Keine Bibel, nur ein Lexikon Neuer Diagnose-Katalog für psychische Krankheiten

17.07.2013

Ein Tabu sind sie nicht mehr. Und das ist gut so. Auch wenn Medienberichte immer wieder die Floskel vom „Tabu-Thema“ bemühen, psychische Krankheiten werden heute öffentlich und privat diskutiert. Ein echter Segen für unmittelbar Betroffene und die, die mit derart erkrankten Menschen zu tun haben.

Susanne Holzapfel ist Chefin vom Dienst bei der Münchner Kirchenzeitung (Bild: Münchner Kirchenzeitung)

Depressionen, Burn-Out, Bulimie – davon haben Laien heute ein ähnlich gut entwickelte Vorstellung wie von Schlaganfall, Diabetes oder Krebs. Weniger bekannt ist, dass es zur Klassifizierung psychischer Erkrankungen einen Katalog gibt, in dem Symptome aufgelistet werden, die dem Arzt bei der Diagnose-Erstellung helfen sollen. Diese ist einerseits für die angemessene Behandlung nötig, andererseits bestimmt sie, was von den Krankenkassen bezahlt werden muss.

Nach über zehnjähriger Arbeit an dem Standardwerk ist jetzt eine überarbeitete Ausgabe namens DSM-5 herausgebracht worden, Autoren sind Mitglieder der American Psychatric Association. Statt als aktualisierte Leitlinie willkommen geheißen zu werden, wird heftig über das Werk gestritten. Kritiker werfen den Autoren vor, zu einer weiteren Psychatrisierung der Gesellschaft beizutragen. Auf gut deutsch: Gesunde werden für krank erklärt. Leichte Störungen zu schweren Diagnosen hochstilisiert. Und: Gewinner seien nicht die Patienten, sondern die Pharmaindustrie, die sich in Fäustchen lacht, weil noch mehr Pillchen und Pülverchen abgesetzt würden. Mag sein, dass die eine oder andere Diagnose vorschnell gestellt werden wird, eben weil eine vorübergehende Störung des psychischen Gleichgewichts nicht mit einer manifesten Krankheit gleichzusetzen ist. Trauer beispielsweise ist eine sehr gesunde Reaktion auf den Verlust eines geliebten Menschen und mitnichten automatisch eine Krankheit, die medikamentös behandelt werden müsste.

Die Aufregung um den DSM indes ist übertrieben. Denn so oder so wird dieser Katalog nicht die gründliche und kompetente Einschätzung eines Mediziners ersetzen können. Oder wie der US-Mediziner Thomas Insel sagt „Der DSM wird ja häufig als Bibel für die Disziplin beschrieben, tatsächlich ist er im besten Fall ein Lexikon.“

Susanne Holzapfel ist Chefin vom Dienst bei der Münchner Kirchenzeitung


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