Interreligiöses Erinnern München gedenkt erster Deportation jüdischer Bürger

20.11.2020

Bei einer Gedenkveranstaltung im Münchner Stadtteil Milbertshofen-Am Hart ist an die erste Deportation Münchner Juden am 20. November 1941 erinnert worden.

Kerze in Dunkelheit
"Nicht alle Christen waren Mörder, aber alle Mörder waren Christen." © Sergio Yoneda - stock.adobe.com

München – An der Gedenkveranstaltung am Donnerstagabend nahmen der Münchner Kardinal Reinhard Marx und der Evangelisch-Lutherische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm teil. Eingeladen hatten die Gemeinschaft Sant'Egidio und die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Veranstaltungsort war der Vorplatz des Gymnasiums München-Nord, in dessen Nähe sich das damalige sogenannte Judenlager Milbertshofen befand. In den frühen Morgenstunden des 20. November 1941 fuhr vom Güterbahnhof Milbertshofen der erste Deportationszug nach Osteuropa ab mit 1.000 Juden, darunter 130 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Wenige Tage später wurden die Menschen, mehr als die Hälfte von ihnen Frauen, erschossen.

Betroffenheit genüge nicht

In ihrer Ansprache betonte die Präsidentin der Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, Betroffenheit genüge nicht. "Wir müssen verstehen, was war, um zu erkennen, was ist, und um zu verhindern, was wird." Deutschland sei heute ein Staat, der es sich zur Aufgabe gemacht habe, jüdisches Leben mit allen Mitteln zu schützen. Dennoch komme es immer wieder zu Übergriffen. Die Abgründe der NS-Herrschaft zeigten, warum ein Aufschrei durch die Gesellschaft gehen müsse, wenn Intoleranz und Hass um sich griffen. Als Leitstern müsse der Satz gelten: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Dafür mit aller Macht einzutreten, sei nichts anderes als tätiges Erinnern.

"Das Schweigen, die Teilnahmslosigkeit, das Wegschauen der Bevölkerung und auch der Kirche sind von heute aus gesehen beschämend und unverzeihlich", erklärte Marx. "Ohne Zweifel müssen wir sagen: Auch die Kirche, voran die Bischöfe, sind durch Schweigen schuldig geworden." Bedford-Strohm ergänzte, "voller Scham müssen wir heute feststellen, dass die Kirchenleitungen nicht bereit waren, sich dieser Deportation offiziell entgegen zu stellen und dagegen politisch aktiv zu werden".

"Mutig bekennen und ansprechen, wo Unrecht geschieht"

Bedford-Strohm sagte, ihn habe das Wort eines amerikanischen Theologen erschreckt, der mit Blick auf die Schoah gesagt hatte: "Nicht alle Christen waren Mörder, aber alle Mörder waren Christen." Diese Erkenntnis ermahne heute alle, "mutig zu bekennen und auszusprechen, wo Unrecht geschieht". Der Landesbischof rief dazu auf, "klar zu widersprechen, wenn versteckte oder offene rechtsradikale Auffassungen heute wieder salonfähig gemacht werden sollen".

Marx erinnerte, dass der Weg bis zum 20. November 1941 von vielen Seiten - auch von Christen - bereitet worden sei durch Hetze gegenüber den jüdischen Mitbürgern. Das dürfe sich nie mehr wiederholen. Deshalb gelte: "Christen und Juden werden sich in diesem Land, in dieser Stadt nie mehr gegeneinanderstellen. Gerade in Zeiten eines neuen Antisemitismus müssen und werden wir dieses Zeugnis des Miteinanders setzen." (kna)


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