Körperspende Nach dem Tod in die Anatomie

28.10.2019

Den Aufbau des menschlichen Körpers lernen Medizinstudenten an Toten. Dafür spenden Menschen ihren Körper nach dem Tod der Wissenschaft. Das ist nicht immer unproplematisch - praktisch und ethisch.

München – Wie genau verläuft eigentlich der Ischiasnerv? Wo liegt der Blinddarm? Wie wirkt sich eine Verletzung des Rückenmarks im Lendenbereich auf den restlichen Körper aus? Fragen, die ein angehender Arzt an der Universität praktisch zu beantworten lernt. In sogenannten Präparierkursen der Anatomie lernen die Studenten den Aufbau des menschlichen Körpers in all seinen Details kennen.

Zu Lebzeiten den Körper vermachen

Um allen Studenten das zu ermöglichen, braucht die Universität eine bestimmte Anzahl an „Forschungsobjekten“ – für das im Oktober gestartete Wintersemester an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) 90 Körper für etwa 950 angehende Mediziner – die über Körperspenden zustande kommen. Dazu kann ein Mensch zu Lebzeiten seinen Körper der Universität vermachen. „Wichtig ist dabei, dass wir diesen Menschen vollumfänglich aufklären über das, was in den Präparierkursen mit seinem Körper passiert“, erklärt Jens Waschke, Professor für vegetative Anatomie an der LMU.

Die Person schließt mit der Universität eine Vereinbarung, die sie jederzeit revidieren kann. „Sie sollte in jedem Fall ihren Hausarzt über dieses Vermächtnis informieren und auch ihre Angehörigen – das ist oft nämlich nicht der Fall.“ Der Körperspender muss außerdem an die Universität eine Zahlung von 1.150 Euro leisten, damit diese einigermaßen kostendeckend arbeiten kann. Die spätere Beerdigung zahlt jedoch die LMU.

Anatomische Studien beginnen im ersten Semester

Nach dem Tod wird der Leichnam dann in die Universität transportiert, wo er von Präparatoren vorbereitet wird: Nach dem Waschen und Rasieren wird über ein Blutgefäß über mehrere Stunden eine Chemikalie im Körper verteilt, die ihn konserviert. Anschließend muss der Körper mehrere Monate „ruhen“, ehe er im Unterricht präpariert werden kann.

An der medizinischen Fakultät in München werden die Studenten gleich zu Beginn des ersten Semesters mit der Arbeit an den Körpern konfrontiert. „Das ist von Universität zu Universität unterschiedlich. Aber wir sind der Meinung, dass die Anatomie die Basis der medizinischen Ausbildung ist“, sagt der Mediziner. Dass Studenten damit nicht umgehen konnten und deshalb ihr Studium abgebrochen hätten, sei noch nie vorgekommen.

„Gleich in der Einführungsveranstaltung erkläre ich den Ablauf dieses Kurses. Und ich stelle unsere beiden Hochschulseelsorger vor, an die sich die Studenten mit ihren Bedenken und Ängsten wenden können“, erläutert der Anatomieprofessor. „Natürlich ist man erst einmal zurückhaltend, wenn man den Körper sieht. Aber wir arbeiten in kleinen Gruppen von etwa zehn Personen an einem Körper und wir fangen gemeinsam an – dadurch gewöhnen sich die Studierenden daran, dass er in diesem Fall ein Studienobjekt ist. Die anfänglichen Bedenken verflüchtigen sich da recht schnell.“ (Céline Kuklik. Die Autorin ist Volontärin beim Sankt Michaelsbund.)

Prof. Dr. med. Jens Waschke
Prof. Dr. med. Jens Waschke © privat

Bestattung erst nach gut zwei Jahren

Auch die Wahrung der Pietät spiele bei der Arbeit in der Anatomie eine große Rolle. Nur mit einem speziellen Ausweis könne man den Präparationssaal betreten, Smartphones müssen draußen bleiben. Beim Präparieren selbst werden nur die Körperstellen freigelegt, die gerade bearbeitet werden – der Rest bleibt abgedeckt unter Tüchern.

Die Studenten forschen eineinhalb Semester an dem Körper; erst danach kann er bestattet werden. Das bedeutet, dass erst etwa zwei Jahre nach dem Tod die Beerdigung stattfindet – für viele Angehörige stellt das ein Problem dar, da ihnen bis dahin ein Ort zum Trauern fehlt. Ist im Vermächtnis kein bestimmter Friedhof festgehalten, wird der Körper auf der Grabanlage der Anatomischen Anstalt im Waldfriedhof in München bestattet. In Deutschland ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass ein gespendeter Körper feuerbestattet werden muss. „Durch die Chemikalien kann der Körper auch nicht richtig verwesen, wenn man ihn erdbestatten würde“, erklärt der Mediziner.

Im Juli eines jeden Jahres findet in der Universitätskirche St. Ludwig ein Gedenkgottesdienst statt, den die Studenten gemeinsam mit den Hochschulseelsorgern gestalten. „Diese Veranstaltung ist auch ganz wichtig für die Studenten, weil sie sich auf diese Weise bedanken können. Einzelne berichten dann über ihre Erfahrungen im Präparierkurs. Und bei der Vielzahl an Studenten kommen auch tolle, kreative Beiträge zustande. Letztes Mal hatten wir beispielsweise einen großen Chor und viele Solodarbietungen.“ Auch die Angehörigen der Spender werden zu dieser Feier eingeladen.

Keine Körperspende bei Infektionskrankheiten

„Theoretisch nehmen wir jede Körperspende an. Einzig bei übertragbaren Infektionskrankheiten wie HIV oder Hepatitis schließen wir erst gar kein Vermächtnis ab. Über die Konservierungslösung bei der Vorbereitung der Körper werden zwar die allermeisten Erreger und Viren abgetötet, trotzdem wollen wir unser Personal oder auch die Studierenden nicht gefährden“, erklärt Waschke. Erkrankt ein Körperspender nach Abschluss des Vermächtnisses an einer solchen Krankheit, nimmt die Universität das Vermächtnis an, bestattet denjenigen aber gleich.

Es gebe eine „weiche Grenze“, dass man seinen Körper ab 50 Jahren vermachen kann, „wir hatten aber auch schon junge Volljährige, die sich da schon sicher waren.“ Die Universität möchte dafür keine Werbung machen, die Anzahl der Körperspenden sei, so wie sie ist, zufriedenstellend. „Wir lehnen grundsätzlich keine Körper ab. Sollte die Spendenbereitschaft aber so zunehmen, dass wir welche ablehnen müssten, wäre das ein falsches Signal und die Bereitschaft würde womöglich so weit zurückgehen, dass wir nicht mehr genügend Körper bekämen.“

Prof. Dr. Christof Breitsameter
Prof. Dr. Christof Breitsameter © privat

Der Wissenschaft danken

Warum aber entscheiden sich Menschen für eine Körperspende? „Die Hauptmotivation ist eine Dankbarkeit gegenüber der Medizin oder der Wissenschaft. Die andere ist, dass viele die Pflege ihres Grabes ihren Angehörigen nicht zumuten möchten oder vielleicht auch niemanden dafür haben“, schätzt der Mediziner. Auch finanzielle Gründe hält Waschke für einen möglichen Faktor, da sich viele die Bestattungskosten von mindestens 3.000 Euro nicht leisten können. Auch stellt er fest, dass es mehr Spenderinnen als Spender gibt: „Vielleicht weil Männer insgesamt nicht so vorausschauend sind“, sagt er lachend, fährt dann aber ernst fort, „aber es hat vielleicht auch schlichtweg damit etwas zu tun, dass die Lebenserwartung von Frauen höher ist und sie sich, wenn der Mann verstirbt, damit auseinandersetzen, was sie nach dem eigenen Tod für sich planen.“

Katholische Kirche und Anatomie

Die katholische Kirche hat Organspende lange Zeit als unerlaubte Selbstverstümmelung abgelehnt, sich zur Körperspende aber nie explizit geäußert. Aus theologischer Sicht spreche nichts dagegen, weder aus heutiger Sicht noch aus der Tradition heraus, erklärt der Moraltheologe Christoph Breitsameter: „Der entscheidende Punkt ist, dass jeder Einzelne über seinen Körper verfügen kann, das heißt, er kann bestimmen, was mit seinem Körper geschehen soll. Man sieht das als Akt der sogenannten Supererogation an. So nennt man einen Akt, der nicht von jedem verlangt werden kann und freiwillig geleistet wird.“ Einwände seien nur zu erheben, wenn die Pietät gegenüber dem Verstorbenen verletzt würde: „Das muss man bei Medizinern, auch bei angehenden, nicht befürchten“, sagt Breitsameter.

Anatomieprofessor Jens Waschke plant, selbst einmal seinen Körper der Wissenschaft zu vermachen: „Unter Medizinern ist die Spendenbereitschaft nicht größer als beim Rest der Bevölkerung. Ich bin da noch in der Abstimmung mit meiner Familie, man muss sich gemeinsam damit auseinandersetzen. Meine Frau möchte das für sich nicht. Ich habe noch kein Vermächtnis abgeschlossen, aber ich habe es mir für die nächsten Jahre vorgenommen. Und mit 50 Jahren habe ich dann ja auch die Altersgrenze erfüllt.“

Die Autorin
Céline Kuklik
Volontärin
c.kuklik@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Tod und Sterben

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