Studientag der Deutschen Bischöfe Nachdenken über Ost und West

22.02.2018

Ob in der Flüchtlingsfrage, über Globalisierung oder theologische Positionen zu Ehe, Familie und Sexualität: Die Kirchen in Ost- und Westeuropa sind sich uneins. Die deutschen Bischöfe wollen wieder eine gemeinsame Basis finden.

Der Studientag der Deutschen Bischöfe sollte helfen eine Gesprächsbasis zu finden.
Der Studientag der Deutschen Bischöfe sollte helfen eine Gesprächsbasis zu finden. © fotolia/patpitchaya

Ingolstadt – Die große Neugierde auf den Westen ist vorbei. Die katholischen Ortskirchen in Ost- und Mitteleuropa gehen ihre eigenen Wege und lehnen sich stark an die Politik ihrer nationalen Regierungen an, besonders bei der Ablehnung von Flüchtlingen. So sieht es der liberale Westen. Grund genug für die Deutsche Bischofskonferenz sich am Studientag bei ihrer Vollversammlung in Ingolstadt von

Experten aus Polen, Ungarn und Tschechien über Geschichte und Gegenwart dieser Länder informieren zu lassen. Zuständig dafür ist der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick. Er leitet die Kommission Weltkirche und spürt seit längerem Risse im Verhältnis: „Wir haben in letzter Zeit gespürt, dass wir uns über Globalisierung und damit auch über die Flüchtlingsfrage nicht einig sind.“ Aber auch über die Gewaltenteilung und das Staat-Kirche-Verhältnis denken die deutschen Bischöfe anders als ihre Amtsbrüder in Mittel- und Osteuropa, ebenso klaffen theologische Positionen zu Ehe, Familie und Sexualität auseinander. Der Studientag sollte helfen, die Unterschiede zu verstehen, wieder eine Gesprächsbasis zu finden.

Nationalismus wird zur Ersatzreligion

Der bekannte tschechische Buchautor, Priester und Soziologie-Professor Tomas Halik warnt davor so zu tun als habe es jemals ein einheitliches christliches Europa gegeben, das sei „Nostalgie“ und habe „nur in den Träumen der Romantiker des 19. Jahrhunderts existiert“. Er sieht aber eine Verpflichtung der Kirche zum gemeinsamen Nachdenken. Halik wünscht sich einen „Braintrust mit freien Köpfen, die Visionen entwickeln, was die Kirche zur Lösung brennender Fragen beitragen kann“, wie er gegenüber mk online formuliert. Viele politische Themen sind für ihn auch mit der spirituellen Orientierungslosigkeit vieler Menschen verknüpft. Nationalismus werde so zu einer „attraktiven Ideologie, Ersatzreligion und Zuflucht“, die ein starkes Gemeinschaftsgefühl stiftet. In den früheren Ostblockstaaten sieht nicht nur Halik diese Sehnsucht oft besonders stark ausgeprägt.

Pressekonferenz im Anschluss des Studientags.
Pressekonferenz im Anschluss des Studientags. © SMB/Bierl

Suche nach Identität

Der ungarische Religionswissenschaftler András so Maté-Tóth hat es auf dem Studientag immer wieder betont: Diese Länder haben lange um ihre Unabhängigkeit kämpfen und dafür große Opfer bringen müssen. Deshalb bedeutet ihnen ihr Nationalstolz besonders viel. Er spricht von einem „kollektiven Borderline-Syndrom“. Da steht die „fieberhafte Suche nach nationaler Identität und Abgrenzung“ neben der „ständigen Angst vor dem Verlassenwerden“, verbunden mit „starken Emotionsschwankungen“, so Maté-Tóth. In Ungarn hätten sich die Menschen eigentlich seit dem Ende des römischen Reiches gegen fremde Mächte wehren und behaupten müssen. Wer das versteht, kann mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa anders reden.

Renovabis kann Vermittlerrolle übernehmen

Pfarrer Christian Hartl plädiert deshalb für „drei ´Bs` - Bildung, Beziehung und Beisammenbleiben“. Der Hauptgeschäftsführer des Hilfswerks Renovabis sieht Schulen, Pfarreien, Hilfs- und Bildungswerke gefordert, den Austausch auf allen Ebenen zu pflegen, um mehr über den anderen zu erfahren, Differenzen auszuhalten und trotzdem solidarisch zusammenarbeiten zu können. „Renovabis hat da für mich eine Vermittlerrolle“, erklärt Hartl. Schließlich ist das in Freising ansässige Hilfswerk seit 25 Jahren den Menschen in Mittel- und Osteuropa nahe, hat nicht nur Verbindungen zu Bischöfen, sondern auch zu Caritas-Mitarbeitern oder Schulleitern und weiß wie aus Not und Unsicherheit, Vorurteile gegen andere entstehen können.

Kirche und Dialog gehören zusammen

Auf allen sozialen und politischen Ebenen haben die Kirchen immer wieder die Versöhnung und das Verständnis zwischen Ost und West gefördert, ergänzt Erzbischof Schick. Sogar in historischen Dimensionen, wie etwa bei der deutsch-polnischen Aussöhnung. Das will er nicht einfach aufgeben: „Kirche und Dialog gehören einfach zusammen. Da gibt´s Höhenflüge und Rückschläge und wir müssen trotzdem weitermachen.“ Damit das Verstehen gelingt brauche es einen Dreiklang: „Dialog, Demut und Treue gehören zusammen.“ Mit dem Studientag auf ihrer Frühjahrsvollversammlung wollten sich das die Bischöfe selbst vor Augen führen.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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