Wiedergutmachung nach 80 Jahren Nazi-Raubgut an Religionslehrer zurückgegeben

30.09.2017

Bedrängt, verboten, enteignet: So haben die Nationalsozialisten aus den Weg geräumt, was der Ideologie im Weg stand. Von katholischen Religionslehrern haben sie die Bücher einkassiert.

Stempel Restituiert
Stempel schreiben Geschichte: dieses Buch war bei der Bayerischen Staatsbibliothek und wurde jetzt zurückgegeben - restituiert. © Kiderle

München – Ein unscheinbarer Eintrag, mit Bleistift auf einer der ersten Seiten eines Buches geschrieben und nur wenige Zeichen lang, ist es, der die innere Warnleuchte bei Stefan Kellner in der Bayerischen Staatsbibliothek auf rot stellt: „G. n. 15“ (hier ein Beispiel) besagt, dass dieses Werk eine Schenkung ist (G eschenk) und der Spender über die Chiffre 15 genau zugeordnet werden kann. Wenn dann die Signatur noch mit einer 40 beginnt, das Buch also im Jahr 1940 und damit während der Nazi-Zeit in den Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek aufgenommen worden ist, wird der Experte für NS-Raubgut extrem hellhörig: In dieser Zeit stand die 15 für das damalige Bayerische Kultusministerium. Und oftmals handelt es sich bei den „Schenkungen“ um NS-Raubgut.

Seit 2003 sucht die Bayrische Staatsbibliothek in ihren Beständen nach NS-Raubgut und gibt diese damals enteigneten Werke den rechtmäßigen Besitzern zurück, sofern diese sich noch ermitteln lassen. Dazu, in der Fachsprache heißt dieser Vorgang Restitution“, gehört auch, dass im Katalog der Stabi die Werke verzeichnet bleiben, dort aber darauf verwiesen wird, dass diese jetzt wieder bei den ursprünglichen Eigentümern sind. So wolle man sich der eigenen Geschichte stellen, „und nicht so tun, als wäre das Buch nie bei uns gewesen“, sagt der Leiter des Referats Bavarica Bayerische Staatsbibliothek, Stefan Kellner, bei der feierlichen Übergabe von 67 geraubten Werken im Archiv des Erzbistums München und Freising.

Ordinariatsdirektorion Sandra Krump, KRGB-Vertreter Erhard Staufer SDB, Stefan Kellner (Leiter des Referats Bavarica Bayerische Staatsbibliothek), Archivdirektor Peter Pfister
Ordinariatsdirektorin Sandra Krump, KRGB-Vertreter Erhard Staufer SDB, Stefan Kellner (Leiter des Referats Bavarica Bayerische Staatsbibliothek), Archivdirektor Peter Pfister © Kiderle

1938 wurde der „Verein katholischer Religionslehrer an den höheren Lehranstalten Bayerns“ vom NS-Regime aufgelöst, die vorhandene Bibliothek wurde einkassiert und ins damalige Kultusministerium verbracht. Oftmals, so berichtet Kellner, wurde in den Beständen erst nach kompromittierenden Material, beispielsweise in Form von Vermerken, gesucht. Dann wurden die Bestände der Staatsbibliothek angeboten, die daraus 110 Titel auswählte und fein säuberlich in einer Liste erfasste. 67 in dieser Zugangsliste vermerkte Bücher konnten jetzt ausfindig gemacht werden, der Rest dürfte im Krieg verloren gegangen sein. Da der Rechtsnachfolger, der „Verband der katholischen Religionslehrer und Religionslehrerinnen an den Gymnasien in Bayern e.V.“ (KRGB) über keine eigene Geschäftsstelle verfügt, kam die Idee auf, die Werke im Archiv des Erzbistums zu verwahren. Pater Erhard Staufer SDB bedankte sich als Vertreter des KRGB bei der Feierstunde ausdrücklich für diese Bereitschaft des Archivs, die für beide Seiten eine gute Lösung darstelle.

Bei den geraubten Werken handelt es ich um einen typischen Bestand einer Dienstbibliothek. Enthalten sind Berichte von Katechetik-Kongressen, Lehrbücher der Religion für diverse Schularten, Katechismen und Handbücher. Sie finden die Digitalisate mit einer einfachen Suche nache "Provenienz Religionslehrer" auf den Seiten der Stabi unter www.bsb-muenchen.de;

Einige der zurückgegebenen Werke.
Einige der zurückgegebenen Werke. © Kiderle

Die Bayerische Staatsbibliothek hat diese Werke vor der Übergabe und mit Einverständnis des neuen-alten Besitzers auch digitalisiert, so dass die einst geraubten Werke jetzt einem breiten Publikum zugänglich sind. Auch wenn die Bücher keinen großen materiellen Wert mehr haben, so ist diese Übergabe doch von hohem symbolischen Wert. „Wir freuen uns, dass wir spät, aber hoffentlich nicht zu spät diese Werke zurückgeben können. Sie haben hier eine gute Heimat gefunden“ betonte Kellner zum Abschluss der Feierstunde. Dass es bestimmt nicht zu spät ist, bestätigte Ordinariatsdirektorin Sandra Krump: sie sei tief berührt von dieser Rückgabe.

Der Autor
Georg Walser
Online-Redaktion
g.walser@st-michaelsbund.de


Das könnte Sie auch interessieren

Am 12. Juni wird im Erzbistum München und Freising den Seligen Märtyrern von Dachau gedacht.
© fotolia/Jeanette Dietl

Erzbistum München und Freising Neuer Gedenktag für Selige Märtyrer von Dachau

Am 12. Juni wird es heuer im Erzbistum München und Freising erstmals einen Gedenktag für alle seliggesprochenen Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau geben. Wie es zu der Einführung kam, lesen Sie...

06.06.2017

Archivfoto von der Gedenklesung auf dem Münchner Königsplatz
© München liest

Lesung auf dem Königsplatz Gedenken an Bücherverbrennung der Nazis

Am Mittwoch wird in München wieder der Bücherverbrennung von 1933 durch die Nazis gedacht. Eine besondere Kunstaktion von Organisator Wolfram P. Kastner eröffnet die Veranstaltung.

09.05.2017

Internationale Gedenkfeier für Karl Leisner Zeichen des Protestes gegen die Schergen des Nationalsozialismus

Rund 300 Menschen haben in Dachau der heimlichen Priesterweihe des inzwischen selig gesprochenen Diakons Karl Leisner gedacht. Mit dabei waren auch 100 Jugendliche aus Frankreich und Verehrer Leisners...

18.12.2014

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren