Freiwilligenprogramm "JesuitVolunteers" Neue Heimat Bosnien-Herzegowina

01.09.2017

Anfangs war Franziska von Wendorff frustriert von dem Land, in dem sie ihren Freiwilligendienst absolvierte. Doch das änderte sich. Hier schildert sie, wie es ihr im bosnischen Tuzla erging.

Im Winter vermisste Franziska von Wendorff ihre Familie, im Frühjahr machte ihr die Arbeit wieder Freude.
Im Winter vermisste Franziska von Wendorff ihre Familie, im Frühjahr machte ihr die Arbeit wieder Freude. © privat

Bosnien-Herzegowina. Ein Land, dessen Namen ich schon mal gehört hatte. Ein Land irgendwo auf den weißen Flecken meiner geistigen Landkarte. Ein Land, über das ich nichts wusste. Ein Land, in dem ich lernte. Ein Land, in dem ich wuchs. Ein Land, mit dem ich mich heute verbunden fühle. Ein Land, das mir ein Stück Heimat wurde.

Gefühlt schon immer wollte ich nach meinem Abitur 2016 ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) leisten. Nach einigem Suchen stieß ich auf das Programm „JesuitVolunteers“ und fühlte mich dort auf Anhieb wohl. Doch das Besondere an diesem Programm ist, dass man sich nicht für ein Land bewirbt, sondern dass einem eine Stelle vorgeschlagen wird. Ob es jetzt Indien oder Lateinamerika wurde war mir egal, nur nach Osteuropa wollte ich nicht. Dann kam endlich der ersehnte Anruf und mir wurde mitgeteilt, dass ich ins „Centar Koraci Nade“ in Tuzla, Bosnien-Herzegowina, gehen sollte. Ein Zentrum für Menschen mit Behinderung, in dem es neben Physiotherapeuten, Logopäden und Ergotherapeuten auch ein Kreativatelier gab, in dem ich arbeiten sollte.

Gefühl, nicht dazuzugehören

Nachdem ich mich etwas näher informiert hatte, war ich dann doch ganz motiviert. Allerdings bekam ich von Freunden oft negative Rückmeldungen und so überlegte ich, ob ich nicht doch absagen sollte. Doch nach Gesprächen beschloss ich, wirklich zu fahren, allzu schlimm würde es schon nicht werden. Und so fand ich mich Anfang August im Bus mit meinen beiden Mitfreiwilligen auf dem Weg nach Bosnien-Herzegowina. Ein Land, über das ich nicht viel wusste, und das vielseitiger ist, als ich erwartet hatte. Ohne Bosnisch zu können, kam ich dort an und verbrachte zwei Wochen, in denen ich nicht glücklich war. Ich überlegte, was ich alles in „exotischen“ Ländern erlebt hätte.

Doch mit der Zeit kam ich immer mehr an, lernte die Sprache und lebte mich in meiner WG mit meinen beiden Mitbewohnern ein. Dennoch gab es immer wieder Momente, in denen ich einfach nur heim wollte und bereute, Bosnien zugesagt zu haben. Der Grund war, dass ich mich doch nicht ganz ausdrücken konnte, es als anstrengend empfand, mit Leuten in Kontakt zu kommen und obwohl ich dazulernte und mich anpasste, das Gefühl hatte, nicht dazuzugehören.

Hinzu kam noch, dass man als Freiwilliger Phasen durchläuft und es auch eine sogenannte Tiefphase gibt. Diese fand im Winter ihren Höhepunkt: Im muslimisch geprägten Tuzla fehlte mir neben meiner Familie die Weihnachtsstimmung. Da fast ausschließlich mit Kohle geheizt wird, ist die Luft extrem schlecht und das Atmen fällt schwer. Selbst das Schlittenfahren macht dann nicht so viel Spaß, abgesehen davon, dass es teilweise 30 Grad unter null hatte. Weil ich mich in der Arbeit etwas schwer tat, fühlte ich mich dort nicht komplett wohl. Wegen des Wetters und fehlender Freunde verbrachte ich viel Zeit zu Hause. Dort gingen mir meine Mitbewohner auf die Nerven und verstehen konnte ich immer noch nicht alles. Zusammengefasst war ich also sehr frustriert über ein Land, das „einfach nicht so toll“ war.

Abschied fiel schwer

Doch mit dem Frühling, der Sonne und der sauberen Luft kamen auch die bessere Laune und die Motivation zurück. Außerdem beschloss ich, jeden Tag in der Arbeit mindestens einen Satz zu sagen. Das hatte ich mich davor nicht getraut. Dadurch verstand ich mich immer besser mit meinen Kolleginnen, traute mich mehr zu sagen, auch wenn es falsch war, wodurch wir noch mehr Spaß hatten, und dadurch wurde auch mein Bosnisch besserer. Und so kam es, dass ich meine Arbeit im Kreativatelier mit „meinen Künstlern“ – so nannte ich die Kinder und Erwachsenen, die zu uns ins Atelier kamen – genoss: malen, basteln, pflanzen, Ausflüge machen, kochen oder Tänze einstudieren.

Auch die anderen Bereiche meines Lebens füllten sich, da ich Freunde fand, ein Hobby öfter trainierte, auf Veranstaltungen ging und einfach mehr ausprobierte. Ich fühlte mich also immer wohler und lernte Bosnien besser kennen. Und plötzlich stand meine Rückfahrt bevor. Vor meiner Zeit in Bosnien hatte ich gedacht, dass der Abschied mir leicht fallen würde, da ich doch „nach Hause fahren“ würde. Was ich dabei aber nicht bedacht hatte, war, dass Bosnien auch ein bisschen Heimat wurde. Und so viel mir der Abschied sehr schwer.

Mein Jahr als JesuitVolunteer war zu komplex, um es in wenigen Zeilen gebührend zusammenzufassen. Es war schwierig, schmerzvoll, traurig, einsam, frustrierend und brachte mich manches Mal zu Weißglut. Es war aber auch herzlich, fröhlich, frei, motivierend, kreativ, liebevoll, beglückend und unglaublich lustig. Ich beschloss, ein FSJ zu leisten, um Erfahrungen zu machen. Dass sie so sein würden, hatte ich nicht erwartet. Doch ich bin unglaublich dankbar, dass meine Mentoren gerade meine Stelle in Bosnien-Herzegowina ausgesucht hatten und würde die Entscheidung genau so noch einmal treffen. (Franziska von Wendorff)

„Jesuit Volunteers“
Einsatzgebiete: Afrika, Asien, Lateinamerika, Osteuropa
Dauer des Dienstes: 12 Monate
Alter der Freiwilligen: mindestens 18 Jahre, keine Beschränkung nach oben
Bewerbungsschluss: 31. Oktober
Art der Tätigkeiten: zum Beispiel Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, Menschen mit Behinderungen, alten und kranken Menschen, Obdachlosen oder Flüchtlingen

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Freiwilligendienst

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