Zulehner in Rosenheim Mut gefragt

31.07.2019

Bei der Amazonas- Synode werde wohl das Zölibat geöffnet. Mit dieser Prognose sorgte Professor Paul Michael Zulehner vor einem Jahr für Aufsehen. Jetzt sprach der bekannte Wiener Pastoraltheologe im Pfarrzentrum St. Georg in Schloßberg (Dekanat Rosenheim).

Aufmerksam lauschten die Zuhörer im Pfarrzentrum St. Georg den Ausführungen von Professor Paul Michael Zulehner. © Schlecker

Aus Mangel an Geld und verfügbaren Priestern wird der Kirchenbetrieb immer weiter heruntergefahren, die Seelsorgeeinheiten werden immer größer. Statt vieler einzelner Dekanate bleiben wenige Bistümer übrig und schließlich werden die Hostien nur noch per Post zu den Gläubigen geschickt – mit diesem „Worst-Case-Szenario“ begann Professor Zulehner seinen Vortrag im gut gefüllten Saal des Pfarrzentrums St. Georg. Aber damit war auch schon Schluss mit negativen Gedankenspielen. Ganz im Gegenteil: Der Pastoraltheologe machte seinen Zuhörern Mut für Visionen und Hoffnung auf eine positive Zukunft des katholischen Glaubens.

Strukturen scheinbar wichtiger als das Evangelium

Der seit 2008 emeritierte Universitätsprofessor zählt zu den bekanntesten Religionssoziologen Europas. In der Vergangenheit sind von ihm zahlreiche Publikationen zu verschiedenen Glaubens-Themen erschienen. Nebenbei ist er auch ein guter und beliebter Redner. Mit großer Leidenschaft in Sachen „Glauben“ und einer kräftigen Prise Humor begeisterte er seine Zuhörer in Schloßberg. Nicht wenige machten sich sogar Notizen von Bibelstellen und Zitaten bekannter Kirchenmänner, die der Pastoraltheologe nutzte, um zu untermauern, auf was es beim katholischen Glauben aus seiner Sicht ankommt – und das sind seiner Meinung nach auf keinen Fall die Strukturen. „Seit mindestens zehn Jahren macht man sich nur noch darüber Gedanken, aber nicht über das Evangelium“, ärgert sich Professor Zulehner.

Nicht umsonst hat er seinen Vortrag unter den Titel „Neue Schläuche für jungen Wein“ gestellt – frei nach Matthäus 9,17: „Auch füllt man nicht jungen Wein in alte Schläuche.“ „Alte Schläuche sind spröde und brüchig. Sie zerreißen, wenn man den jungen Wein hineingießt. Damit ist der Wein für immer verloren und die kaputten Schläuche kann man wegwerfen“, veranschaulichte der Pastoraltheologe den Sinn dieses Bibelspruchs. Er sieht darin ein gutes Bild für das, was sich innerhalb der katholischen Kirche

ändern muss, um auch in Zukunft Bestand zu haben: „Es geht nicht darum, den Rahmen mit etwas Neuem zu füllen. Vielmehr muss man den Rahmen selbst verändern.“

Eklatanter Priestermangel

Tatsächlich könnte das nach Einschätzung von Professor Zulehner schon sehr bald passieren: Bei der Amazonas-Synode im Oktober geht es zwar hauptsächlich um den Schutz des Regenwaldes und den Klimawandel. Doch auch auf den zunehmenden Priestermangel soll eingegangen werden. Papst Franziskus hat den Bischöfen Amazoniens zu diesem Punkt aufgetragen, ihm mutige Vorschläge zu machen. Denn in der Amazonas-Region ist der Priestermangel noch weit gravierender als hierzulande. Aus dieser Not heraus feiern viele der dortigen Kirchengemeinden ihre sonntäglichen Gottesdienste mittlerweile ohne Priester und damit auch ohne Eucharistie.

Einen Lösungsansatz für dieses Problem hat der frühere südafrikanische Bischof Fritz Lobinger entwickelt. Sein Modell sieht vor, dass Kirchengemeinden, die fünf Jahre ohne Pfarrer sind, aus ihrer Mitte heraus „personae probatae“ („bewährte Personen“) benennen dürfen. Diese erhalten eine dreijährige seelsorgliche Ausbildung und können dann durch eine kirchenrechtliche Sondererlaubnis zu Priestern geweiht werden, erläuterte Professor Zulehner. Der Begriff „personae probatae“ lasse dabei offen, ob es sich um Frauen oder Männer handle. Für Professor Zulehner persönlich zählt nur, dass es Menschen sind, „die randvoll mit dem Evangelium sind und das Vertrauen der Gemeinde haben“.

Eher Übergang als Krise

Frauen würden heutzutage einen Großteil der Arbeit in den Pfarreien stemmen. Doch nicht nur aufgrund dieser Tatsache hält der Theologe es für eine logische Konsequenz, ihnen zukünftig mehr Rechte in der Kirche einzuräumen. Gute Gründe für diesen Schritt findet er auch im Evangelium. „Maria von Magdala verkündete den Jüngern die Auferstehung Jesu“, sagte der 80-Jährige. Bei den Männern sei der Start des christlichen Glaubens dagegen sehr holprig verlaufen: „Die zweifelten zu diesem Zeitpunkt und mussten erst einmal überzeugt werden.“

Lieber als von „Kirche“ spricht Professor Zulehner von einer Glaubensbewegung. „Jesus gründete keine Kirche, sondern eine Bewegung“, betonte er. Die Glaubensvertreter fordert er dazu auf, das Wort „Bewegung“ durchaus sinngemäß zu deuten und in die Tat umzusetzen: „Jesus hatte kein Pfarrbüro. Er begegnete den Menschen vor Ort, um zu sehen, was ihnen fehlt.“ Jesus sei es auch nicht darum gegangen, die Menschen von dieser Welt abzuziehen. „Er wollte die Welt menschlicher machen“, ergänzte Professor Zulehner. Für die Christen heute bedeute das: „zu schauen, dass Spuren des Himmels zu uns auf die Erde kommen“. Dazu gehöre letztlich auch, niemanden mehr aus der Kirche auszuschließen: „Vielmehr muss man sich aktiv bemühen, die Menschen in die Kirche hereinzuholen.“ Der christliche Glaube sei eben nicht mehr unentrinnbares Schicksal. Die Menschen könnten wählen, und wahlentscheidend sei, ob ihnen das Evangelium in ihrem Leben und Zusammenleben guttue.

Statt von einer Krise spricht Professor Zulehner lieber von einem „Übergang“. In der Vision des Theologen entstehen in Zukunft große Netzwerke. Pfarreien, Orden, Caritas und Schulen bilden die Knotenpunkte. Durch das große Miteinander der vielen kleinen Bausteine könnten sich wieder neue, zukunftsfähige Projekte entwickeln. „Die Bindung zum katholischen Glauben entsteht nicht durch die Versorgung, sondern durch Identifikation“, ist der Pastoraltheologe überzeugt. Es sei Zeit, das Jammern zu beenden. Stattdessen empfahl er allen Pfarrgemeinderatsmitgliedern im Saal, wieder mehr zu hoffen und zu lachen: „Stellt bei euren Sitzungen ein Sparschwein in die Mitte des Tisches. Wer jammert, zahlt 50 Euro ein.“

Alle Ängste bezüglich der Zukunft der katholischen Kirche konnte der bekannte Theologe bei seinen Zuhörern nicht ausräumen. „Ich glaube, dass sich die katholische Kirche bei einer so tiefgreifenden Veränderung in verschiedene Lager spalten wird“, befürchtete ein Schloßberger. „Das ist möglich“, erwiderte Professor Zulehner. Aber auch das sei in der Geschichte des christlichen Glaubens nicht neu: „Die katholische Kirche muss tapfer bleiben.“ Angst sei grundsätzlich ein schlechter Ratgeber. Gefragt sei jetzt Mut. (Karin Wunsam)


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