Moral und Gewissen 50 Jahre Enzyklika „Humanae vitae“

24.07.2018

Am 25. Juli 1968 veröffentlichte Papst Paul VI. ein Lehrschreiben, das wohl wie kein zweites jahrzehntelange kontroverse Diskussionen auslöste: „Humanae vitae“ wurde umgangssprachlich zur „Pillenenzyklika“.

Umstritten: die Antibabypille.
Umstritten: die Antibabypille. © aleksashka_89 - stock.adobe.com

München – Dieses Dokument hat die katholische Kirche in den vergangenen fünf Jahrzehnten mehr beschäftigt als alle anderen. Immer wieder war es der Bezugspunkt für Forderungen und Mahnungen, aber auch für heftige Debatten, Konflikte um Theologen und Initiativen und auch für verletzenden Streit. Woran liegt das? Sicher längst nicht mehr an dem speziellen Thema, dem die Enzyklika seinerzeit gegolten hat, der Empfängnisverhütung mit „künstlichen“ Mitteln, also Pille und Kondom. Die sind zwar immer noch ein Thema, wenn es um die Vermeidung unerwünschter Schwangerschaft, um Erziehung und um verträgliche Methoden der Familienplanung geht. Aber solche Gespräche spielen sich heute in der Familie, in der ärztlichen Beratung und in Schulklassen ab.

Dabei geht es um Gesundheit und Lebensgefühl, um Körperwahrnehmung und Lebensschutz und um verantwortliche Nähe, nicht um Sünde und Schuld. Für die öffentliche Diskussion ist Empfängnisverhütung kein Thema mehr; nicht vorstellbar, dass sie Gegenstand von Talkrunden im Fernsehen, von Debatten im Parlament oder von Vorträgen in einem Volksbildungswerk sein könnte. Übrigens auch nicht von Predigten. Die deutschen Bischöfe haben in ihrer Zusammenfassung der Antworten auf die Fragen zur Vorbereitung der vergangenen Bischofssynode festgestellt, dass in Kursen zur Ehevorbereitung und seelsorglichen Angeboten für Ehepaare und Familien auf diözesaner und pfarrlicher Ebene „ein Gespräch über die natürliche Familienplanung meistens auf Desinteresse oder Ablehnung“ stößt. Das Mehr an sexueller Selbstbestimmung, das 1968 durch die Entkoppelung der Sexualität von der Fortpflanzung ermöglicht wurde, haben die Menschen längst realisiert.

Wichtigster Bezugstext

Warum hat diese Enzyklika dann bis heute eine so zentrale Rolle gespielt? Die Antwort ist nach zwei Richtungen hin zu suchen: Innerkirchlich ist diese Enzyklika faktisch zum wichtigsten Bezugstext für alle weiteren offiziellen Verlautbarungen der Kirche über die Themen der Ehe-, Familien- und Sexualmoral gemacht worden. Inhaltlich ging es dabei immer wieder darum, die anfallenden Fragen des richtigen Handelns von einer vorgegebenen „Natur“ des Geschlechtsaktes und der Sexualität her zu beleuchten und zu normieren. Und theologisch ging es um nicht weniger als das Verhältnis zwischen der moralischen Urteilsfähigkeit des einzelnen Gläubigen (Gewissen) und dem Anspruch der Kirche und ihres Lehramts. Das Urteil des Gewissens ist verbindlich – das war vom Zweiten Vatikanum geklärt worden; aber ist das Gewissen des Einzelnen auch verlässlich oder ist es nicht auf die Orientierung des Lehramtes angewiesen, um „nicht hin- und hergetrieben zu werden von jedem Windstoß der Lehrmeinungen … und nicht von der Wahrheit abzukommen“, wie es in einer späteren Enzyklika von Papst Johannes Paul II. polemisch hieß?

Ethische Fragen stellen sich

Die zweite Richtung, in der man Gründe finden kann, sind die Fortschritte der Reproduktionsmedizin und deren weitgehende Akzeptanz in der Gesellschaft. Empfängnisverhütung ist nur noch eine kleine Facette des Gesamtphänomens, dass Menschen mit medizinischer Unterstützung die Fortpflanzung steuern. Zwar nicht alles, aber vieles ist machbar geworden; und laufend werden bisher geltende Grenzen der Machbarkeit verschoben. Nicht nur das Kinder bekommen, sondern auch das Nichtkinderbekommen-Können hat ein erhebliches Stück seiner Schicksalshaftigkeit verloren. In Deutschland werden heute etwa zwei Prozent aller Kinder durch medizinisch assistierte Reproduktion geboren, und weltweit leben schon über sechs Millionen Kinder, die auf diese Weise entstanden sind. Das wirft viele neue Fragen auf. Ethische Fragen zum Beispiel nach Belastungen und Risiken für die Eltern und die Kinder, nach dem Umgang mit Embryonen und so fort. Aber auch Fragen, die das grundlegende Verständnis von Ehe, Elternschaft, Familie-Sein und die Reichweite des Wunsches, mit einem Partner Kinder zu bekommen, betreffen: Welches ist die für Fortpflanzung unerlässliche Bedingung, der Status der Ehe, eine aus Frau und Mann bestehende Partnerschaft, oder der Wille zu Dauer, Stabilität und Verantwortungsübernahme zweier Erwachsener unabhängig vom Geschlecht? Was kann und muss als Familie gelten – angesichts der bereits schon praktizierten Formen des Zusammenlebens und im Blick auf die durch die Reproduktionsmedizin möglich gewordenen Konstellationen „gespaltener“ oder besser: vervielfältigter Elternschaft? Welche Formen von Elternschaft sind dem Wohl des Kindes förderlich und welche abträglich? Durch welche, jetzt möglich gewordenen medizinisch-technischen Eingriffe könnten elementare moralische und rechtliche Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens gefährdet werden?

Vertrauen auf die Eigenkompetenz

Das sind ein paar der Fragen, die heute anstehen und unser Bild vom Menschen tangieren. Statt Einzelfragen der ehelichen Praxis und bestimmte Verfahren der Familienplanung zu entscheidenden Glaubensfragen hochzustilisieren und zu Werkzeugen der Kirchenpolitik zu machen, ist es für die meisten Menschen – Gläubige wie Nichtgläubige – hilfreicher, wenn sie im Vertrauen auf die Eigenkompetenz, ihr Familienleben zu gestalten, durch Angebote von professioneller Beratung und überzeugender Begleitung unterstützt werden. Es ist ja letztlich die Qualität der Beziehungen, die solidarische Fürsorglichkeit und das fördernde Mitgehen ins Leben, auf die es ankommt. Eine Kirche, die sich entschließen könnte, hier neue Schwerpunkte zu setzen, würde nicht nur Jahrzehnte andauernde Spannungen und Gegensätze beenden, die sie unendlich viel Energie und Ressourcen gekostet haben. Sie könnte dabei auch bruchlos anknüpfen an das Prinzip verantwortlicher Elternschaft und an das Postulat des Schutzes der Fortpflanzung vor Eingriffen des Staates, zu denen sie sich in „Humanae vitae“ bekannt hat. Sie wäre trotzdem in der Lage, glaubwürdig allzu schrille Interpretationen des Rechts auf reproduktive Autonomie zu kritisieren. Und was auch nicht übersehen werden darf: Kinder, die gewünscht oder geplant oder sogar mit medizinischer Hilfe gezeugt wurden, werden meistens von ihren Eltern intensiv als Geschenk, das sie nach kirchlicher Lehre sind, empfunden und fürsorglich behandelt. (Konrad Hilpert. Der Autor ist emeritierter Professor für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München.)


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