Missbrauchsskandal Neue Ermittlungen gegen Pell

14.04.2020

Die australische Polizei ermittelt erneut wegen des Verdachts von Kindesmissbrauch gegen Kardinal George Pell. Unterdessen gab dieser sein erstes Interview seit seinem Freispruch.

Vier Polizisten durchsuchten das Priesterseminar, in dem Pell sich aufhält. © imago/Insidefoto

Melbourne – Gegen den australischen Kardinal George Pell läuft eine neue polizeiliche Ermittlung. Medienberichten zufolge wirft erneut ein Mann Pell vor, von ihm in den 70er Jahren sexuell missbraucht worden zu sein. Videos australischer Medien zeigen, wie am Dienstag mindestens vier Polizeibeamte das Priesterseminar in Melbourne betraten, in dem der 78-Jährige seit seinem Freispruch durch Australiens Oberstes Gericht in der vergangenen Woche lebt. Unterdessen gab Pell sein erstes Interview seit seiner Freilassung.

Der ehemalige Finanzchef des Vatikan hat immer wieder dementiert, sich an Kindern und Jugendlichen sexuell vergriffen zu haben. Der High Court hatte in der vergangenen Woche Pells Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs zu sechs Jahren Haft aufgehoben. Nach Ansicht der Richter hatten die Geschworenen nicht ausreichend die Aussagen von Entlastungszeugen berücksichtigt.

Verfahren hinter verschlossenen Türen

Rechtsexperten betonten nach dem Aufhebungsurteil ausdrücklich, in dem Verfahren vor dem obersten Gericht sei es nicht um die Frage gegangen, ob Pell die Straftaten begangen habe oder nicht, sondern um juristische Formfehler im Strafprozess sowie im nachfolgenden Berufungsverfahren.

Die Beurteilung des "Falls Pell" ist für die Öffentlichkeit sehr schwierig, weil die Aussage des mutmaßlichen Opfers nie veröffentlicht wurde und nur den unmittelbar beteiligten Prozessparteien bekannt ist.

Zudem war seinerzeit eine Berichterstattung über das Strafverfahren gerichtlich verboten. Selbst über den Schuldspruch im Dezember 2018 durfte zunächst nicht berichtet werden. Das Verbot galt für australische als auch für internationale Medien. Der Öffentlichkeit ist daher bis heute nicht bekannt, was im Strafverfahren hinter verschlossenen Gerichtstüren ablief.

Zivilklagen laufen

In einem ersten Interview nach seiner Entlassung nach 405 Tagen im Gefängnis reklamierte Pell, er sei Opfer "einseitiger" Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen australischen Senders ABC. "Ein nationaler Sender, der in überwältigender Weise eine Sichtweise und nur eine Sichtweise präsentiert, ist Betrug am nationalen Interesse", sagte der Kardinal im Interview mit seinem Vertrauten Andrew Bolt.

Auszüge des Interviews für den Sender Sky News wurden bereits am Ostermontag veröffentlicht. Das vollständige Interview mit dem Journalisten Bolt, einem langjährigen Vertrauten Pells, wird am Dienstagabend australischer Zeit ausgestrahlt.

In Melbourne waren bereits vor den jetzt bekanntgewordenen neuen Ermittlungen zivilrechtliche Klagen gegen Pell wegen des Missbrauchs Jugendlicher anhängig. Zudem sind strafrechtliche Verfahren wegen des Verdachts von Behinderung der Justiz bei seinen Aussagen vor dem staatlichen Missbrauchsausschuss wahrscheinlich. Belege dafür könnten sich in den zwei Bänden des Abschlussberichts der Kommission finden, die nach dem jetzt abgeschlossenen Verfahren freigegeben werden sollen. (kna)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch

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