Upcycling-Nähcafe Nähen kann jeder lernen

27.04.2018

Einmal im Monat bleibt im Secondhand-Laden Vinty’s nach Ladenschluss das Licht an: Interessierte Hobbyschneider treffen sich zum Upcycling-Nähcafe.

Dem Hemd geht's an den Kragen
Dem Hemd geht's an den Kragen © SMB/Würschinger

München – Als ich mich auf den Weg zum Vinty’s mache, weiß ich noch nicht viel über den Nähtreff. Nur, dass wir heute aus Hemden Röcke nähen werden. Eine halbe Stunde vor Ladenschluss betrete ich das Geschäft. Neben der Kasse stehen zwei Bierbänke mit ein paar Nähmaschinen. Geschäftsführerin Agnes Fuchsloch fragt mich, ob ich ein Hemd dabeihabe. Falls nicht, könne ich mir eines aus dem Sortiment aussuchen. Es kostet 13 Euro – für die Hilfestellung, die ich hier erhalte, und für das Benutzen der Nähmaschinen verlangt Agnes Fuchsloch zwei Euro zusätzlich. Und Hilfe brauche ich wirklich. Denn das wird mein erstes Mal sein, dass ich an einer Nähmaschine sitze.

Wie Autofahren

Während ich mir ein geeignetes Hemd aussuche, finden sich die Interessierten ein – alle sind Frauen. Ab und zu sei aber auch ein Mann dabei, meint Agnes Fuchsloch. Alle fünf Nähmaschinen sind heute belegt. Bei Fachfragen verweist die Inhaberin auf Brigitta, die sich ehrenamtlich für das Vinty’s engagiert. Die junge Frau mit dem Kurzhaarschnitt hilft gerade einer Teilnehmerin beim Umschneidern von Kinderkleidung. Wie die Nähmaschine funktioniert, weiß ich nicht. Darum gibt mir Agnes Fuchsloch einen Crashkurs: Wie setze ich das Pedal ein, wie nähe ich vorwärts und rückwärts, wie stelle ich den Stichtyp ein, wie halte ich den Stoff? Für den Anfang sind das ziemlich viele Informationen. Ich sollte einfach ausprobieren. Erst drücke ich das Pedal zu wenig nach unten und die Nadel bewegt sich im Zeitlupen-Tempo. Dann drücke ich zu fest durch und die Stiche werden unsauber. Ich fühle mich wie in der ersten Fahrstunde.

Nähen als Meditation

Als ich mich einigermaßen sicher fühle, wird es ernst. Brigitta kommt an meinen Platz und inspiziert das Hemd, das ich ausgesucht habe. Da werde ein ganz schön kurzer Rock draus. Im ersten Schritt geht es darum, den oberen Teil des Hemds wegzuschneiden. Ärmel und Kragen werden nicht gebraucht. Das Wegschneiden ist kein Problem. Jetzt geht es aber darum, zu verhindern, dass sich vom Rand Fasern lösen. Also vernähe ich den mit einem Zickzack-Stich. Ich arbeite mich langsam am Hemdstoff entlang und merke: Es klappt. Außerdem empfinde ich das Nähen als absolut entspannend. Den anderen scheint es ähnlich zu gehen. Sie reden kaum, jeder konzentriert sich auf seine Arbeit. Dazu gibt es Wasser oder Kaffee. Im Hintergrund läuft Musik, ansonsten höre ich hauptsächlich das Geräusch der Nähmaschinen.

Mit den eigenen Händen hergestellt

In den nächsten Schritten klappe ich den Stoff einige Zentimeter ein, um einen Tunnelbund zu nähen. Da kommt das Gummiband durch, damit der Rock am Körper hält. Wann immer ich Fragen habe, ist Brigitta für mich da. Sie erklärt geduldig, was ich tun und dabei beachten muss. Auch bei den anderen Teilnehmern hilft sie. Oder sie helfen sich gegenseitig. Obwohl wir in einem Modegeschäft sitzen, wirkt es doch eher wie im Wohnzimmer.

Nach knapp zwei Stunden ist mein Rock fertig. Ich schneide die letzten abstehenden Fäden weg und halte mein erstes selbst genähtes Kleidungsstück in den Händen. Es ist kein Meisterstück. Stolz bin ich trotzdem darauf. Im Vorfeld hatte ich meine Sorge, ob ich überhaupt etwas Tragbares herstellen konnte. Außerdem dachte ich, ich müsse aufpassen, dass ich mir nicht in den Finger steche. Im Laufe des Abends wurde ich aber sicherer, ehrgeiziger und entspannter. Für mich war das Upcycling Nähcafe ein echter Gewinn und ich weiß schon jetzt, dass ich wiederkommen werde.

Was ist Vinty’s?

Mode mit mehr Wert. Auf 200 qm macht Vinty’s in München alle Secondhandfans glücklich. Neben dem großen Textilangebot für Damen, Herren, Kinder und Retroliebhaber, gibt es Fair Trade-Produkte und Getränke zum Mitnehmen oder gleich Genießen in der gemütlichen Café-Ecke. Vinty’s ist eine Initiative der gemeinnützigen Hilfsorganisation aktion hoffnung Sie sammelt und verwertet Kleidung nach sozial-und umweltverträglichen Kriterien. Mit den Erlösen werden seit 30 Jahren Entwicklungsprojekte weltweit unterstützt. (pm)

Der Autor
Ralph Würschinger
Radio-Redaktion
r.würschinger@st-michaelsbund.de


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