Erzbistum berät über Zukunft Mutig auf alles schauen

29.09.2020

Die Erzdiözese München und Freising will ihr Handeln mit Hilfe eines „Gesamtstrategieprozesses“ für die Zukunft ausrichten. Wie der Startschuss dazu verlief, lesen Sie hier.

Bilder sagen oft mehr als Worte: Diese Grafik soll die einzelnen Schritte des Prozesses visualisieren.
Bilder sagen oft mehr als Worte: Diese Grafik soll die einzelnen Schritte des Prozesses visualisieren. © EOM

München - „Wir müssen mutig sein.“ Barbara Purschke spricht das aus, was die Auftaktveranstaltung des Gesamtstrategieprozesses der Erzdiözese prägen wird. Auch der Zusatz der Vorsitzenden des Diözesanausschusses des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), „wir dürfen nicht an alten Traditionen festhalten, wir müssen innovative Ideen entwickeln und umsetzen“, wird noch häufig zu hören sein an diesem Nachmittag.

Katharina Maier, die neben ihr an der Wand lehnt, nickt zustimmend. „Corona hat auch bei uns in der Kirche wie das viel zitierte Brennglas gewirkt“, meint die stellvertretende Diözesanratsvorsitzende. Es gehe nun darum, dass Kirche ihren Platz in der Gesellschaft finde. Deshalb sei es sehr gut, sich nun grundsätzliche Fragen zu stellen: „Wie relevant sind wir? Wie sehen uns andere? Und wie wollen wir gesehen werden?“, zählt die Historikern auf.

Es sind genau diese Fragestellungen, die der einjährige Gesamtprozess klären soll. Nämlich: Wie kann Kirche ihren Auftrag erfüllen, also das Reich Gottes bezeugen in ihren Grundvollzügen, unter anderem in den Bereichen Seelsorge, Caritas und Bildung, in einer sich immer rasanter verändernden Welt? Startschuss war am vergangenen Samstag im Salesianum im Münchner Stadtteil Haidhausen mit gut 60 Teilnehmern aus Geistlichen wie Laien.

Nur ein Jahr Zeit

Monsignore Engelbert Dirnberger beschäftigen nicht nur diese Punkte. „Ich finde es sehr gut, dass der Prozess auf ein Jahr angelegt ist, das beschleunigt“, sagt der Dekan aus München-Giesing lächelnd. Es müssten nämlich wichtige Entscheidungen gefällt werden, denn „der Personalplan wird bereits umgesetzt, hängt aber auch mit dem Strukturplan zusammen, der noch nicht angegangen wurde.“ Konkretes erhofft sich auch Diözesancaritasdirektor Georg Falterbaum in Sachen Seelsorge.

So liegt irgendetwas zwischen Hoffnung, Spannung und Erwartung im turnhallenartigen Franz-von-SalesRaum, in dem jeder Teilnehmer coronabedingt in gebührendem Abstand voneinander an einem Einzeltisch Platz nimmt. Der Münchner Erzbischof ist Auftraggeber dieses wichtigen Prozesses, den die Beraterfirma PriceWaterhouseCoopers (PwC) unterstützt. „Also noch ein Prozess“, sagt Kardinal Reinhard Marx und seufzt gespielt. „Ist das eine Kette von Ratlosigkeit? Ja, das bin ich gefragt worden“, fügt er hinzu bei seinem Impuls zu Beginn der Veranstaltung.

Gespannte Gesichter

Natürlich habe Corona einen Schub gegeben, es seit nun die „Zeit der Beschleunigung, es müssen nun Entscheidungen gefällt werden“, sagt Kardinal Marx ohne Umschweife. „Tradition – Konzentration – Innovation“ nennt er als Schlagworte. Gerade im Erzbistum komme man „aus einer großen Tradition, und natürlich möchten viele alles festhalten“. Natürlich sei es wichtig, Vergangenes mit Wertschätzung anzuschauen, sagt der Kardinal und blickt in die gespannte Gesichter. Aber in einer Zeit der beschleunigten Veränderung „müssen wir die Mittel rational und wirksam einsetzen“.

Dem Münchner Erzbischof ist dabei eines ganz wichtig: „Es geht nicht darum, einfach nur zu sparen und abzuschaffen. Aber wir brauchen eine klare Ausrichtung, Ideen und müssen uns fragen, wo das Neue ist.“ Kardinal Marx, der wie gewohnt ohne Manuskript spricht und dabei die Blicke der Zuhörer sucht, gibt zu, dass es ein ehrgeiziges Unterfangen ist, innerhalb nur eines Jahres einen Strategieprozess durchzuziehen. „Aber wir können nicht warten. Denn wir haben nicht unendlich viel Zeit.“

Gruppenarbeit

Und so werden die gut 60 Teilnehmer in acht Gruppen aufgeteilt, um die Stationen des Prozesses kennen zu lernen, dessen Leitmotiv „Wirkung entfalten + Kirche gestalten“ lautet. In den Gruppen kommen Fragen auf, vor allem eine beschäftigt: der Austausch zwischen Lenkungskreis und den anderen Teilnehmern. Die Forderung eines stetigen Dialogs wird formuliert, PwC-Berater Florian Kaufmann nennt es „Rückreflektion und Austausch“, der stattfinden müsse. Deutlich wird allen, dass dies essentiell ist, die stetige Kommunikation der Überlegungen, Ideen, Ergebnisse zwischen den verschiedenen Gruppen, um sinnvoll und gemeinsam voranzukommen.

Auf diesen Austausch legt auch Professor Hans Tremmel Wert. „Und dass es um Menschen und die Gemeinschaft im Glauben geht“, betont der Diözesanratsvorsitzende. Weihbischof Bernhard Haßlberger spricht aus, was viele denken: „Ich hoffe, dass wirklich etwas Konkretes herauskommt und auch umgesetzt wird, denn wir haben die leidvolle Erfahrung gemacht, dass Prozesse angestoßen, aber nicht umgesetzt wurden. Wenn wir das jetzt nicht tun, wird die Erzdiözese nicht gut aussehen.“ Diese Furcht wird ihm genommen. Denn PwC-Berater Kaufmann erklärt bei einer Diskussion auf dem Podium, dass die Ergebnisse sämtlicher Prozesse, die die Erzdiözese in den vergangenen Jahren bereits durchlaufen hat, in den Gesamtstrategieprozess mit einfließen werden und eine Umsetzung bereits mitgedacht ist.

Wie kann die Kirche ihren Auftrag erfüllen?

Generalvikar Christoph Klingan, der den Lenkungskreis führt, also das zentrale Steuerungs- und Entscheidungsgremium dieses Prozesses, betont dabei noch einmal, wie wichtig die Wirksamkeit ist, dass in diesem Prozess „gemeinsam herausgearbeitet werden soll, wie wir in den Herausforderungen unserer Zeit als Kirche wirksam, biblisch gesprochen fruchtbar, unseren Auftrag erfüllen können“. Und fügt gleich hinzu, dass er dabei auf die vielen Ehren- und Hauptamtlichen zähle, „die die Kirche durch ihr Engagement mithalten und durch verschiedene Vertreterinnen und Vertreter aus den Gremien und Institutionen der Erzdiözese maßgeblich in dem Gesamtstrategieprozess mitwirken werden“.

Ob bei diesem auch der Synodale Weg, auf den sich die katholische Kirche in Deutschland gemacht hat, Einfluss nimmt? Höchstens bei einem Teil der Überlegungen, denn dort spielten vor allem das Frauen- und Priesterbild eine Rolle, hier in der Erzdiözese gehe es „um unsere Bereiche“. Generalvikar Klingan plädiert, Mut zu haben, „Mut, auf alles zu schauen, nicht stehen zu bleiben, Entscheidungen zu fällen“. 

Strategieprozess der Erzdiözese

Grundlage für die Arbeit ist zunächst eine Analyse, in der geprüft wird, welche Angebote die Menschen von der Erzdiözese erwarten. Dazu wird es unter anderem eine Befragung durch ein Marktforschungsinstitut geben, die die Wahrnehmung der Angebote der Erzdiözese erheben wird und auch verdeutlichen soll, bei welchen Angeboten die Erzdiözese bereits eine besondere Kompetenz besitzt. Menschen, die in der Kirche aktiv sind, ihr nahestehen, werden ebenso befragt werden wie Fern- oder Außenstehende. Zudem sollen in dieser Phase bereits vorliegende Konzepte und Arbeitsergebnisse der vergangenen Jahre in den Prozess einfließen. Die Angebote der Erzdiözese werden in Arbeitsfelder gruppiert und die jeweils eingesetzten Ressourcen erfasst. Anschließend, etwa zum Jahreswechsel, beginnt in den einzelnen Arbeitsfeldern die Ausarbeitung des strategischen Zielbildes. Beleuchtet werden beispielsweise die Zielgruppen der Angebote, die inhaltliche Profilierung, das Verhältnis von Ehrenamt und Hauptamt, die Struktur der Angebote in einem Arbeitsfeld, der Einsatz von Ressourcen sowie Möglichkeiten der Vernetzung und Kooperation. In den Arbeitsgruppen sollen möglichst vielfältige Perspektiven zum jeweiligen Arbeitsfeld zusammenkommen. Dazu werden Personen, die die kirchlichen Angebote wahrnehmen, ebenso wie haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende beteiligt. Die Zielbilder und erste Optimierungsvorschläge, die in den einzelnen Arbeitsgruppen erarbeitet wurden, werden anschließend zusammengeführt und abgeglichen. An einem ersten ausgewählten Beispiel soll anschließend das auf diese Weise neu erarbeitete strategische Leitbild konkretisiert und umgesetzt werden. Diese Erprobung des Leitbilds in der praktischen Anwendung bildet zugleich den Abschluss des einjährigen Gesamtstrategieprozesses und den Auftakt zur Umsetzung seiner Ergebnisse, die in den kommenden Jahren in allen Arbeitsfeldern der Erzdiözese erfolgen soll. (pm)

Keine Tabus

Kardinal Marx greift dies in seinem Abschlusswort auf. „Wir benötigen den Mut zu offenem Denken, zu einem neuen Denken, das Konsequenzen haben kann für alle Bereiche, es darf keine Tabus geben.“ Er selbst habe an so vielen Synoden teilgenommen, die viele gute Ideen geboren hätten, doch im Sande verlaufen seien, da sie keine Struktur bekommen hätten. Worte, die ankommen.

Domkapitular Dekan Daniel Reichel gibt zu, „sehr kritisch“ nach München gekommen zu sein, denn es müsse jetzt wirklich losgehen und dürfe nicht wieder verpuffen. „Aber dieser Auftakt hat mich motiviert.“ Etwas zurückhaltender reagiert Monsignore Dirnberger. „Ich bin nicht mehr so euphorisch“, gibt der Dekan zu. Am besten hätten ihm die Worte des Kardinals gefallen. „Das Risiko am Prozess liegt darin, dass die Arbeitsfelder identisch mit unseren Arbeitsbereichen sind“, erklärt er, „also dass beispielsweise Caritas und Bildung mit den entsprechenden Zuständigen besetzt werden.“ Man müsse also aufpassen, „dass nicht jeder nur Erbhöfe verteidigt“. Er sei aber „gespannt, wie es weitergeht“.

Optimismus und gute Stimmung

Positiv und optimistisch verlässt auch Caritasdirektor Georg Falterbaum das Salesianum. Er möchte weiterhin für die Frage sensibilisieren, wer künftig Seelsorge stellt, und ob es auch andere Orte geben kann, wo Seelsorge stattfindet. Katharina Maier strahlt, das sieht man trotz Mund-Nasen-Schutz. „Die Grundstimmung ist gut“, freut sich die stellvertretende Diözesanratsvorsitzende, „es ist klar, dass nicht alle jubeln werden, aber wir haben schon viele verschiedene Meinungen gesammelt.“ Und fügt lächelnd hinzu: „Der Startschuss ist gelungen.“

Die Autorin
Susanne Hornberger
Chefredakteurin Münchner Kirchenzeitung
s.hornberger@st-michaelsbund.de


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