Demonstration vor der Synagoge Münchner Zeichen gegen Antisemitismus

08.06.2018

2.000 Münchner haben am Freitag gegen Antisemitismus demonstriert. Die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, dankte der Stadtgesellschaft in einer beeindruckenden Rede für dieses Zeichen.

Oberbürgermeister Dieter Reiter spricht zu den Teilnehmern der Demonstration.
Oberbürgermeister Dieter Reiter spricht zu den Teilnehmern der Demonstration. © SMB/Schlaug

München – Der Aufruf des Münchner Oberbürgermeisters Dieter Reiter ist nicht ungehört verhallt. 2.000 Münchner kamen am Freitagnachmittag auf den Sankt-Jakobs-Platz vor das Jüdische Zentrum, um gegen Hass und Übergriffe auf Juden zu demonstrieren. Die Solidaritätsaktion "Zusammenstehen gegen Antisemitismus" wurde dabei von vielen Vereinen und Enrichtungen der Stadt, darunter die christlichen Kirchen, unterstützt. Viele Teilnehmer setzten sich aus Verbundenheit mit ihren jüdischen Mitbürgern eine Kippa auf.

Juden allein gelassen

Oberbürgermeister Reiter erinnerte daran, dass der 9. Juni 1938 zu den dunkelsten Tagen der Münchner Stadtgeschichte zähle. An diesem Tag begann auf persönlichen Befehl Hitlers die Zerstörung der Münchner Hauptsynagoge. Damals hätte München die jüdische Gemeinde allein gelassen und das dürfe sich niemals wiederholen, so Reiter. Gewaltsame Übergriffe auf Juden, wie in Berlin, habe es in München in jüngster Zeit zwar nicht gegeben, trotzdem betonte Reiter: "Wir müssen wieder klar machen, dass es nicht akzeptiert wird, wenn jüdische Mitbürger beleidigt oder gar tätlich angegriffen werden."

Dass dies nötiger denn je ist, wurde auch bei der Demonstration selbst deutlich. Laut Moderatorin Miriam Heigl vom Demokratiebüro mischten sich auch Leute aus dem Umfeld der Neonazis, die 2003 einen Anschlag auf die Grundsteinlegung der Synagoge geplant hatten, unter die Teilnehmer.

 

Viele Teilnehmer setzten sich eine Kippa auf.
Viele Teilnehmer setzten sich eine Kippa auf. © SMB/Schlaug

Gemeinsam aufstehen

Der Kabarettist Christian Springer betonte in seiner Ansprache, Antisemitismus sei ein Angriff auf die Demokratie und die freie Gesellschaft. "Wenn es möglich ist, mit einem Bayern- oder Sechzger-Trikot, oder mit einem christlichen Kreuz um den Hals unbehelligt durch die Stadt zu laufen, dann muss das auch mit der Kippa auf dem Kopf möglich sein", sagte Springer unter dem Beifall der Zuhörer. Er appellierte daran, bei antisemitischen Sprüchen und Angriffen im Alltag nicht wegzuschauen, sondern "gemeinsam aufzustehen, damit die sehen, wie viele wir sind, und dass sie keine Chance haben".

Er verwahre sich auch dagegen, Antisemitismus nur als ein durch muslimische Flüchtlinge hervorgerufenes Problem zu begreifen. Zugleich schilderte Springer, dass er bei seinen zahlreichen Reisen in arabische Länder für seinen Verein "Orienthelfer" an den Flughäfen vor Ort stets nur ein aus dem Deutschen übersetztes Buch vorfände: Hitlers "Mein Kampf". Viele arabische Staaten würden ihren Bewohnern von Geburt an antijüdische Propaganda eintrichtern. "Für die ist Israel ein weißer Fleck auf der Landkarte", erklärte Springer.

Charlotte Knobloch
Charlotte Knobloch © SMB/Schlaug

Traum zerplatzt

Die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, zog die Zuhörer mit ganz persönlichen Worten in ihren Bann. Bei der Einweihung der neuen Hauptsynagoge am Jakobsplatz 2006 habe sie von einem ganz normalen jüdischen Leben in München geträumt, doch dieser Traum sei aktuell zerplatzt. Das Gemeindeleben spiele sich vermehrt unter Polizeischutz ab und in den Sozialen Netzwerken würden in vielen Kommentaren antisemitische Hassbotschaften verbreitet, sagte die 85-Jährige.

Deutliche Kritik übte Knobloch an der ihrer Meinung nach "menschenverachtenden Haltung" der AfD. Mit seiner "Vogelschiss"-Aussage im Hinblick auf die NS-Zeit habe Parteichef Alexander Gauland das Leid von Millionen Opfern in den Konzentrationslagern und die Trauer ihrer Familien verharmlost. "Es hätte niemals passieren dürfen, dass wieder eine rechtsextreme Partei in das Parlament einzieht", sagte Knobloch.

Über die große Teilnehmerzahl bei der Kundgebung zeigte sich Knobloch sichtlich erfreut. Zum Abschluss gab sie den Besuchern mit auf den Weg: "München wurde von der Hauptstadt der Bewegung zur Weltstadt mit Herz. Es ist die Verantwortung der nächsten Generation, dass es so bleibt".

Der Autor
Klaus Schlaug
Online-Redaktion
k.schlaug@st-michaelsbund.de


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