Vollversammlung des Diözesanrates Nüchterne Analyse und Zukunftshoffnungen

17.03.2019

In Oberschleißheim hat sich am Samstag der Diözesanrat der Katholiken zu seiner Frühjahrsvollversammlung getroffen. Dabei haben die 170 Delgierten die Zukunft der Erzdiözese München und Freising in den Blick genommen.

Wie geht´s weiter mit der Kirche im Erzbistum? Kardinal Marx trägt seine Ideen vor dem höchsten Laiengremium seiner Diözese vor? © SMB/Kiderle

Oberschleißheim – Normalerweise sind Grußworte im wahrsten Sinne Gruß-Worte, harmlos, nett, im besten Falle unterhaltsam. Bei Martin Nieroda, Vorsitzender des Dekanatsrates Feldmoching, ist das anders. Er nutzt die wenigen Minuten am Rednerpult. Zunächst bringt er die 170 Delegierten des Diözesanrates bei ihrer Frühjahrsvollversammlung in Oberschleißheim zum Lachen. „Seit acht Jahren senke ich im Diözesanrat den Altersdurchschnitt“, sagt der 31-Jährige augenzwinkernd. Um dann den Wahnsinn einer der größten Krisen der katholischen Kirche in nur einen Satz zu packen: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein aufrichtiger, gottesfürchtiger Mensch, der glaubt, sich am Ende seiner Tage vor Gott für seine Taten rechtfertigen zu müssen, gleichzeitig hoffen kann, damit [gemeint ist der Missbrauch] vor dem lieben Gott bestehen zu können."
Die Missbrauchskrise mit all ihren Facetten ist natürlich auch während der Vollversammlung „Quo vadis, Erzdiözese? Was soll bleiben und was muss sich ändern?“ präsent. Was vor wenigen Jahren noch undenkbar war auszusprechen, ist nun offen Thema: Diskussion über in die Sexualmoral der katholischen Kirche, Diakonat der Frau - Kardinal Reinhard Marx wird später von „epochalen Veränderungen“ sprechen.

Zunächst referiert Generalvikar Peter Beer über „Ressourcen: Wie gehen wir damit um?“. Grundvoraussetzung ist die Bereitschaft zu haben, sich zu wandeln und mutig in die Zukunft zu schauen. Nur so könne man glaubwürdig sein. „Wie wollen wir Menschen für unsere Sache begeistern, sie stärken und sie an uns binden?“, fragt der Generalvikar die Versammlung.

In drei Jahren droht finanzielles Minus

Man müsse Menschen ernst nehmen in ihrer Eigenverantwortung. „Es kommt keiner mehr in den kirchlichen Dienst, wenn wir Loyalitätsverpflichtungen haben, die als willkürlich erlebt werden.“ Deshalb werde auf Landes- und Bundesebene bereits daran gearbeitet, zu einem neuen kirchlichen Arbeitsrecht zu kommen. „Und wie wollen wir mit Mitarbeitern und Ehrenamtlichen mit homosexueller Neigung umgehen, die in der Kirche sind, sich engagieren, sich einbringen, bei denen wir aber so tun, als gebe es sie nicht?“, stellt Generalvikar Beer wieder in den Raum. Mit Nachdruck betont er: „Das kostet Glaubwürdigkeit.“ Und eine dritte, „große Herausforderung“ nennt er: die Zukunft der vielen Kirchengebäude. Das Problem: Die Schere „zwischen dem, was der Erhalt kostet, und dem, was in der jeweiligen Kirche passiert“, klaffe bereits jetzt immer weiter auseinander. „In drei Jahren, wenn wir so weitermachen“, rechnet der Generalvikar vor, „kommen wir ins Minus, in zehn Jahren werden wir erheblichen finanziellen Einbruch erleben.“ Das Dilemma: Die steigenden Einnahmen werden sofort aufgesogen von steigenden Bau- und Personalkosten. Seine Faustregel nennt er auch: Kirchen möglichst im Besitz halten, für kirchlichen Zweck nutzen und als Ort des Gebetes erhalten. Eine Möglichkeit sei, mit der evangelischen Kirche gemeinsam Gebäude zu nutzen. Es gebe bereits einen derartigen Austausch, erzählt der Generalvikar. „Unterschiede in Einheit leben“, nennt er das.

Generalvikar Peter Beer
Generalvikar Peter Beer © Kiderle

Machtteilung auf Spitzenposten

Á propos Wandlung: Auch Generalvikar Peter Beer wird sich verändern, persönlich, Ende dieses Jahres verlässt er das Erzbistum, wohin er geht, wisse er selbst noch nicht, wie er der Münchner Kirchenzeitung versichert. Der Posten des Generalvikars wird neu besetzt, aber nicht nur das, seine „wirklich mächtige Position wird nun geteilt“: Es wird eine Amtschefin oder einen Amtschef geben, der das operative Verwaltungsgeschäft übernimmt. „Wir haben jetzt die kirchenrechtliche Absicherung, dass es geht.“ Nun gehe es an die Stellenbeschreibungen, der Diözesanrat solle seine Vorstellungen äußern. Professor Hans Tremmel, Vorsitzender des Diözesanrates, fordert: Die Person solle „viel Sozialkompetenz mitbringen, Rätearbeit kennen, wissen, was Ehrenamt bedeutet, und ich wünsche mir, dass ich nicht zwei Jahre lang erklären muss, was der Diözesanrat ist“.

Personalplanung vor großen Veränderungen

Anschließend spricht Monsignore Klaus Peter Franzl, Ressortleiter Personal im Erzbischöflichen Ordinariat. Die Diözese steht vor einer Herausforderung: „Bis 2030 werden wir etwa 30 Prozent der pastoralen Mitarbeiter verlieren, weil sie in Rente gehen.“ 878 Planstellen werden es dann wohl sein, heute seien es 1.129. Zukünftig solle sich der pastorale Blick auf die Lebenswelten und Lebenswirklichkeiten aller Menschen richten, erklärt Monsignore Franzl, eine Weg- und Lebensbegleitung sozusagen. „Multiprofessionelle pastorale Teams sollen zusammenarbeiten, also Menschen, die aus unterschiedlichen Professionen kommen wie Sozialpädogogen oder Psychologen.“ Das Angebot wiederum soll „dienstleistungsorientiert arbeiten, auf die individuellen, personenbezogene Bedürfnisse eingehen“. Wenn sich eine neue Aufgabe auftue, soll es möglich sein, schnell und flexibel „innovative Funktionsstellen“ zu schaffen. Ein großes Problem benennt Monsignore Franzl: die schwindende Attraktivität des Arbeitgebers Kirche.

Viele Katholiken sind kritisch, aber noch treu

Das demonstriert Ordinariatsrat Armin Wouters, Leiter der Stabsstelle Kommunikation im Ordinariat, in seinem Vortrag „Gemeinsam die Bindungskräfte erhalten“ mit deutlichen Zahlen aus einer Studie. Im Erzbistum haben 2018 - befragt wurden Menschen noch vor dem neuerlichen Höhepunkt der Missbrauchskrise - 18.000 Katholiken die Kirche verlassen, 2012 waren es noch 13.000. Von Jahr zu Jahr gehen die Mitgliederzahlen zurück“, konstatiert Wouters. Diesem Schritt gehe eine Entfremdung voraus, konkrete Erfahrungen wie unwürdige Beerdigungen beispielsweise. Besondere „Austrittsneigung“ hegten demnach die 18- bis 29-Jährigen sowie die 50- bis 65-Jährigen. „Katholischsein ist noch keine Sonderwelt in Deutschland“, sagt Wouters, „aber in gebildeten, modernen Lebensentwürfen kommen wir zunehmend nicht mehr vor.“ Alarmierend auch diese Zahlen: Die Menschen sind weiter ehrenamtlich engagiert, aber vor allem in der Gesellschaft, nicht in der Kirche. Wouters: „Die Ursachen müssen wir klären.“ Und fügt hinzu: „Wir müssen Milieus aufbrechen.“
Mit dieser Ernüchterung gehen die Delegierten des Diözesanrates in Untergruppen. Diskutiert wird über das eben Gehörte. Die Gruppe „Gemeinsam die Bindungskräfte erhalten“ stellt fest, dass es wichtig sei, Kinder zu erreichen, sich mit Institutionen wie der Caritas zu vernetzen und, das bringt Markus Bayer aus dem Pfarrverband Gräfelfing ins Spiel, es sei sinnvoll, den Pfarrbrief an alle Haushalte zu verteilen, eben nicht nur an die Katholiken. So könne ihr Angebot alle erreichen. Die Idee funktioniere gut, erzählt er. In der Gruppe „Joker“, in der es um jedes Thema gehen kann, besprechen die Teilnehmer, wie man berufliche Quereinsteiger für die Kirche gewinnen könne: flexiblere Arbeitszeiten und eine entsprechende Weiterbildung fallen hier.

Kardinal Reinhard Marx
Kardinal Reinhard Marx © Kiderle

Kirche ist kein Museum

Der Vorsitzende des Diözesanrates, Professor Hans Tremmel, spannt anschließend in seiner Rede einen großen Bogen über die aktuellen Themen: Er begrüßt den soeben in Lingen verabschiedeten synodalen Prozess. „Dass sich die Bischofskonferenz die Geschwindigkeit der längst überfälligen Reformprozesse nicht länger von Rom und von der Weltkirche diktieren lässt, ist offensichtlich das Ergebnis echter, nachhaltiger Einsicht“, sagt Tremmel. Wer nach Missbrauchs- und Finanzskandalen die Notwendigkeit tiefgreifender Reformen nicht sehe, „will die Kirche als Museum erhalten. Es brennt und manche geweihten Herren überlegen immer noch, ob die mittelalterlichen Brandschutzmaßnahmen nicht vielleicht doch ausreichend sind“. Der Vorsitzende fordert „eine menschenfreundliche Sexualmoral und eine an den Menschenrechten orientierte Ethik und Theologie, die auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau wirklich ernst nimmt“. Dann wendet sich der Diözesanratsvorsitzende an die Bistumsleitung. „Heben Sie bitte das offizielle Predigtverbot für Laien in der Eucharstiefeier in unserer Erzdiözese auf! Ich weiß, es ist inzwischen eigentlich nicht mehr die große Sache, weil sich ohnehin kaum mehr ein selbstbewusster Pfarrer an das Verbot hält. Aber es wäre ein deutliches Zeichen!“ Die Mitglieder spenden laut Beifall.

Kardinal Marx - mitten im Diözesanrat

Anschließend ergreift Kardinal Reinhard Marx das Mikro und stellt sich für seine Rede nicht ans Pult, sondern inmitten der Diözesanräte. Unterhaltsam, ernst, humorvoll und auch selbstkritisch spricht der Münchner Erzbischof aktuelle Themen an. Beispiel sexueller Missbrauch und Machtmissbrauch. „Wir müssen jetzt nicht auf Rom warten, wir müssen unseren Weg gehen“, betont Kardinal Marx das Vorangehen der deutschen Kirche, „warum nicht auch einen gewissen Druck, einen gewissen Veränderungswillen sichtbar machen? Sonst ändert sich nie etwas.“ Die systemische Frage werde auf Ebene der Weltkirche noch ausgeklammert, weil man da nicht ran wolle. „Aber das wird kommen, oder wir müssen das immer wieder einbringen“, sagt der Erzbischof mit Nachdruck.
Im Erzbistum gehe es nun darum, Strukturen zu schaffen, Schwerpunkte zu bilden und Strategien für die Zukunft zu erarbeiten. Selbstkritisch spricht er die vom Gesprächsforum „Dem Glauben Zukunft geben“ 2010 geforderte Ehrenamtsakademie an, „seitdem ist nichts vorangegangen - die Ehrenamtsakademie ist ja schon ein ‚running gag‘“, sagt der Kardinal und muss selbst lachen. Und fährt fort, dass „wir nun seit Jahrzehnten über eine Pastoral der Zukunft diskutiert haben, manchmal habe ich das Gefühl, uns fehlt die Kraft der Umsetzung“.

Zukunftspläne

Der Kardinal hat einiges vor. Er kündigt an, dass pastorale Schwerpunkte in einem gemeinsamen Diskussionsprozess festgelegt werden, und gibt zu, noch keine Pläne in der Schublade zu haben. Es sei ein „längeres Unterfangen, ein Beratungsprozess“ notwendig mit Vertretern der Laien, den Priestern, des Ordinariates. Unterhaltsam erörtert er, wie wichtig die Qualität der Verkündigung ist. „Wir brauchen einen starken Gottesdienst, eine Predigt, die Sie umhaut und eine Musik, die Sie mitnimmt.“ Er schaut in die Reihen. „Wenn die Menschen in den Gottesdienst kommen und sagen, die Predigt ist ja zum Weglaufen - das ist ein Punkt an dem wir drehen müssen.“ Nicht ohne Stolz kommt der Erzbischof auf das Thema Frauen in Führungspositionen, eine Quote von 30 Prozent wurde in Lingen beschlossen. „Ich hab´ das extra nochmal angehoben, um Druck zu machen.“

Eine Frau wird den Diözesanrat jedoch verlasen. Silvia Wallner-Moosreiner, Geschäftsführerin der Region Nord, wechselt als Landesgeschäftsführerin zum Sozialdienst katholischer Frauen (SkF). Zum Abschied legt sie den Diözesanräten ans Herz: „Bleiben Sie mutig“.

Die Autorin
Susanne Hornberger
Münchner Kirchenzeitung
s.hornberger@st-michaelsbund.de


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