„Haltungen der Unerschrockenheit“ Nicht vor der Angst flüchten

26.11.2017

Thomas Dienberg hat ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Unerschrocken. Mit dem Glauben durch angstvolle Zeiten“. Wie er mit seinen eigenen Ängsten umgeht, verrät der Kapuziner hier.

In jedem Menschen stecken die elementaren Ängste des Lebens - etwa vor Tod, Krieg und Krankheit, meint Professor Thomas Dienberg. © Fotolia

mk online: Ihr neuestes Buch trägt den Titel „Unerschrocken. Mit dem Glauben durch angstvolle Zeiten“. Was hat Sie bewogen, es zu schreiben?

Dienberg: Angst ist ein Teil des Lebens. In den zwei vergangenen Jahren ist mir dieses Thema in besonderer Weise in vielen Veröffentlichungen und Diskussionen in unserem Land aufgefallen. Dabei ist mir immer wieder negativ aufgestoßen, dass so manche Ratgeber, ‚fromme Experten‘ und auch Theologen versuchen, Angst wegzureden, schönzureden oder sie zu verharmlosen. Ganz nach dem Motto: Wenn ich glaube, dann brauche ich keine Angst zu haben. Warum? Ist Angst immer negativ? Passt sie nicht zum Glauben? Doch: Hat nicht auch Jesus Angst gehabt? Wichtig ist doch, dass ich mich von den Ängsten nicht zerstören lasse oder sie sich in meinem Leben destruktiv auswirken. So kam ich auf die Idee, ein Buch über den Umgang mit der Angst zu schreiben. ‚Unerschrocken‘ ist für mich in diesem Zusammenhang ein entscheidendes und wichtiges Wort.

 

mk online: Sie zitieren in Ihrem Buch eine Studie, wonach der Angstindex der Deutschen 2016 um zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen sei. Teilen Sie diese Einschätzung?

Dienberg: Ich glaube schon, dass der Angstindex gestiegen ist. Auch wenn ich mich manchmal frage: Warum? Werden nicht auch gerade durch populistische Politiker und ‚Endzeitfanatiker‘ Ängste geschürt und aufgebauscht? Das muss nicht sein – und ich glaube, man kann das Thema auch wesentlich entspannter und gelassener angehen, denn es ist ein Lebensthema mit unendlich vielen Facetten.

 

mk online: Haben sich Ängste geändert? Haben die Menschen heutzutage andere Ängste als früher?

Dienberg: Ich glaube nicht, dass sich die Ängste geändert haben, denn in jedem Menschen stecken doch die elementaren Ängste des Lebens: die Angst vor der Existenzbedrohung, die Angst vor dem Tod, die Angst vor Kriegen und Untergang, die Angst vor Krankheit und Leid, die Angst um die liebsten Menschen. Manche dieser Ängste, so meine Meinung, haben sich allerdings verdichtet. Ich denke hier vor allem an die Angst vor dem Fremden, ausgelöst durch die großen Migrationsbewegungen der Moderne. Doch verbindet sich diese mit anderen Ängsten, sie geht eine Verbindung ein mit der Angst um die eigene Existenz, mit der Angst vor dem Verlust von Arbeitsplatz und Wohlstand. So kommt es dann zu einer Angst vor den Fremden, die stellvertretend für so manch’ andere Ängste steht. Das wiederum wird geschürt und verdichtet von unverantwortlichen Politikern, Wissenschaftlern und Populisten. Die Zeiten sind unsicher geworden, und das ist ein guter Nährboden für vieles.

mk online: Wovor haben Sie persönlich Angst?

Dienberg: Ich habe einige Ängste, muss aber auch sagen, dass diese phasenweise in ganz unterschiedlicher Weise auftreten. Mal sind sie stark, mal nehme ich sie kaum wahr. Es ist durchaus die Angst vor dem Tod. Immer wieder frage ich mich, wie ich mich verhalten würde, wenn der Tod vor meiner Tür steht. Ich glaube an ein Leben nach dem Tod, und trotzdem habe ich meine Fragen und auch Befürchtungen … Manchmal habe ich Angst vor mir selbst und dem, was in mir lebt, denn ich bin mir oft selbst ein Rätsel. Schließlich habe ich Angst um das Wohlbefinden, die Gesundheit und das Leben mir lieber Menschen.

 

mk online: Wie gehen Sie mit Ihren Ängsten um?

Dienberg: Das Erste und Wichtigste ist für mich die Wahrnehmung und das Eingestehen meiner Ängste, sie nicht fromm wegzureden und zu unterdrücken. Dann hilft mir im Umgang mit meinen Ängsten meine Verankerung in Gott, indem ich mir immer wieder bewusst mache, worin mein Leben gründet, was mir wichtig ist und wie ich mein Leben wieder aus dieser mir wichtigen Quelle heraus lebe. Konkret sind für mich das Gebet und die Stille sehr wichtig und hilfreich.

 

mk online: Sie sind Ordensmann und Priester. Hilft Ihnen Ihr Glaube bei der Bewältigung Ihrer Ängste?

Dienberg: Ich glaube, ohne den Glauben könnte ich mit meinen Ängsten nicht in guter Weise umgehen. Sie werden dadurch nicht geringer und kleiner, aber sie sind handhabbarer.

 

mk online: Was raten Sie anderen Menschen, wenn sie Angst haben?

Dienberg: Egal, um was für eine Angst es sich handelt, so würde ich anderen Menschen immer raten, die Angst anzusehen, sie wahrzunehmen und nicht vor ihr zu flüchten. Ich kann nur gut und sinnvoll mit der Angst umgehen, wenn ich sie ernst nehme. Des Weiteren würde ich sie dann fragen, was sie der Angst entgegensetzen können: an positiven Gedanken, an Haltungen – auch an Quellen. Was sind die Quellen im Leben, und wie kann der Einzelne aus ihnen so leben, dass die Angst ihn nicht überwältigt? Es tut ebenfalls sehr gut, mit jemand anderem über die Angst zu sprechen, sie sich praktisch von der Seele zu reden und mit anderen zu teilen. Wichtig finde ich ebenso, die Ängste mit der Hoffnung des Glaubens zu konfrontieren, sie nicht ‚fromm zu reden‘, aber ihnen durch die Kraft des Glaubens die Schärfe und ihre Bedrohlichkeit zu nehmen.

 

Thomas Dienberg ist Professor für Theologie der Spiritualität an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Münster. © privat

mk online: Sie empfehlen in Ihrem Buch „Haltungen der Unerschrockenheit“. Welche sind das und wie lassen sie sich einüben?

Dienberg: Da gibt es ganz verschiedene Haltungen, die mir in diesem Zusammenhang einfallen. Da ist zunächst das Wahrnehmen der eigenen Sehnsucht, heißt, mir immer wieder die Frage zu stellen, was meine tiefste Sehnsucht ist – und von dieser nicht zu lassen, nicht locker lassen, sondern mich auf die Suche nach ihr zu machen. Sehnsucht ist ein Antriebsmotor des Lebens: die Sehnsucht nach Sinn, nach Gott, nach Liebe. Diese geht Hand in Hand mit der Haltung: Gott nicht in Ruhe zu lassen. Auch wenn ich die Erfahrung seiner Abwesenheit oder Ferne in meinem Leben mache: ihn nicht in Ruhe lassen, ihn zur Rede stellen, ihm meine Fragen und Klagen, auch Anklagen entgegenschleudern. Des Weiteren gehören für mich Wagemut und Tapferkeit zu diesen Haltungen der Unerschrockenheit. Immer wieder also den Versuch unternehmen, über meinen Schatten zu springen und etwas zu wagen, und das in der Haltung des Vertrauens, dass da jemand ist, der mit mir geht, der bei mir ist, trotz und in allem, der mich trägt: Gott. Und schließlich gehört auch der Tod zum Leben, will sagen: Es nützt nichts, wenn ich vor ihm davonrenne, ich muss mich ihm stellen, ihn in mein Leben integrieren – und mit der Hoffnung auf die Auferstehung konfrontieren.

mk online: Welche „unerschrockenen Gestalten“, wie Sie sie nennen, können dabei Vorbild sein?

Dienberg: Mir hilft der Blick auf Dietrich Bonhoeffer sehr, hat er doch in der Haft mit dem Tod vor Augen, seine Fragen gestellt, seine Ängste zugelassen und sie mit seinem Glauben konfrontiert. Die Angst vor sich selbst: Wer bin ich?, auch die Angst vor dem, was ihn erwartet – und das in Worte zu fassen, darin ist er mir ein großes Vorbild. Ebenso Therese von Lisieux mit den Erfahrungen der dunklen Nacht, die mir zeigt, dass es dunkel werden kann, und dass in allem Unglauben und Zweifel Gott ebenso zu finden ist. Arnulfo Romero und Martin Luther King zeigen mir, dass der Umgang mit den Wirklichkeiten und der Einsatz für das Leben das Unerschrockene des christlichen Glaubens ausmachen – und dass ich immer wieder einmal in meinem Leben die eigene Feigheit und Kleingläubigkeit hinter mir lassen muss, so dass ich im wahrsten Sinne des Wortes mit der Nachfolge Jesu Ernst mache.

mk online: Als Urangst bezeichnen Sie die Angst vor dem Tod. Wie kann man sich ihr stellen?

Dienberg: Das ist nicht immer leicht, mir bewusst zu machen, dass ich eines Tages nicht mehr bin, dass ich mich in die Hände Gottes fallen lassen muss. Wie das gehen kann: zum einen, indem ich den Tod anschaue, die Vergänglichkeit des Lebens wahrnehme, ihr nicht davonlaufe, auch meinem eigenen Altern und den vielen kleinen Toden in meinem Alltag, wenn es eben nicht mehr so geht, wie gedacht, oder wenn mir liebe Menschen gehen oder etwas scheitert und definitiv am Ende ist. Diese Realitäten nicht ausblenden, das ist ein Schritt einer Einübung. Mir hilft vor allem der Gang über den Friedhof. Hier, wie nirgends sonst, begegnet mir der Tod, unausweichlich – und in der Natur, in die der Tod eingebettet ist, auch das Leben, das Werden und das Vergehen. So ist es nun einmal.

Im Rahmen des „Monats der Spiritualität“, der vom Sankt Michaelsbund veranstaltet wird, finden zwei Veranstaltungen mit Professor Thomas Dienberg OFMCap statt: Am 29. November wird er an einer Podiumsdiskussion zum Thema „Wirtschaften um des Menschen willen“ teilnehmen. Veranstaltungsort: Pfarrheim St. Anton, Kapuzinerstraße 36a in München. Beginn ist um 20 Uhr. Und am 30. November hält er ab 19.30 Uhr im Pfarrheim St. Elisabeth in der Breisacher Straße 9a in München einen Vortrag zum Thema „Mit dem Glauben durch angstvolle Zeiten“.

Die Autorin
Karin Hammermaier
Münchner Kirchenzeitung
k.hammermaier@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Monat der Spiritualität und zum Thema Monat der Spiritualität

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