Sozialministerium Neues Projekt zur Obdachlosenhilfe gestartet

31.07.2018

Viele obdachlose Menschen kommen nicht dorthin, wo sie Hilfe erwartet. Der „Mobile Lotsenpunkt“ in München geht daher andere Wege. Das finden nicht alle gut.

Pfarrer Rainer Maria Schießler, Sozialministerin Kerstin Schreyer, Vorstandsvorsitzenden Rupert Hackl, Geschäftsführer Peter Deutsch und Mitarbeiterinnen von Lotse e.V.
Pfarrer Rainer Maria Schießler, Sozialministerin Kerstin Schreyer, Vorstandsvorsitzenden Rupert Hackl, Geschäftsführer Peter Deutsch und Mitarbeiterinnen von Lotse e.V. © StMAS

München – Das Sozialministerium hat am Montag ein Pilotprojekt zur Obdachlosenhilfe in München gestartet. Ab sofort werden zwei Sozialpädagoginnen mit einem Kleinbus, der den Aufdruck "Mobiler Lotsenpunkt" trägt, Hilfe für Obdachlose dort anbieten, wo sich Betroffene aufhalten, wie es hieß. Denn viele seien nicht im Stande, zu den entsprechenden Einrichtungen zu kommen und zu erzählen, wie sie in diese Krise geraten seien.

Nach den Worten von Sozialministerin Kerstin Schreyer (CSU) solle ein Jahr erprobt werden, ob diese Maßnahme passend sei. Dann werde entschieden, wie ein solches Angebot auf Dauer zwischen Freistaat und Kommunen oder auch mit Hilfe einer Stiftung finanziert werden könne.

Selbstverständliche Hilfe

Für die Finanzierung der Pilotphase wurde die Tessin-Stiftung gewonnen. Deren stellvertretender Vorstandsvorsitzender Rupert Hackl betonte, es sei für sie selbstverständlich gewesen, schnell zur Stelle zu sein, um den Ärmsten der Armen und vor allem auch jungen Leuten zu helfen. Die Stiftung habe auch schon die Obdachlosenarbeit der Benediktiner in München-Sankt Bonifaz unterstützt. "Was dort geleistet wird, das berührt das Herz", so Hackl. Fachlich wird das Projekt von Verein Lotse betreut. Geschäftsführer Peter Deutsch sagte, man verstehe sich als Schnittstelle zwischen all den anderen Angeboten, um neue Kontakte zu der Zielgruppe zu finden.

Position des Münchner Netzwerkes Wohnungslosenhilfe

Der Katholische Männerfürsorgeverein München e.V. (KMFV) und das gesamte Münchner Netzwerk Wohnungslosenhilfe sind irritiert über das Pilotprojekt „Mobiler Lotsenpunkt“ des bayerischen Sozialministeriums. Dieses wurde von Sozialministerin Kerstin Schreyer ins Leben gerufen, ohne sich vorab bei den Verbänden und Trägern, die schon seit vielen Jahren in München in der Obdachlosen- und Wohnungslosenhilfe tätig sind, über die Bedarfe und Notwendigkeiten zu informieren. „Die Ankündigung der Staatsregierung, sich zukünftig vermehrt um obdachlose und wohnungslose Menschen kümmern zu wollen, haben wir sehr positiv wahrgenommen und mit der Hoffnung verbunden, dass es zu strukturellen Verbesserungen, wie zum Beispiel bei der sozialpädagogischen Betreuung der Notunterkünfte in München sowie im Münchner Umland, kommt. Hier gibt es viel zu tun. Das Angebot eines Mobilen Lotsenpunktes hingegen braucht es in dieser Form in der Stadt München nicht. Die Streetworkern der Teestube „komm“ des Evangelischen Hilfswerkes leisten bereits seit 1980 aufsuchende Hilfe. Zudem ist die Straßenambulanz des KMFV und der Barmherzigen Brüder dreimal wöchentlich und die Schwestern und Brüder vom heiligen Benedikt Labre e. V. mit ihren Teeausfahrten täglich unterwegs. Wir würden uns darüber freuen, wenn sich das Sozialministerium bei zukünftigen Maßnahmen mit dem Netzwerk in Verbindung setzt, damit wir gemeinsam passgenaue Lösungen finden, die zu wirklich zusätzlichen und nachhaltigen Verbesserungen in der Versorgung obdachloser und wohnungsloser Menschen führen“, erklärt Ludwig Mittermeier, Vorstand des KMFV.

Die Segnung des Ford-Busses nahm der Münchner Pfarrer Rainer Maria Schießler vor. Er ermahnte dazu, die Würde eines jeden Menschen zu respektieren. So habe er etwa für die Arbeit in seinen Gemeinden Sankt Maximilian und Heilig Geist ausgegeben, "dass jeder, der zu uns kommt, auch wenn er noch so stinkt, gesiezt wird". Diese Menschen seien keine Menschen zweiter Klasse. Auch müsse im Hinblick auf jedes Schicksal differenziert werden. "Wenn wir helfen können, tun wir es", so Schießler. Aber es gelte auch zu akzeptieren wenn jemand dies nicht wolle.

Situation von obdachlosen Menschen verbessern

Bereits am Donnerstag hatte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) angekündigt, gemeinsam mit Kirchen, Kommunen und Verbänden eine Stiftung zur Obdachlosenhilfe errichten zu wollen. "Wir wollen die Situation der obdachlosen Menschen in Bayern verbessern mit Unterkunftsangeboten und Beratung und Hilfe nah am Menschen direkt auf der Straße." Die Stiftung soll Teil der beim Papstbesuch im Juni angekündigten Hilfen des Freistaats sein. (kna)

Täglich setzen sich Menschen im Namen der Kirche für die Gesellschaft ein: in Kindertagesstätten, Schulen, Obdachlosenunterkünften und Frauenhäusern. Die Sendung „Total Sozial“ im Münchner Kirchenradio stellt die Verbände und Vereine vor, in denen sie sich engagieren. Hier geht es zu den Podcasts.


Das könnte Sie auch interessieren

Das Netzwerk Wohnungslosenhilfe will Obdachlosen effektiver helfen.
© imago

Obdachlosenhilfe Die Menschen nicht aufgeben

Systemwanderer sind Obdachlose, die Angebote des Hilfesystems nur bedingt annehmen. Oft haben sie psychische Probleme und sind suchtkrank. Mit einem besonderen Angebot will das Netzwerk...

08.05.2019

Max Luger Ich verteile Geld

Wer etwas übrig hat, gibt es ihm und wer etwas braucht, bekommt von ihm. Mindestens 100 Euro. Weil er Almosen nicht mag.

29.04.2019

Total Sozial 100 Tage bayerische Staatsregierung

Im Wahlkampf 2018 waren viele sozialpolitische Themen im Fokus: Wohnungsnot, Armut, Leben im Alter. Seit 100 Tagen regiert nun die Koalition aus CSU und Freien Wählern. Was sie im sozialen Bereich...

25.02.2019

St. Maximilian ist das "Wohnzimmer" von Pfarrer Rainer Schießler
© Kiderle

Münchens bekanntester Seelsorger 25 Jahre Pfarrer Schießler in St. Maximilian

Seit 25 Jahren ist Pfarrer Rainer Maria Schießler Seelsorger in St. Maximilian im Münchner Glockenbachviertel.

08.10.2018

© Kiderle

TOTAL SOZIAL Jeder Mensch braucht ein Zuhause

Es ist eine der großen Fragen unserer Zeit: Wie schaffen wir es, dass in Zukunft jeder Mensch eine bezahlbare Wohnung findet? Gerade in Städten wie München ist die Situation sehr angespannt. Hohe...

02.07.2018

© Kiderle

Obdachlosenhilfe in Sankt Bonifaz Ein Leben in zwei Tüten

Selbstversuch in Sachen Barmherzigkeit: Kirchenzeitungs-Chefredakteurin Susanne Hornberger half bei der Essensausgabe für Obdachlose in St. Bonifaz in München mit.

06.11.2016

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren