Professor Hans Maier zu Joseph Ratzinger Neunzig Jahre – Gnad vor Gott

16.04.2017

Der ehemalige bayerische Kultusminister und Theologieprofessor Hans Maier hat bereits als junger Theologiestudent den charismatischen Joseph Ratzinger erlebt. Hier schreibt er über seine Begegnungen mit dem späteren Papst Benedikt XVI.

Kultusminister Hans Maier (rechts) diskutiert in einer Kaffeepause mit dem Theologieprofessor Joseph Ratzinger (links), der ehemalige Abt von Metten und spätere Kardinal Paul Augustinus Mayer OSB (gest. 2010) hört aufmerksam zu. © MK-Archiv

Es war im Sommer 1962, als ich Joseph Ratzinger zum ersten Mal sah und hörte – in Salzburg, bei den Hochschulwochen. Er war jung, Mitte der Dreißig, ein Knabe mit einer Glockenstimme. Am Ende der Vorlesung fragte ich meine junge Frau, die lange geschwiegen hatte: „Wie fandest du das?“ Sie schwieg noch einmal lange, und dann brach es aus ihr hervor: „Dieser Mann – ist begeisternd!“

Der junge Theologe konnte nicht nur Jungverheiratete beeindrucken. Er wurde rasch auch in der internationalen Theologenszene ein Star. Als Bonner Professor und späterer Konzilsberater arbeitete Ratzinger dem Kölner Kardinal Frings zu. Ratzingers Interventionen zu wichtigen Konzilsentwürfen zeigen das Bild eines modernen, zeitaufgeschlossenen Theologen – so wandte er sich gegen Vorstellungen eines „katholischen Staates“, unterstützte die Erklärung über die Religionsfreiheit, wandte sich „mit Rücksicht auf die getrennten Brüder“ gegen ein neues Mariendogma und sprach sich für den Schutz des Einzelnen vor anonymer Denunziation in der Kirche aus.

15 Jahre später: Joseph Ratzinger, inzwischen Professor in Regensburg, wurde am 25. März 1977 als Nachfolger Julius Döpfners zum Erzbischof von München und Freising ernannt – der erste Altbayer auf dem Münchner Stuhl nach einer langen Reihe von Franken und Pfälzern. Als Kultusminister nahm ich die römische Mitteilung aus seinen Händen entgegen und brachte sie – konkordatsgerecht – dem Bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel ins Feriendomizil in Bad Kohlgrub. Die Inthronisation wurde ein bayerisches Fest. Die Gläubigen feierten mit Ratzinger im Liebfrauendom und scharten sich um ihn vor der Patrona Bavariae am Marienplatz.

Nur knappe fünf Jahre blieb Ratzinger (seit Juni 1977 Kardinal) Erzbischof von München und Freising. Er war inzwischen ein weltweit beachteter, in viele Sprachen übersetzter theologischer Autor geworden. Auch der neue polnische Papst Johannes Paul II. lernte ihn kennen und schätzen, suchte ihn nach Rom in den Kreis der Kurienkardinäle zu ziehen, als Präfekt für das katholische Erziehungswesen. Ratzinger lehnte ab unter Hinweis auf den erheblichen Reformbedarf in seinem Bistum. 1981 dann ein neues Angebot: Diesmal ging es um den Vorsitz der Glaubenskongregation. Das konnte Ratzinger nicht ablehnen. Er ließ sich aber die Zusicherung geben, dass er neben diesem Amt weiterhin persönliche theologische Texte publizieren dürfe. Er wollte in seinen Ämtern stets Theologe bleiben – und die Theologie blieb das Zentrum seiner Aktivitäten bis zum heutigen Tag.

Von 1970 bis 1986 war Hans Maier bayerischer Kultusminister. © imago

So begann 1982 die enge Zusammenarbeit zwischen Karol Wojty?a, dem Philosophen auf dem Papstthron, und Joseph Ratzinger, die freundschaftliche Beziehung zwischen dem charismatischen Verkünder und dem eher bedächtigen, introvertierten Gelehrten – eine Verbindung, die bis zum Tod Johannes Pauls II. andauern sollte.

Wiederum 28 Jahre nach der Wahl zum Münchner Erzbischof dann das Unglaubliche, von kaum jemand Erwartete: Am 19. April 2005 wählten die Kardinäle Joseph Ratzinger als Nachfolger Johannes Pauls II. zum Papst. Die Wahl stand im Zeichen der Kontinuität: Ratzinger war der engste Mitarbeiter von Papst Johannes Paul II. gewesen und in den Jahren der Krankheit fast sein Stellvertreter. Die Mehrheit der Papstwähler hatte wohl von Anfang an auf ihn geblickt. Ratzinger war der erste deutsche Papst seit 482 Jahren. Er nahm den Namen Benedikt an, den Namen des großen Heiligen und Ordensgründers – und zugleich den Namen des Friedenspapstes im Ersten Weltkrieg.

Das Pontifikat von Benedikt XVI. dauerte mit acht Jahren kürzer als erwartet. Am 28. Februar 2013 trat Benedikt XVI. aus eigenem Entschluss als Papst zurück. Seither wohnt er, noch immer in der weißen Soutane, jedoch ohne Pellegrina, in einem kleinen, für ihn umgebauten Kloster in den Vatikanischen Gärten. Seinem Nachfolger Papst Franziskus gelobte er „bedingungslosen Gehorsam“.

Am 16. April 2017 feiert Joseph Ratzinger/ Benedikt XVI. seinen 90. Geburtstag. Ich wünsche ihm für diesen Tag Freude und Glück im Kreis seiner Freunde – und einen beruhigten eigenen Blick auf sein Lebenswerk. Vieles verbindet mich mit ihm, obwohl es im Lauf der Zeit auch Probleme und Zusammenstöße gab: die Freude am Glauben, die Sorge-Empfindung gegenüber der fortschreitenden „Gottesfinsternis“ in Teilen des alten Europa, die Liebe zu Musik und Sprache. Davon zeugen ein 1970 gemeinsam verfasstes, inzwischen in viele Sprachen übersetztes Buch „Demokratie in der Kirche“ und die Mitgründung der „Internationalen Katholischen Zeitschrift (Communio)“ 1972.

Bleiben wird gewiss sein umfangreiches, seit 2008 im Herder Verlag erscheinendes theologisches Gesamtwerk. Schwieriger zu beurteilen ist sein kirchenpolitisches Erbe. Joseph Ratzinger ist auch auf dem Papstthron im Grunde immer Theologe, Prediger, Autor geblieben. Man darf annehmen, dass auch Konflikte in unmittelbarer Nähe, bis zu vertrauten Mitarbeitern hin („Vatileaks“), ihn zermürbt und zu seinem Rücktrittsentschluss beigetragen haben.

Paradoxerweise hat er gerade mit diesem Rücktritt Papstgeschichte geschrieben. Denn der Rücktritt machte klar: Auch das höchste Amt der Christenheit ist ein Amt – nichts Überirdisches. Es kann übernommen, geführt, verwaltet werden – und auch zurückgelegt, wenn es besondere Umstände verlangen. Damit eröffnete Benedikt XVI. einen Freiheitsraum für alle seine Nachfolger. So entwickelt sich die Kirchengeschichte!

Dieser Artikel gehört zum Thema Kar- und Ostertage 2017

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