dann ist das ja nichts Gefährliches.” Zugleich verstehe Steinbrecher aber, „dass es als etwas Gefährliches von anderen wahrgenommen wird, die diesen Wahrheitsanspruch Christi ablehnen”. Dieser Einschätzung kann Beer nicht zustimmen: Die Theologiestudentin empfindet es als psychische Form der Gewalt, Menschen durch fundamentalistische Denkarten ihre Identität oder ihre Lebensform abzusprechen. „Gerade als Katholikinnen und Katholiken sollten wir uns außerdem dessen bewusst sein, dass eine fundamentalistische Sexualmoral, wie sie das katholische Lehramt immer noch vertritt, mitverantwortlich ist für den sexuellen und geistlichen Missbrauch innerhalb unserer Kirche”, ist Beer überzeugt. „Dessen Opfer verbieten es uns geradezu, so zu tun, als trage christlicher Fundamentalismus kein Gewaltpotential in sich.“

Gemeinsame Basis fehlt

Zwar sind Steinbrecher und Beer um einen respektvollen Austausch bemüht – ganz einfach ist das jedoch nicht immer. „Es fehlt oft eine gemeinsame Basis, weil unterschiedliche Wahrheitsansprüche oder Begriffe von Wahrheit vorausgesetzt werden. Deshalb ist es schwierig, ein Miteinander zu finden”, räumt die Maria-1.0-Leiterin ein. Beer erlebt den binnenchristlichen Diskurs als besonders herausfordernd, wenn mit persönlichen Gebetserfahrungen argumentiert werde. Ihr läge nichts ferner, als anderen ihre Gebetserfahrungen abzusprechen, betont sie. „Gleichzeitig haben sich auch meine eigenen Ansichten immer wieder im Gebet bestätigt, worauf ich ja schon auch vertraue. Ich frage mich: Sagt Gott uns verschiedene Dinge oder kann einfach eine Seite nicht richtig zuhören?” Für Steinbrecher hingegen steht fest: Katholischer Glaube basiere nie nur auf privater Gebetserfahrung, sondern müsse immer auch „mit dem abgeglichen werden, was die Kirche sagt”.

Religiöse Emotion, unterschiedliche Wahrheitsansprüche – hinzu kommt die knappe, zum Teil rohe Art der Kommunikation in den sozialen Medien: All das begünstigt eine Frontenbildung, die zum Teil in Shitstorms und Abschottung endet. Eine schwierige Ausgangssituation für eine Annäherung, weiß auch Psychologin Birzele: „Ein Dialog setzt voraus, dass er auf Augenhöhe erfolgt und mit der Bereitschaft, auch den anderen anzuhören und das jeweilige Weltbild kritisch zu erhellen.” Eine Haltung, die auch für Christinnen und Christen keine Selbstverständlichkeit zu sein scheint. (Katharina Zöpfl und Hannah Wastlhuber)


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