Manfred Görg-Preis der "Freunde Abrahams" Neugierig auf interreligiösen Dialog

24.09.2018

Juden, Christen und Muslime haben einen gemeinsamen Stammvater: den biblischen Patriarchen Abraham. Um diese gemeinsame Wurzel und das gegenseitige Verständnis zu pflegen, vergibt ein Münchner Verein einen besonderen Preis.

Vier Mal Neugierde auf Interreligiösen Dialog: Stefan Wimmer vom Verein "Freunde Abrahams" und die Manfred Gör-Preisträger Steven Langnas, Gönül Yerli und Benedikit Breil. © Bierl/SMB

München – Die Medaille des Manfred-Görg-Preises zeigt einen Bischof mit Mitra, einen Rabbi mit Scheitelkäppchen und einen Imam mit Turban, die sich einander im Gespräch zuwenden. Behutsam und gerührt nehmen eine Muslima, ein Rabbiner und ein junger Christ sie in der ehemaligen Karmeliterkirche in München entgegen und die rund 100 Gäste klatschen eifrig Beifall. Der erst 19jährige Benedikt Breil hat von der Auszeichnung kurz am Abend seines Abi-Ball erfahren. In seiner Seminararbeit am Gisela-Gymnasium setzte er sich mit „Symbolischen Handlungen im christlich-islamischen Dialog“ auseinander. So hat er etwa den Kreuzzug des mittelalterlichen Stauferkaisers Friedrich II. untersucht, der als einziger ohne Schlacht verlief und den Christen durch Verhandlungen die heilige Stadt Jerusalem wieder öffnete. Während der Arbeit hat er immer mehr Mitschüler und auch seine Lehrer neugierig auf solche interreligiösen Ereignisse gemacht, die auf Verständigung statt auf Konfrontation zielen. „Es gab nur positive Resonanz“, erzählt Breil, der auch im Katholischen Jugenddachverband BDKJ aktiv ist. Seine Lehrerin hat ihn schließlich für die Junior-Kategorie des Manfred-Görg-Preises vorgeschlagen, den der Verein „Freunde Abrahams“ vergibt und der die Gläubigen aus den drei monotheistischen Religionen ermutigen will, offen aufeinander zu zugehen.

Wissen vermitteln

Dazu zählt für den aus Amerika stammenden Rabbiner Steven Langnas, das Juden, Muslime und Christen mehr über einander erfahren. Darum hat der 62jährige das „Münchner Lehrhaus der Religionen“ gegründet. Dort können die Teilnehmer der Vorträge, Diskussionen und Exkursionen zum Beispiel die verschiedenen Speisevorschriften oder Riten im Lebenslauf kennen lernen. Der für diese Arbeit ausgezeichnete Langnas will den Blick vor allem auf die Schriftquellen lenken, auf die sie sich stützen. Das Lehrhaus möchte dabei niemanden „überzeugen oder missionieren, sondern einfach Wissen verbreiten“, sagt Langnas: „Oftmals reicht das“. Die Besucher des Lehrhauses lernten, wie man ein Thema „anders verstehen, aus einer anderen Perspektive sehen und seinen Horizont erweitern kann.“

Medaille für Manfred-Görg-Preis
Medaille für Manfred-Görg-Preis © Bierl/SMB

Kleine Schritte mit großer Wirkung

Eine solche Horizonterweiterung hat Gönül Yerli in ihrer Heimatgemeinde Penzberg selbst mit angestoßen und in ihrer Master-Arbeit wissenschaftlich unter die Lupe genommen. Sie ist stellvertretende Direktorin im islamischen Forum der oberbayerischen Stadt, in der an jedem ersten Freitag im Monat das Freitagsgebet ausschließlich in deutscher Sprache gehalten wird. Gerührt nimmt die 42jährige mit dem eleganten Kopftuch die Medaille entgegen. Denn der Dialog und die Neugierde auf andere Religionen sind eine Lebensaufgabe der oberbayerischen Türkin, die Religion als ihre „große Leidenschaft“ bezeichnet. In ihrer hundertseitigen Studie fasst sie das Besondere des Miteinanders in Penzberg zusammen: „Es geht darum, wie es sich auswirkt, wenn eine Minderheit wie die Muslime den ersten Schritt in den Dialog geht und nicht die Mehrheitsgesellschaft“. Die islamische Gemeinde wurde vor gut 20 Jahren aktiv: „Wir haben gesagt: Wir sind da und können wir miteinander sprechen.“ Es waren „kleine Schritte mit großer Wirkung“, erinnert sich die 42jährige Mutter dreier Kinder. Zunächst haben sich die Christen und Muslime lediglich gegenseitig zu ihren Festtagen gratuliert. Heute unternehmen die christlichen Pfarreien und die islamische Gemeinde alle zwei Jahre eine interreligiöse Studienreise. Erst vor ein paar Wochen sind sie mit einem vollbesetzten Bus ins christlich wie muslimisch geprägte Andalusien gereist. Zuvor waren sie auf den Spuren des heiligen Franziskus in Assisi unterwegs.

Die „Freunde Abrahams“ verleihen den Manfred-Görg-Preis alle drei Jahre. Er ist nach dem gleichnamigen katholischen Priester und Münchner Professor für Altes Testament benannt, der den Verein initiiert hat. Ein Wahlspruch des 2012 verstorbenen Manfred Görg lautete: „Religion verpflichtet zur Offenheit“. In diesem Jahr wurde die Auszeichnung zum ersten Mal in Form einer Plakette überreicht, die der Künstler Niko Dettmer gestaltet hat. Die Junior-Kategorie ist zudem mit einer Preissumme von 1000 Euro verbunden.

Solche Initiativen und das wissenschaftliche Nachdenken darüber unterstützt der Verein „Freunde Abrahams“. Der Vorsitzende Stefan Wimmer hat dabei aber nicht nur das gegenseitige Verständnis, sondern auch das kritische Gespräch im Auge. Ein Dialog bedeute keinesfalls „Gleichmacherei, etwas verwischen oder verharmlosen“. Es gehe darum, sich bewusst zu machen, wie viel die drei Religionen gemeinsam haben, die sich auf den biblischen Stammvater Abraham zurückführen, aber auch die Unterschiede in den jeweiligen Anschauungen deutlich zu machen. Dabei wollen die Freunde Abrahams die Vielfalt und Kritikfähigkeit innerhalb der Religionsgemeinschaften aufzeigen. So thematisieren die Freunde Abrahams den zunehmenden Antisemitismus in Deutschland genauso wie die mangelnde Religionsfreiheit in vielen islamischen Ländern. Dabei sind in den Veranstaltungen des Vereins katholische Theologen zu hören, die das oftmals abwertende Judenbild in der Kirchengeschichte darstellen. Genauso wie muslimische Imame, die mehr christliche Gotteshäuser in der Türkei oder den Zugang für Christen nach Mekka fordern. Solche Stimmen der Toleranz wollen die „Freunde Abrahams“ ermutigen, weil sie oft im Schatten der lauten Parolen und Vorurteile stehen. Stefan Wimmer erkennt da besonders in jüngster Zeit ein zunehmendes „Wahrnehmungsproblem“. In den Religionen „findet schon sehr, sehr viel Gutes statt, vordergründig werden aber nur die Extreme gesehen, die dann für charakteristisch gehalten werden“. Dabei gebe es viele Beispiele wie sich die Religionen in Wertschätzung einander zuwenden. So wie das auf der Plakette des Manfred-Görg-Preises dargestellt ist.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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