Katholischer Reformprozess Neuer Streit um Synodalen Weg

06.09.2021

Es war zu erwarten: Der überraschende Vorstoß einiger Kritiker um Bischof Voderholzer hat neuen Streit über das katholische Reformprojekt Synodaler Weg angefacht. Dabei geht es um Inhalte und um die Diskussionskultur.

Kleines Kreuz vor unscharfem Natur-Hintergrund
Führt der Synodale Weg die katholische Kirche in Deutschland in eine Sackgasse, wie es einige Kritiker nun behaupten? © kangnam - stock.adobe.com

Bonn/Bochum - Es knirscht. Laut und vernehmlich. Und das nicht nur hinter den Kulissen. Vier Wochen vor der nächsten Vollversammlung des katholischen Reformdialogs Synodaler Weg streiten die Delegierten offen über theologische Inhalte, aber auch über die vorherrschende Diskussionskultur.

Befeuert wurde das Ganze durch eine neue Plattform, die einige Kritiker um den Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer am Freitag freigeschaltet hatten. Aus Unzufriedenheit mit dem Fortgang des Projekts und weil der Weg aus ihrer Sicht "in den bisher gefahrenen Gleisen nicht ans Ziel führen kann".

Inhaltlich geht es zunächst um Kritik am vorgelegten Grundtext des Synodenforums I "Macht und Gewaltenteilung". Voderholzer sagte im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), er sei in großer Sorge, "dass die Synodalversammlung Thesen beschließt, die das, was die Einheit der Kirche in der Breite und in der Tiefe ausmacht, sprengen und dass uns diese Thesen in eine Sackgasse führen". Er halte es mit Blick auf den Vatikan und die Weltkirche für falsch, "wenn wir die Dinge immer so weit treiben, dass Rom gezwungen ist, Nein zu sagen, um die Einheit der Kirche zu wahren".

Kritik an Zusammensetzung der Foren

4 der 35 Mitglieder des Forums I haben daher einen Alternativtext veröffentlicht: die Journalistin Alina Oehler, die Wiener Theologieprofessorin Marianne Schlosser, Augsburgs Weihbischof Florian Wörner und der Bonner Stadtdechant Wolfgang Picken. In seinem Podcast kritisierte Picken neben den Inhalten eine einseitige und wenig demokratische Zusammensetzung der Synodalforen. Reformkritische Stimmen, die etwa auf die kirchliche Lehre und Tradition verwiesen hätten, seien zudem in den bisherigen Debatten übergangen oder ausgebremst worden.

Diese harsche Kritik erntete schnell Widerspruch: Der Bochumer Theologe Matthias Sellmann wies die Vorwürfe zurück und forderte die Kritiker auf, "diese missverständliche Äußerung, die den Synodalen Weg als Prozess diskreditiert, öffentlich zurückzunehmen". Er selbst habe bis auf eine Ausnahme an allen Sitzungen des Forums I aktiv teilgenommen, seine Vorschläge eingebracht und auch mit darüber abgestimmt: "Auf viele der Autorinnen und Autoren der Homepage-Gruppe treffen diese drei Punkte schon einmal nicht zu." Auf KNA-Anfrage nannte er ausdrücklich Picken und Schlosser.

Sellmann ergänzte, er begrüße jede Debatte über Inhalte, und es sei auch das gute Recht der Kritiker, eine "parallele Struktur zum gemeinsamen Synodalen Weg zu errichten". Was er aber dezidiert zurückweise, sei der Zweifel an der Fairness der Sitzungen.

Wie ein Kartenhaus

Pickens Replik kam rasch. Auf KNA-Anfrage bekräftigte er seine Vorwürfe: "Auf mehrere schriftliche Eingaben und teils sehr detailliert ausgearbeitete inhaltliche Kritik wurde nicht oder nur oberflächlich eingegangen." Auch Hinweise zur Diskussionskultur habe man mehrfach vergeblich vorgebracht. Er verwies zudem auf externe Kritik an den theologischen Inhalten des Forumstextes, die etwa von den Kardinälen Walter Kasper und Kurt Koch gekommen sei. Der Text riskiere, "dass er wie ein Kartenhaus zusammenbricht, weil er auf theologischen Hypothesen beruht, die nicht mit der Weltkirche in Einklang zu bringen sind".

Unterdessen kam aber auch inhaltliche Kritik am Alternativtext von Picken und Co. - und zwar vom Bochumer Theologen Thomas Söding und von Johannes Norpoth, der als Betroffener sexualisierter Gewalt und Mitglied im Betroffenenbeirat bei der Bischofskonferenz Gast im Synodalforum I ist. In einer längeren Analyse weisen sie unter anderem darauf hin, dass hier eine kleine Minderheit einen bereits im Februar verabschiedeten Grundtext kritisiere, der "eingehend beraten, sorgfältig, auch kontrovers diskutiert, aber immer mit überwältigenden Mehrheiten beschlossen" worden sei.

Der Alternativtext rede die Aufgaben klein, an deren Lösung die Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland hänge. So gebe es eben nicht nur persönliches Versagen, sondern auch systemische Ursachen für Missbrauch und andere Probleme. Die notwendige Beachtung der Geschlechtergerechtigkeit, der stärkeren Mitverantwortung von Laien und einer "tiefgreifenden Umgestaltung der kirchlichen Sexualmoral" werde in dem Text nicht ausreichend thematisiert oder sogar verleugnet.

Führungsmodelle aus der Vergangenheit

Stattdessen werde dem Vorschlag der Mehrheit "denunziatorisch vorgeworfen, nicht mehr katholisch zu sein, weil angeblich das Weiheamt ausgehöhlt werde, wenn von geteilter Leitungsverantwortung, effektiver Machtkontrolle und notwendiger Rechenschaft gesprochen wird". Der Alternativtext, so Söding und Norpoth weiter, halte stattdessen an Führungsmodellen aus der Vergangenheit fest und an "klerikalen Privilegien, die als sakrosankt gelten sollen".

Auf Twitter, Facebook und anderen Plattformen geht die Diskussion munter weiter. Es dürfte also spannend werden bei der Vollversammlung des Synodalen Wegs vom 30. September bis 2. Oktober in Frankfurt, aber auch schon bei der Herbstvollversammlung der Bischöfe in Fulda in der Woche davor. Wie positionieren sich die anderen Bischöfe, von denen bisher nichts zu hören ist? Und gelingt es weiterhin, die unterschiedlichen Strömungen an einen Tisch zu bringen? Bisher jedenfalls haben selbst die schärfsten Kritiker wie Bischof Voderholzer oder der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki immer wieder betont, den Synodalen Weg weiter mitgehen zu wollen. (Gottfried Bohl/kna)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Synodaler Weg

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