Reaktion auf Studie Münchner Erzbistum: Vertuschung von Missbrauch heute unmöglich

25.09.2018

Die Deutsche Bischofskonferenz hat die Missbrauchsstudie nun offiziell veröffentlicht. Das Erzbistum München und Freising sieht sich durch die Ergebnisse bestätigt.

Der Südturm des Münchner Liebfrauendoms.
Der Südturm des Münchner Liebfrauendoms. © SMB/Schmid

München – Das Erzbistum München und Freising sieht sich durch die Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz weitgehend bestätigt. Die wichtigsten Erkenntnisse der Untersuchung deckten sich mit einem Gutachten, das die Erzdiözese bereits 2010 bei einer externen Rechtsanwaltskanzlei in Auftrag gegeben habe, heißt es in einer am Dienstag veröffentlichten Stellungnahme des Erzbistums. Schon damals seien "als Mechanismen Vertuschung, Versetzung von Beschuldigten auf andere Stellen und ein Versagen des Verwaltungshandelns dokumentiert worden".

In erheblichem Umfang seien außerdem Akten vernichtet, in Privatwohnungen gelagert oder nicht gegen den Zugriff Unbefugter gesichert worden. Die daraufhin vollzogene Verwaltungsreform mache Aktenmanipulationen oder Vertuschung von Missbrauchsfällen "nahezu unmöglich". So würden Personalakten heute im Ordinariat diebstahlssicher elektronisch geführt. Über den 2010 begonnenen Kurs der Aufarbeitung, Anerkennung und Prävention hinaus müssten weitere Konsequenzen aus der aktuellen Studie genau analysiert werden, "insbesondere mit Blick auf Strukturen und den Umgang mit Sexualität".

Viele Priester überfordert mit Zölibat

Bei der Personalauswahl, besonders bei den Priestern, gelte es noch stärker auf sexuelle Reife und persönliche Eignung zu achten, heißt es weiter. So habe das Erzbistum schon Veranstaltungen gefördert, die das offene Gespräch und den Abbau von Diskriminierungen zum Ziel hätten. Im Ordinariat gebe es etwa eine regelmäßige Gesprächsrunde für schwule und lesbische Beschäftigte, die sich auch mit dem Generalvikar austausche. Die ehelose Lebensform und der Verzicht auf das Ausleben der Sexualität stellten einen gewaltigen Anspruch an die Priester. Viele berichteten davon, dass sie dieser Anspruch überfordere und sie sich allein gelassen fühlten. Dies müsse ernst genommen und thematisiert werden. Darüber hinaus müsse sich die Kirche der Debatte stellen, "wie die priesterliche Lebensform weiterentwickelt werden kann".

Ein Beratungstelefon für Betroffene von sexuellem Missbrauch ist von Dienstag, 25. September, 11 Uhr, bis (zunächst) Freitag, 28. September, 20 Uhr, unter (08 00) 0 00 56 40 erreichbar - anonym und innerhalb Deutschlands kostenfrei als Angebot der Deutschen Bischofskonferenz. Beratung via Internet und weitere Informationen gibt es in dieser Zeit auch unter hier sowie im Hilfeportal Sexueller Missbrauch des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

In den vergangenen Jahren hätten Grenzverletzungen die Meldungen bei den Missbrauchsbeauftragten des Erzbistums dominiert. Diese seien zwar keine Straftat, aber dennoch nicht akzeptabel. Folgen könnten die Verpflichtung zu Schulungen, Auflagen für die Tätigkeit oder auch eine Beendigung des Arbeitsverhältnisses sein. Seit 2010 seien bei den Beauftragten rund 120 substanzhaltige Meldungen eingegangen. 20 von ihnen hätten Priester, Ordensleute und Diakone betroffen, die anderen Lehrer, Mesner, Kirchenmusiker, Erzieher und Ehrenamtliche. Diese hohe Zahl könne auch ein Hinweis darauf sein, dass es mittlerweile eine größere Wachsamkeit gegenüber sexuellem Missbrauch und Grenzüberschreitungen gebe. (kna)

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